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Radfahren bis zur völligen Erschöpfung

611 Kilometer am Stück Radfahren bis zur völligen Erschöpfung

Vom Erzgebirge bis zur Ostsee - die „Fichkona“ ist der längste Radmarathon Deutschlands. Markus Weber (44) und Christian Zeman (35) waren dabei.

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Markus Weber (links) aus Hatzbach und Christian Zeman aus Weiershausen nahmen am längsten Radmarathon Deutschlands teil.

Quelle: Yanik Schick

Marburg. Im Morgengrauen liegt Christian Zeman entkräftet mit dem Rücken auf der Straße und sieht, wie über Rügen die Sonne aufgeht. Um ihn herum versammeln sich knapp 15 Radfahrer, die sein Schicksal teilen. Mehrere Minuten lang sagt niemand irgendetwas. 611 Kilometer stecken den Mitgliedern der sogenannten „Express-Gruppe“ in den Beinen - und das fast ohne Pausen.

Vom Erzgebirge ist die Gruppe an einem Stück bis an die Ostsee geradelt. Ausgemachtes Ziel war es dabei, die Marke von 18 Stunden und 38 Minuten zu unterbieten. Das ist die schnellste Zeit, die bislang bei der „Fichkona“, dem längsten Radmarathon Deutschlands, aufgestellt wurde.

"Mein Energiespeicher war komplett leergeräumt"

Auf den Armbanduhren der Fahrer, die nun regungslos an der Küste liegen, stehen allerdings 18 Stunden und 41 Minuten. Nur drei Minuten haben zum Rekord gefehlt - die große Erschöpfung paart sich mit Enttäuschung. „Mein Energiespeicher war komplett leergeräumt“, erinnert sich Christian Zeman.

Der Weiershäuser ist einer von zwei Radfahrern aus dem Landkreis, die in diesem Jahr bei der Fichkona an den Start gingen. Der andere ist Markus Weber aus Hatzbach. Beide kennen sich über den D-Zug Homberg (Ohm). Im Dezember meldete­ sich das Duo für die Radfernfahrt an - wohlwissend, welche körperlichen Strapazen auf sie warten würden. Christian Zeman hatte vor zwei Jahren schon einmal daran teilgenommen. „Eigentlich sagst du: einmal und dann nie wieder. Aber die Schmerzen von damals waren irgendwann vergessen“, berichtet er. Für Markus Weber war es derweil die Premiere bei der Fichkona. „Es ist eine große Herausforderung und der Wahnsinn, wenn man solch eine Strecke bewältigt. Das wollte ich abgehakt haben auf meiner Liste.“

Monatelange Vorbereitung

Monatelang bereiteten sich beide intensiv auf den Radmarathon vor. Markus Weber­ fuhr beispielsweise nach dem Familienurlaub am Osterwochenende in Berlin mit dem Rad zurück nach Hause. Christian Zeman arbeitete im April vier Wochen lang als Guide für einen Reiseveranstalter in Sizilien. Täglich führte er Touristengruppen bis zu 150 Kilometer mit dem Fahrrad über die Mittelmeer-Insel.

Dann der große Tag: Mit dem Wohnmobil reisten Weber und Zeman auf den 1200 Meter hohen Fichtelberg im Erzgebirge. Bei vier Grad Celsius und leichtem Regen ging es am Morgen an den Start. Insgesamt gab es 194 Teilnehmer, die sich nach ihrem Leistungsvermögen selbst in unterschiedlichen Gruppen einordnen mussten.

Die Besten gehörten zur ­Express-Gruppe, darauf folgten absteigend die „schnellste­ Gruppe“, die „schnelle Gruppe“, die „flotte Gruppe“ und die „Genießer-Gruppe“. Während die Express-Gruppe um Christian Zeman direkt über die Berge des Erzgebirges und die Dübener Heide davonsauste, fuhr Markus Weber in der „schnellen Gruppe“ mit fast 60 Teilnehmern etwas gemäßigter.

Die Ordnung in der Gruppe muss stimmen

„Am Anfang muss man erst eine Ordnung in der Gruppe herstellen“, sagt Weber, „es ist wichtig, dass alle zusammenbleiben. Denn wenn ein, zwei Leute vorne wegfahren, macht das die Gruppe kaputt und man kommt nicht gemeinsam ins Ziel.“ Weber selbst versuchte, so weit wie möglich vorne zu fahren, weil dort das Sturzrisiko geringer ist.

Teils stundenlang saßen die Fahrer dann auf dem Rad. Pausen gab es - wenn überhaupt - nur für wenige Minuten, um austreten oder trockene Kleidung anziehen zu können. „Das ist nicht nur eine körperliche, sondern auch eine mentale Anstrengung. Du musst mit dem Kopf klarkommen“, sagt Christian Zeman. „Irgendwann hat man nur noch einen Tunnelblick und schaut auf das Hinterrad des Vordermanns“, ergänzt Weber.

Gerade, als es am späten Abend dunkel wurde, „hat man sich schon die Sinnfrage gestellt“, so der 44-Jährige. Aber Aufgeben? „Keine Option“, betonen beide mit Nachdruck.

Begleitet von einer Polizeieskorte

Höhepunkt sei die Fahrt durch die Potsdamer Innenstadt gewesen - begleitet von einer Polizeieskorte. „Das hat noch einmal richtig motiviert“, so Weber. Auf dem Schlussabschnitt verbrauchte besonders die Express-Gruppe auf der Jagd nach der Rekord-Zeit ihre letzten Körner. Es ging durch die mecklenburgischen Alleen, Stralsund und über den Rügendamm.

„Unser Problem war, dass wir tagsüber zu viel Gegenwind hatten. Da hätten wir eigentlich schon sagen müssen, dass ein neuer Rekord unrealistisch ist“, glaubt Christian Zeman. Ein paar Stunden später rollte dann auch Markus Weber mit seiner Gruppe ins Ziel - Endzeit: 22 Stunden und 42 Minuten. „Da ist man schon ein bisschen stolz“, sagt er verhalten.

Der letzte große Höhepunkt war dann das traditionelle Baden nach dem Radmarathon in der Ostsee. Stellt sich nur noch die Frage, ob es das jetzt war mit den beiden und der Fichkona. Oder ob sie in den kommenden Jahren vielleicht doch noch einmal an den Start gehen. Die beiden lachen bei der Nachfrage. „Also wenn uns irgendjemand anspricht, könnte es schon sein, dass wir noch einmal heiß darauf werden“, gesteht Christian Zeman, „aber Stand jetzt wüsste ich echt nicht, warum.“

von Yanik Schick

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