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Pyrotechnik fasziniert trotz Verbot

Serie (F)ansichten Pyrotechnik fasziniert trotz Verbot

Bilder, die keiner sehen will oder nicht wegzudenkender Teil der Fankultur? Während Pyrotechnik in Teilen der Fanszene weitgehend akzeptiert ist, wird sie in der breiten Öffentlichkeit vehement abgelehnt.

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DFB-Pokal-Finale: Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg am 30. Mai 2015 im Olympiastadion in Berlin. Dortmunds Fans zünden Pyrotechnik.

Quelle: Kay Nietfeld

Marburg. Aller Verbote zum Trotz: Die Szenen wiederholen sich an jedem Wochenende in deutschen Stadien. Aus einer der Fankurven, meist aus dem Gästeblock, steigen Rauchschwaden auf. Das Abbrennen von „bengalischen Feuern“ hat sich zu einem Ritual entwickelt, das von außen nur schwer nachzuvollziehen ist. Die Vereine kassieren für das Verhalten ihrer Anhänger mindestens Geldstrafen in fünfstelliger Höhe, im schlimmsten Fall drohen sogar Platzsperren oder Punktabzug. Warum also beharren diejenigen, die von sich gerne behaupten, den Verein bedingungslos zu unterstützen, so sehr auf der Pyrotechnik?

Visueller Ausdruck von Stimmung

Aus Sicht vieler Anhänger ist die Pyrotechnik ein Sinnbild für die traditionelle Fankultur, die zunehmend aus den deutschen und europäischen Stadien verdrängt wird. Eine Art „ziviler Ungehorsam“ gegen die fortschreitende Kommerzialisierung des Fußballs und Eventisierung des Stadionbesuches. „Ich finde schon, dass es ein visueller Ausdruck von Stimmung ist und zur Fankultur dazugehört“, sagt Hartmut Naumann vom „FC Bayern München Fanclub Ebsdorf“. „Ich kenne außerhalb unseres Fanclubs auch einige Leute, die davon regelrecht fasziniert sind und nicht davon ablassen können.“ Er könne „diese Sucht danach“ zwar nicht teilen, findet aber, dass das Abbrennen in speziell dafür vorgesehenen Bereichen des Stadions möglich sein sollte. „Es muss dann aber klar sein wo, und wer dazu Zugang hat, damit keiner gefährdet wird. Gerade wenn Kinder dabei sind, bin ich froh, wenn ich nicht in der Nähe bin.“

Ähnlich sieht Torsten Selzer vom Borussia-Mönchengladbach-Fanclubs „Rauten-Sumpfis-Neustadt“. „In der derzeitigen Form des wilden Abbrennens bin ich dagegen. Ich glaube aber die Erlaubnis für ein kontrolliertes Abbrennen wäre sinnvoll. Hier sollten sich die Fanbeauftragten mit dem DFB und DFL drum bemühen.“ Verhandlungen in diese Richtungen gab es bereits im Jahr 2011 - ohne Erfolg.

„Zerstören Fankultur, wenn wir alles regulieren wollen“

Weiterhin kommt es daher zu unerlaubten Verstößen gegen das Bengalo-Verbot. Leidtragende sind die Vereine, die regelmäßig nicht nur einen Imageschaden erleiden, sondern auch empfindliche Geldstrafen zahlen müssen. In einigen Fällen versuchen die Vereine diese nun an die Verursacher weiterzugeben, sofern diese identifiziert werden. „Die Personen, die Bengalos abbrennen, sind in vielen Fällen auch für 100 schöne Stadionmomente zuständig. Wenn man diese ,enge Szene‘ mit Geldstrafen belegt, dann wird es bald ruhig im Stadion“, findet Selzer. „Wir zerstören unsere Fankultur, wenn wir alles regulieren wollen. Gerade die Ultra-Gruppierungen sorgen für Stimmung durch Fangesang und stimmungsvolle Bilder durch Choreografien.“

Kompromiss kriegst du mit Idioten sowieso nicht hin

„Die Vereine können nichts dafür, wenn solche Dinge passieren. Man kann die entsprechenden Gegenstände jedem Kind vor der Kontrolle mit in die Tasche stecken“, findet Helmut Schellenberg vom 1.-FC-Kaiserslautern-Fanclub „Marburger Betzebuben“. Ihnen Geldstrafen aufzuerlegen sei daher nur bedingt gerechtfertigt. Er plädiert dafür, die Beträge zumindest nicht einfach an den DFB abführen zu müssen. „Das, was bezahlt werden muss, sollte unmittelbar in die Sicherheit gesteckt werden - zum Beispiel in hochauflösende Kameras, die Täter im Stadion identifizieren könnten.

Er und sein Fanclub seien generell strikt gegen den Einsatz von Pyrotechnik - ob mit oder ohne Vereinbarung. „Einen Kompromiss kriegst du mit diesen Idioten, die es bei jedem Verein gibt, sowieso nicht hin.“ Die Gefährdung der Zuschauer sei durch die bengalischen Feuer viel zu hoch. „Ich stand selber einmal direkt daneben, als gezündelt wurde. Ich habe kaum Luft gekriegt und bin erst einmal aus dem Block raus.“ In weiten Teilen werde es unter den Fans jedoch toleriert.

von Peter Gassner

Kein Ausdruck von Vereinsliebe

Wirft man von außen den Blick auf eine Fankurve, in der Pyrotechnik gezündet wird, kann das durchaus Eindruck machen. Eine gewisse Faszination, die von einem solch hell erleuchteten Block gerade für Jugendliche ausgeht, ist nachvollziehbar.

Dennoch: Die bengalischen Feuer sind verboten, aus nachvollziehbaren Gründen der Sicherheit. Wer sie dennoch immer wieder einsetzt, gefährdet die Gesundheit anderer Stadionbesucher und nimmt außerdem auch erhebliche Konsequenzen für seinen eigenen Herzensverein in Kauf. Mit grenzenlosem Support der Mannschaft hat das überhaupt nichts zu tun. Schließlich fühlt diese sich meist eher peinlich berührt, als zu Höchstleistungen angetrieben.

Gewiss kann man die Meinung vertreten, dass Bengalos ein klassisches Element der Fanszenen sind, welches dort seit Jahrzehnten eingesetzt wird. Ähnlich wie eine Choreografie kann sie möglicherweise sogar eine beflügelnde Wirkung auf das Team entfalten, solange alles legal ist. Wenn Fans sich also – wie vor einigen Jahren schon einmal geschehen – für ein kontrolliertes Abbrennen einsetzen, wäre das unter Umständen sogar eine gute Lösung. Vorausgesetzt die Sicherheit ist gewährleistet.

Solange ein solcher Kompromiss nicht in Sicht ist, bleibt Pyrotechnik verboten. Sich darüber hinwegzusetzen hat für den betroffenen Club stets negative Auswirkungen. Wer zündelt, tut dies also nicht aus Liebe zum Verein, sondern ausschließlich für die eigene Selbstinszenierung.

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