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„Ohne gesunden Körper geht nichts“

Ausdauersport „Ohne gesunden Körper geht nichts“

Der Marburger Arzt Dr. Ingo Fischer mag es, die Grenzen seiner körperlichen Leistungsfähigkeit auszuloten. Zuletzt tat er dies in Lensahn an der Ostsee.

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Geschafft! Dr. Ingo Fischer mit seinen Betreuerinnen Thimna (links) und Maleen Liese im Ziel des Triple-Ultra-Triathlons von Lensahn.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Während beim Normalsterblichen an warmen Sommerabenden die Assoziation zu leckerem Grillgut und frischen Getränken naheliegt, bedarf es dazu bei einer eher außergewöhnlichen Spezies Mensch schon anderer Anreize. Wer sich etwa wie der Marburger Dr. Ingo Fischer Grenzwerterfahrungen im Sport verschrieben hat, hegt solche Gedankenverbindungen zum Beispiel dann, wenn er im Begriff ist, das dreifache Pensum eines Ironman-Triathlons zu absolvieren, und zwar kurz vor Schluss.

Der einfache „Ironman“ mutet schon an, als wolle jemand barfuß den Mount Everest besteigen, ein dreifacher, das ist wie dreimal die Hölle und zurück. Solch ein „Höllenhund“ ist Fischer, der im „richtigen“ Leben Oberarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Universitätsklinikums Gießen-Marburg ist. Ihm gehe es um das Austesten der körperlichen Belastbarkeit. „Ich will den Körper fordern, ohne dass er Schaden nimmt, und erleben, wo seine Grenzen sind, um dann die nächste Stufe zu nehmen“, sagt er und räumt ein, dass auch die Eitelkeit eine Rolle spiele: „Ich ziehe Motivation auch über die Rückmeldung und Anerkennung meiner Umgebung.“

Das Treffen derer, die ähnlich wie der 41-jährige denken, gerät in der Regel zu einer Art Familientreffen. „Man kennt sich zum Teil seit vielen Jahren und tauscht sich aus. Ich gehöre zu den jüngeren Teilnehmern.“ Die deutsche Zentrale des Triple-Ultra-Triathlons ist die schleswig-holsteinische Gemeinde Lensahn an der Ostsee. In diesem Jahr ist der Wettbewerb zum 25. Mal über die Bühne aus Wasser und Asphalt gegangen. Veranstalter ist Wolfgang Kulow, selber ein aktiver Ultra-Athlet und eine schillernde Legende der Szene.

Den Top-Favoriten im Wasser abgehängt

Eingeladen werden jeweils 50 Athleten. In diesem Jahr gingen vom 29. bis 31. Juli 44 an den Start, um die folgenden Distanzen in Angriff zu nehmen: 11, 4 Kilometer schwimmen, 540 Kilometer Rad fahren und 126,6 Kilometer laufen. Ein Pensum, das dem Durchschnittsjogger die Stirn in Falten wirft. Für Dr. Fischer ist dies hingegen eine bekannte Übung, absolvierte er sie doch bereits in den Jahren 2008 und 2013. Selbst Fischers gestählter Körper braucht für eine derartige Belastung eine intensive Vorbereitung. Besteht sein ganzjähriges Basis­training Woche für Woche daraus, je einmal bestimmte Strecken im Wasser, auf dem Rad und zu Fuß zurückzulegen, erhöht sich das Pensum vor einem großen Wettkampf auf 20 Stunden pro Woche.

„Für Lensahn bereite ich mich in der Regel ab April vor“, betont Fischer, „in diesem Jahr hatte ich wegen einer Verletzung nur sieben Wochen Zeit für aktives Training.“ Der dauerbrennende Arzt verfügt über ein großes Lungenvolumen. Sein Herz schlägt gerade fünfzigmal in der Minute. Außerdem verfüge er über eine Muskulatur, die er quälen könne. „Ohne einen gesunden Körper geht gar nichts.“

Doch auch der gesunde Körper meldet sich, wenn es ihm zu viel wird. Das Schwimmen am Freitagmorgen im 50-Meter-Becken des Freibades in Lensahn fiel Fischer offenbar leicht. „Das ist meine stärkste Disziplin.“ Er habe sogar den Topfavoriten und späteren Gesamtsieger Richard Widmer, der einige Zeit in seinem Schlagschatten schwamm, abgehängt. Nach 228 Bahnen und drei Stunden und vier Minuten stieg er aus dem Wasser, um sich dann für die Radetappe fertigzumachen. „Widmer kam etwas später an, hatte schon den Tunnelblick und lief an mir vorbei, kam dann aber zurück, um mir die Hand zu reichen.“

Die nun anstehenden 540 Kilometer mussten auf einer Pendelstrecke absolviert werden, die 67 Mal über den Marktplatz des Städtchens führte. Der war auch das Ziel. „Du hast es ständig vor Augen und weißt: Das war‘s noch lange nicht“, beschreibt Fischer seine Gefühlslage. Zuweilen hat er sich mit seinem Fahrrad unterhalten. Gleichwohl habe er das, was andere als Tortur empfinden, entspannt genießen können - 21 Stunden lang. Noch war Fischer nicht müde - jedenfalls fühlte er sich noch nicht so am Samstagmorgen um 7.30 Uhr.

Nach den ersten 15 Kilometern des Laufes legte der Athlet eine eineinhalbstündige Pause ein: Etwas essen, sich hinlegen und schlafen waren quasi eins. „Die meisten machen kürzere Pausen“, sagt Fischer. Er lief dann weitere 25 Kilometer, nahm eine Portion Spaghetti zu sich, ruhte 20 Minuten, ist die verbleibenden 86,6 Kilometer „gemütlich durchgejoggt“ und erreichte als 13. das Ziel am Sonntagmorgen um 4.05 Uhr nach 45 Stunden und 5 Minuten.

Kein gemütliches Wochenendvergnügen

Bis dahin hatte der ausgereizte Körper Fischers jede Menge Kilokalorien verbraucht, aber auch zu sich genommen. Sein dreiköpfiges Betreuungsteam, bestehend aus Maleen und Thimna Liese und Steffi Hollesen, versorgte ihn regelmäßig und wohldosiert mit isotonischen Getränken und Wasser sowie mit Powergels und -riegeln, Bananen, gekochten Kartoffeln, Salzsticks, Erdnüssen, Hühnerbrühe und Mineralien in Form von Tabletten.

Dass der Triple-Ultra-Triathlon nicht so ganz das gemütliche Wochenendvergnügen ist, mag der Umstand belegen, das Fischer einräumt, das ein oder andere Gelenk noch zwei bis drei Tage später zu spüren und dass stark beanspruchte Sehnen ein bis zwei Wochen brauchen, um sich zu erholen.

Auch der Kopf reagiert nach solch einer Strapaze. „Es ist immer wieder faszinierend zu hören, dass fast jeder Teilnehmer an diesem Wettbewerb anschließend sagt: ‚Nie wieder werde ich mir das antun‘“, sagt Fischer. Im nächsten Jahr treffe man sich doch wieder in Lensahn, um es erneut anzupacken.

„Ich möchte es noch einmal versuchen mit dem Ziel, unter die besten zehn zu kommen und vielleicht die 40 Stunden unterbieten zu können.

von Bodo Ganswindt

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Von Redakteur Bodo Ganswindt

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