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Nur „die Dümmsten“ werden erwischt

Doping in der Leichtathletik Nur „die Dümmsten“ werden erwischt

Über der Leichtathletik-Welt schwebt dieser Tage eine dunkle Wolke. Die lauten Diskussionen um Doping schaden dem Image, glauben zwei heimische Athleten. Machen Betrüger die Sportart kaputt?

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Läufer aus verschiedenen Nationen laufen beim 5000-Meter-Rennen während der Leichtathletik Weltmeisterschaft 2015 in Peking in einer Gruppe.

Quelle: Christian Charisius

Marburg. Am Mittwoch bricht Oliver Hoffmann nach Ostafrika auf. In Kenia, dem Heimatland großer Langstreckenläufer, wird sich der Roßdorfer fünf Wochen lang intensiv auf den Frankfurt Marathon vorbereiten. Dass Hoffmann dabei selbstverständlich keine unerlaubten, leistungsfördernden Substanzen zu sich nimmt, bedarf in diesen Tagen einem besonderen Verweis.

Aber er kennt die Zustände in Kenia nur allzu gut: Zehntausende Läufer treten dort manchmal in einem Langstrecken-Rennen an. Sie alle laufen gegen die vorherrschende Armut. Und für eine Chance, mit dem Preisgeld etwas Wohlstand zu erlangen. Moral und Ehrlichkeit sind fehl am Platz. „Es gibt Apotheken, die den Teilnehmern Dopingmittel verkaufen“, erklärt Hoffmann das schmutzige Geschäft. „Und wenn sie dann erfolgreich laufen, werden die Verkäuferam Gewinn beteiligt.“ Strenge Kontrollen, wie sie beispielsweise in Deutschland bei Spitzenathleten durchgeführt werden,finden in vielen afrikanischen Ländern wie Kenia nicht oder nur sehr rudimentär statt. Dies gibt vor allem den Topsportlern die Gelegenheit, die gesamte Leichtathletik-Welt an der Nase herum zu führen. Bei der Weltmeisterschaft in Peking sind gerade erst zwei Kenianerinnen positiv getestet worden. Und dennoch ist die Anzahl der Überführten überschaubar angesichts der großen Aufregung rund um das Thema Doping.

Oliver Hoffmann wundert das allerdings wenig: „Bei den Wettkämpfen werden nur die Dümmsten erwischt, denn in der Trainingsphase ist Doping viel effektiver.“ Im Kreis der Langstreckenläufer stehe vor allem Blutdoping durch EPO hoch im Kurs. Mit bestimmten Dosierungen ist die Substanz schon nach kurzer Zeit nicht mehr nachzuweisen. „So können die Sportler dort unten machen, was sie wollen“, weiß Hoffmann. Die Leistungsfähigkeit steigere sich durch EPO um etwa vier bis fünf Prozent. Im Rennen entscheiden diese kleinen Vorteile über Sieg und Niederlage - und damit vor allem über Geld. Knapp ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Rio steckt deren Königssport in einer tiefen Vertrauenskrise. All die Diskussionen um den illegalen Ausbau der sportlichen Leistungen schaden dem Image der Leichtathletik und vergraulen Zuschauer.

Eine ARD-Dokumentation enthüllte vor einigen Wochen systematisches Doping im russischen Spitzensport, das angeblich sogar von der nationalen Anti-Doping-Behörde gedeckt werden soll. Dazu kommt der Generalverdacht bei vielen afrikanischen Athleten.

„Es gibt Strukturen, die Doping begünstigen“

Und selbst der große Usain Bolt, der doch als „der Gute“ im undurchschaubaren Leichtathletik-Wirrwarr gilt, ist längst nicht mehr über jeden Doping-Zweifel erhaben, weil das Kontrollsystem Jamaikas trotz Verbesserung immer noch sehr lückenhaft ist. Es muss sich also etwas ändern, will der Sport in Zukunft glaubhaft sein für all seine Fans.

Antje Krause vom Ultra Sport Club Marburg hat bereits eine interessante Beobachtung in ihrem Freundeskreis gemacht: „Man hört von vielen Bekannten: ‚warum schaust du dir das überhaupt noch an, die sind doch eh alle gedopt‘.“ Diese Problematik habe mit Sicherheit unangenehme Auswirkungen auf das Ansehen der Leichtathletik, wenn auch bei weitem nicht so drastisch wie einst im Radsport. Die 43-Jährige betont, die ganze Aufarbeitung müsse bei den Ursachen beginnen. „Es gibt Strukturen, die Doping begünstigen. Und so lange sich dort nichts ändert, wird es auch so bleiben.“ Einheitliche und schärfere Kontrollen bei den Athleten sollen damit zur Überführung von Betrügern beitragen.

Diese Meinung vertritt auch Oliver Hoffmann. „Wenn alle Sportler die gleichen Kontrollen haben, dann ist es gerecht“, sagt er und fügt an: „Von den Verbänden darf natürlich auch nichts vertuscht werden.“ Die nationale Anti-Doping-Agentur (NADA) in Deutschland erledigt ihre Arbeit extrem penibel. Spitzenathleten müssen ihre Trainingsorte angeben und durchgängig erreichbar sein, Tests können auch unangekündigt vorgenommen werden. Das geschieht nicht immer zur Freude der Sportler, doch nur auf diesem Weg scheint sich die Leichtathletik weltweit dem großen Misstrauen entledigen zu können.

Mit Sebastian Coe hat der Weltverband IAAF gerade einen neuen Präsidenten bekommen, der sich bislang immerhin zur Dopingbekämpfung bekannt hat. Ob ihm allerdings auch die Durchsetzung hin zu einer sauberen Leichtathletik-Welt gelingt, bleibt zumindest bis Rio abzuwarten.

von Yanik Schick

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