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Pöbelnde Zuschauer und Chauvi-Spieler

Schiedsrichterinnen berichten Pöbelnde Zuschauer und Chauvi-Spieler

Beleidigungen, Sexismus und Anmachsprüche: auf den heimischen Fußballplätzen müssen Schiedsrichterinnen oftmals ein dickes Fell beweisen.

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Platzverweis für Sexismus: die Schiedsrichterinnen Jessica Britschock (von links), Sofia Schmittdiel, Lisa-Marie Losekant, Marie Kirchhain und Lisa Rink haben auf dem Feld das Sagen. Im eingeklinkten Bild ist Margret Müller zu sehen.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Bauerbacher Waldstadion, 31. Oktober dieses Jahres: Im Gruppenligaspiel zwischen dem SV Bauerbach und dem VfB Marburg trennten sich die Stadtrivalen 2:2. Die Partie leitete eine Frau namens Olivia Depta. Die 23-Jährige lieferte eine fast tadellose Leistung ab. Unter den 250 Zuschauern gab es dennoch eine handvoll, die Depta während des Spiels nicht nur ständig kritisierten, sondern durch ihre Rufe unmissverständlich ausdrückten: Eine Frau gehöre nicht auf den Fußballplatz.

Von den sexistischen Rufen einiger Männer bekam Depta nichts mit. „Ich habe mich aufs Spiel konzentriert“, sagt sie. Nach dem Abpfiff seien aber einige Zuschauer zu ihr gekommen, um die „gute Leistung“ zu loben. Die positive Resonanz überwiege laut Depta. „Ich denke, die Leute wollen, dass Schiedsrichter kompetent sind. Das Geschlecht ist auf dem Platz kaum Thema“, meint sie.

Laut Kreisschiedsrichterobmann Steffen Rödiger und Verbandsschiedsrichterobmann Richard Schugard sind die Vorkommnisse in Bauerbach ein „seltener und bedauerlicher Einzelfall“. Beide Funktionäredes Hessischen Fußball-Verbandes sind der Ansicht, dass Schiedsrichterinnen im Männerfußball „sehr viel Respekt“ entgegen gebracht werde. „Wenn eine Frau pfeift, ist es meiner Erfahrung nach eher die Regel, dass Spieler sich mehr zurückhalten als bei einem männlichen Schiedsrichter“, berichtet Rödiger.

Zu jeder Regel gibt es Ausnahmen. Davon kann die 69-jährige Margret Müller aus Kirchhain ein Liedchen singen. 1978 pfiff sie ihr erstes Fußballspiel und war somit die erste Schiedsrichterin im Fußballkreis Marburg. Zwar liegt ihre Zeit als Spielleiterin lange zurück, doch an manches erinnert sie sich noch sehr genau: „Nach einem Foulspiel ist ein Spieler auf mich zugerannt, hat sich vor mir aufgebaut und mich angeschrien.“ Die Schiedsrichterin stellte den Mann mit Rot vom Platz. „Du Nutte! Du Nutte!“, habe er darauf gebrüllt. „Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von meinem entfernt. Ich hatte schon ein wenig Angst“, erzählt Müller.

Doch nicht nur Beleidigungen habe sie zu hören bekommen. Auch sexistischer Chauvinismus schlug der Pionierin entgegen. Ein Spieler habe ihr einst zugerufen, dass sie lieber wieder nach Hause gehen und Kuchen backen solle. Müllers Antwort war ebenso ehrlich wie entwaffnend: „Ich kann überhaupt nicht backen.“

Beleidigungen wie „Nutte“ und „Schlampe“ nicht selten

Wie sieht es heutzutage in der Region aus? Zur Zeit gibt es vier Schiedsrichterinnen im Kreis Marburg: Sofia Schmittdiel, Lisa Rink, Lisa-Marie Losekant und Marie Kirchhain. Die 24-jährige Jessica Britschock hat vor der laufenden Saison aufgrund ihres Studiums die Pfeife vorerst an den Nagel gehängt. Beleidigungen, wie sie Müller ertragen musste, gehören keineswegs der Vergangenheit an. „Nutte“ und „Schlampe“ habe Britschock schon häufiger gehört. Doch auch sexistischer Chauvinismus ist ihr bereits entgegen geschlagen. „Mindestens drei Mal“ sei sie Zielscheibe von frauenfeindlichen Sprüchen geworden.

Bei einem Spiel habe sie einen Fan der Sportanlage verwiesen. „Er hat mich mehrmals aufgefordert, wieder zurück an den Herd zu gehen“, erinnert sie sich. Gegen den Verein ging Britschock mit Kraft ihrer Kompetenz als Schiedsrichterin vor. „Ich habe dem Verein eine Strafe verpasst. Irgendwann reicht es. Man muss sich so etwas nicht 90 Minuten lang anhören“, sagt Britschock mit fester Stimme.

Auch bei Schmittdiel ist nicht immer alles friedlich. „Manchmal rufen Zuschauer, dass ich nicht in der Lage sei, Abseitspositionen richtig zu erkennen, weil ich eine Frau bin“, erzählt Schmittdiel.

Britschock und Schmittdiel berichten, dass manche Spieler in den Frauen weniger Unparteiische sehen, sondern eher eine mögliche Verabredung. So wird der Fußballplatz mit einer Disco oder einer Internet-Partnerbörse verwechselt. „Klar kriegt man Anbaggersprüche zu hören. Das geht manchmal schon in der Kabine bei der Passkontrolle los“, sagt Britschock.

Marie Kirchhain und Lisa-Marie Losekant, beides 17-jährige Schülerinnen, haben mit solchen Annäherungsversuchen noch keine Erfahrungen gemacht. Das liegt wohl daran, dass sie vorrangig E-Jugend - zehn- und elfjährige Kinder - pfeifen. Bei Jugendspielen seien es ausschließlich die Eltern, die sich daneben benähmen. Sexistische Kommentare haben die beiden während eines Fußballspiels jedoch noch nicht vernommen.

„Die Kinder sind nicht das Problem, sondern manche von Ehrgeiz zerfressenen Eltern, die pöbeln und meine Entscheidungen kommentieren“, sagt Lisa Rink, die ebenfalls nur im Jugendbereich pfeift.

Doch alle zurzeit noch aktiven Schiedsrichterinnen als auch Britschock und Müller sind sich einig: Die positiven Erfahrungen überwiegen die negativen.

von Benjamin Kaiser

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