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Lokalsport Kuhlmey erinnert sich an die French Open
Sport Lokalsport Kuhlmey erinnert sich an die French Open
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00:17 16.02.2019
Rainer Kuhlmey findet sich selbst „nicht so nervenstark“. In der Qualifikation für die French Open 1971 behielt der Gisselberger aber in drei engen Matches die Oberhand. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Sogar in die New York Times hat es Rainer Kuhlmey geschafft. Zugegeben, er war nur ein Name in einer kurzen Meldung. Der New Yorker Frank Froehling, so stand dort am 26. Mai 1971 zu lesen, habe den (West-)Deutschen bei den French Open mit 6:4, 6:3 und 6:3 besiegt, nachdem das Match am Vortag wegen Dunkelheit abgebrochen worden war.

Eine Schande war es wahrlich nicht, gegen den US-Amerikaner zu verlieren. Der stieß nämlich in jenem Jahr beim Grand-Slam-Turnier in Paris bis ins Halbfinale vor, warf dabei Tennis-Legende Arthur Ashe raus. Endstation war erst gegen den Rumänen Ilie Nastase, der wiederum im Finale gegen den Tschechen Jan Kodes unterlag. Große Namen. Und Kuhlmey war dabei.

Ilie Nastase nannte den Marburger "sehr talentiert"

„Nastase hat mich als sehr talentierten Spieler bezeichnet“, erzählt der Gisselberger. Zweimal habe er gegen den rumänischen Tennis-Star gespielt (und verloren), bei einem Schaukampf in Braunfels und bei einem Turnier im französischen Cannes. Zu sagen, beide seien miteinander befreundet gewesen, wäre vielleicht etwas übertrieben. Aber die eine oder andere gemeinsame Pizza gab es schon. In Marburg. „Er hatte eine Schwester, die am Richtsberg gewohnt hat“, erinnert sich Rainer Kuhlmey.

Der heute 76-Jährige kam durch seinen Vater zum Tennis und spielte zunächst beim Marburger TC. Später begann er, in Frankfurt Volkswirtschaft zu studieren, in Marburg machte er schließlich sein Examen. Im Verein schlug er aber in der Mainmetropole für die Erstliga-Mannschaft der Eintracht auf. „Ich habe mir dadurch das Studium finanziert“, erklärt er.

Besonders in Erinnerung geblieben sind Rainer Kuhlmey aber die French Open 1971, seine einzige Teilnahme an dem renommierten Turnier. „Ich habe mich danach mehr auf nationale Sachen konzentriert“, erklärt der Gisselberger. Was auch mit dem finanziellen Aufwand zusammenhing. 600 Francs, zum damaligen Umrechnungskurs etwa 400 D-Mark, erhielt Kuhlmey für seinen Erstrunden-Auftritt. „Das hat nicht einmal die Kosten gedeckt“, sagt er.

Tiebreaks gab es in den 1970er-Jahren noch nicht

Als Marathonmann hat sich der damals 28-Jährige dennoch in den Geschichtsbüchern der French Open verewigt. In der Qualifikation war Kuhlmey zwar nicht an dem längsten Match aller Zeiten beteiligt. Diesen Rekord halten John Isner und Nicolas Mahut. In der ersten Wimbledon-Runde des Jahres 2010 setzte sich der Amerikaner mit 6:4, 3:6, 6:7, 7:6 und 70:68 gegen den Franzosen durch – nach drei Tagen und einer Gesamtspieldauer von 11:05 Stunden.

Aber an den drei Qualifikationstagen von Paris stand der Urenkel des Marburger Arztes Wilhelm Roser 14,5 Stunden auf dem Sandplatz, um sich das Hauptrundenmatch gegen Froehling zu verdienen. Wie er das durchgehalten hat? „Wenn ich ehrlich bin: Das frage ich mich heute auch noch“, sagt Kuhlmey.

