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Lokalsport „Richtig heiß“ auf die WM
Sport Lokalsport „Richtig heiß“ auf die WM
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19:50 16.08.2017
Dustin Deißler (links) und Florian Herrmann beim Training. Die beiden Marburger wollen am ­Wochenende bei der WM in Irland alles geben. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

Seit dem Frühjahr trainieren Dustin Deißler und Florian Herrmann nahezu täglich, meist mehrere Stunden, zuletzt auch bei Lehrgängen im Breisgau und im Saarland sowie bei einem Trainingsaufenthalt in München. Sie arbeiten an ihrer Maximalkraft, an ihrer Schnellkraft, an ihrer Fitness – und machen immer wieder die selben Bewegungen. Die Abläufe müssen automatisiert werden, um in jeder Kampfsituation blitzschnell reagieren zu können und eigene Aktionen ohne Nachdenken durchzuziehen.

Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen

Mit „Wiederholungen, Wiederholungen, Wiederholungen“ beschreibt Herrmann einen Großteil des Vorbereitungsprogramms. Der 31-Jährige hat Geduld, sein 26-jähriger Vereinskamerad vom Marburger Karate-Dojo ebenfalls – bislang zumindest. „Es wird jetzt Zeit, dass es endlich los geht“, sagt Deißler. „Ich habe richtig Bock auf die Kämpfe.“ Herrmann geht‘s nicht anders. „Richtig heiß“, sagen beide unisono, seien sie auf die Weltmeisterschaften des internationalen Verbands Japan Karate Association (JKA), die am Wochenende in Limerick im Südwesten Irlands ausgetragen werden.

Die beiden Marburger wissen, was sie können. Herrmann will „zumindest die Finalkämpfe erreichen“, erzählt er. Bedeutet: ins Halbfinale kommen. Deißler bestätigt: „Das ist für uns drin“ – sowohl mit der deutschen Mannschaft als auch im Einzelwettkampf. Kein Zweifel: Das nötige Selbstvertrauen, das es wohl braucht, um bei der Medaillenvergabe mitzumischen, ist vorhanden. Nicht zuletzt aufgrund internationaler Erfolge: Jurastudent Deißler gewann vor viereinhalb Monaten Silber mit dem Team und Solo-Bronze bei den Europameisterschaften in den Niederlanden. Herrmann, der eine Pflegeeinrichtung betreibt, pausierte bei den kontinentalen Titelkämpfen Anfang April aus beruflichen Gründen; unter seinem früheren Nachnamen Bindbeutel gewann er 2015 in Prag EM-Silber mit der Mannschaft.

Nervosität kommt kurz vor dem ersten Kampf

Der genaue WM-Modus wird erst kurzfristig bekanntgegeben. Wahrscheinlich wird im Einzel bis zum Viertelfinale in vier Pools mit jeweils maximal einem Sportler pro Nation gekämpft. Würde bedeuten: Läuft es optimal, könnten Herrmann und Deißler frühestens im Halbfinale aufeinandertreffen. „Es gehört aber auch Losglück dazu“, weiß Deißler, der vor seiner WM-Premiere steht. Diese Erfahrung machte Herrmann vor drei Jahren, als er in Tokio erstmals im Wettbewerb mit den weltbesten Karateka stand und in der dritten Runde – nach zwei Siegen über einen Briten und einen Monegassen – auf den japanischen Profikämpfer Keisuke Nemoto traf und trotz ansprechender Leistung unterlag. Eine Niederlage, so ist es im Karate üblich, bedeutet direkt das Aus.

Ein voller Punkt, ein Ippon (siehe „Hintergrund“), führt sofort zum Sieg. Ein einziger Moment der Unachtsamkeit – und die Mühen der vergangenen Monate könnten umsonst gewesen sein. Die Marburger wissen das, nervös macht es sie nicht. Jedenfalls jetzt noch nicht, wie Deißler erzählt: „Die Nervosität kommt erst kurz vorher, die ist aber auch ganz schnell wieder weg.“ Im Duell kommt es auf Schnelligkeit und Kontrolle an, weniger auf die Kraft an sich. Herrmann und Deißler üben die Kampfkunst bereits seit der Kindheit aus – und haben es national in die Spitze geschafft.

Japaner favorisiert, auch Belgier stark einzuschätzen

Auch international sind sie vorn dabei. Die Favoriten kommen jedoch auch bei dieser WM, die am Sonntag mit den Finalkämpfen endet, aus Japan. „Das ist die Heimat des Sports, dort werden die Karateka auch ganz anders gefördert. Der Stellenwert ist insgesamt viel höher“, berichtet Deißler. In Europa sind neben den Russen die Belgier – bei der EM sowohl im Team als auch im Einzel vorn – sehr stark, global auch die Südamerikaner. Gleichwohl: Unschlagbar sei keiner der Konkurrenten, sind sich Deißler und Herrmann einig. Die Tagesform spiele eine große Rolle.

Das gilt neben dem Einzelwettkampf, in dem für Deutschland zudem Stephan Walsleben aus Magdeburg und der Wattenscheider Daniel Wessendorf an den Start gehen, auch für die Mannschaftsentscheidung, für die Bundestrainer Thomas Schulze als fünften Sportler Dennis Klassen aus Remagen nominiert hat. Als Ersatz stehen Jakob Schmidt und Stefan Gude bereit. 2014 landete Herrmann mit der deutschen Mannschaft in Japan auf Rang fünf – diesmal ist das Podium anvisiert.

von Stefan Weisbrod

Hintergrund: Ippon und Wazaari

Karate-Duelle werden durch Punkte entschieden. Wer einen Ippon erreicht, hat nach den Regeln des Verbands JKA sofort gewonnen. Einen solchen vollen Punkt gibt es etwa für exakt und kraftvoll ausgeführte Techniken bei guter Haltung und Balance sowie mit dem richtigen Timing. Für andere Techniken können die Punktrichter, die an jeder Ecke der acht mal acht Meter großen Kampffläche positioniert sind, halbe Punkte, Wazaari, vergeben. Ist bis zum Ende der regulären Kampfzeit von meist zwei Minuten keine vorzeitige Entscheidung gefallen, spielen beispielsweise auch Verwarnungen eine Rolle. Steht es dennoch unentschieden, geht das jeweilige Duell in eine Verlängerung.