Die Tennisregeln begünstigten solche Mammutmatches. „Es gab keinen Tiebreak, deswegen waren so lange Spiele überhaupt möglich“, führt Rainer Kuhlmey aus. Auch die Spielweise sei eine andere gewesen: „Früher hat man nur mit einem Griff gespielt, dem Rückhandgriff. Da haben die meisten mit der Vorhand Slice gespielt.“ Mit langsamen Unterschnittbällen war das Tempo eben nicht so hoch. „Man konnte mit dem Griff aber hervorragend Volleys spielen und Aufschläge. Da ging es nicht um Kraft, sondern mehr um Technik.“

Mit cleverer Taktik habe man versucht, den Gegner auszuspielen – Stops, Lobs, ab ans Netz. Das vermisst Kuhlmey im heutigen „Hauruck-Tennis“, wie er es nennt. Auch beim frisch gebackenen Australian-Open-Sieger. „Wenn ich mir Novak Djokovic angucke, ist das nur noch ein Geballere von hinten. Da wären sie früher für verrückt erklärt worden.“

Kuhlmey: "Stärke war die Rückhand"

1971 dagegen fiel Kuhlmey, dessen ebenfalls talentierter Sohn Michael später bei den Boris-Becker-Coaches Boris Breskvar und Bob Brett trainierte, durch seinen zähen Kampfgeist auf. In der ersten Qualifikationsrunde benötigte er „nur“ viereinhalb Stunden, um den viertbesten Franzosen Bernard Fuzet mit 7:5, 6:2, 4:6 und 10:8 zu bezwingen.

Gegen Australiens Nummer drei Derek Schroder führte der Marburger bereits mit 6:1 und 10:8, musste dann aber mit 6:8 und 5:7 den Satzausgleich hinnehmen. „Dass ich die engen Matches gewonnen habe, ist mir völlig unverständlich“, wundert sich der 76-Jährige noch heute und kann nur mutmaßen: „Ich bin nicht so nervenstark, sondern sehr sensibel. Vielleicht lag es daran, dass ich nichts zu verlieren hatte.“ Mit 11:9 behielt er nach fünf Stunden gegen Schroder die Oberhand.

Am dritten Tag wartete Alain Bouteleux – die Partie wogte hin und her. Satzführung (10:8), Satzausgleich (3:6), Satzführung (7:5), Satzausgleich (8:10). Nach erneut gut fünf Stunden verwandelte Rainer Kuhlmey den Matchball zum 8:6, was den Einzug ins Hauptfeld bedeutete. Dort verlor er glatt in drei Sätzen gegen Froehling, forderte den Amerikaner aber dennoch zweieinhalb Stunden lang.

„Ich konnte den Aufschlag gut platzieren“, beschreibt Kuhlmey seine Spielweise. Sein Service war zwar nicht so geradlinig und knallhart wie heutzutage, aber mit Kick- und Slice-Aufschlägen bereitete er seinen Gegnern Probleme. „Meine Stärke war aber die Rückhand“, sagt er. „Deswegen war ich auch im Doppel so gut.“ An der Seite von Hans Engert, dem späteren Manager von Steffi Graf, schlug er zum Beispiel beim Turnier in Kassel-Wilhelmshöhe das deutsche Davis-Cup-Duo Jürgen Faßbender/Karl Meiler.

Bei den French Open 1971 dagegen musste er seine Chance im Doppel auslassen. Dabei war der südafrikanische Davis-Cup-Spieler Ray Moore in der Qualifikation auf den Marburger aufmerksam geworden und hatte ihn gefragt: „Hey Ironman, willst du mit mir Doppel spielen?“ Kuhlmeys knappe Antwort: „Ironman ist kaputt.“

Deutscher Meister und Berufung ins Nationalteam

Die Marathonmatches werden ihm immer in Erinnerung bleiben. Seine größten Erfolge feierte Rainer Kuhlmey dagegen andernorts. Vor seinen einzigen French Open gewann er mit Eintracht Frankfurt die Deutsche Mannschaftsmeisterschaft, nach dem Auftritt in Frankreich wurde er im Einzel Deutscher Hochschulmeister.

Mitte der 1970er Jahre kehrte er zum Marburger TC zurück, erreichte mit seinem Heimatverein sogar das Endspiel um die Hessische Meisterschaft und unterlag dort dem Team seines Ex-Vereins Eintracht Frankfurt. Zudem wurde Kuhlmey in die Nationalmannschaft berufen. Bei einem Länderkampf – eine Klasse unter dem Davis Cup anzusiedeln – schlug er für Deutschland gegen Norwegen auf.

Inzwischen widmet sich Rainer Kuhlmey einem Sport mit einem kleineren Schläger und einem kleineren Ball. Statt Aufschläge macht er beim Oberhessischen Golf-Club in Cölbe Abschläge. „Ich habe vor ein paar Monaten wieder angefangen“, sagt der Diplom-Volkswirt, der 1982 Clubmeister war und als Parallelen von Golf und Tennis hervorhebt: „Beschleunigung ist alles.“

von Holger Schmidt