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Lokalsport Nur das Hosenbein bereitet Probleme
Sport Lokalsport Nur das Hosenbein bereitet Probleme
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20:00 21.03.2018
Marie Bertholdt (rechts) will auch in der kommenden Saison für den BC Marburg spielen. Erst einmal stehen aber noch die Playoffs an. Quelle: Michael Hoffsteter
Marburg

Die blauen Trikothosen der Blue Dolphins sind etwas widerspenstig. Sie wollen nicht so, wie es Marie Bertholdt gerne hätte. Das linke Hosenbein krempelt sie nämlich immer hoch, nur das linke. Es ist ihre Marotte, für die sie selbst aber auch keine Erklärung hat: „Ich habe keine Ahnung. Danach fragen mich viele Leute, Patti (Trainer Patrick Unger, Anm. d. Red.) macht auch immer Witze darüber.“

In ihrem zweiten College-Jahr fing die 1,83 Meter große Flügel- und Centerspielerin damit an. „Ich weiß auch gar nicht wieso“, zuckt sie mit den Schultern. Inzwischen merke sie das gar nicht mehr. „Ich mache das, ohne darüber nachzudenken.“ Immerhin hat es Bertholdt mit dieser Macke zu lokaler ­Berühmtheit gebracht. Für die Santa Clara University in Kalifornien spielte sie von 2013 bis 2017, die letzten drei Jahre als Team-Captain „An meiner alten Uni gibt es mindestens vier oder fünf Spielerinnen, die das jetzt auch machen“, hat sie kürzlich festgestellt.

Zweisprachigkeit macht die Eingewöhnung leicht

In Marburg hat sie in dieser­ Hinsicht noch keine Nachahmer gefunden. Trotzdem hat sie den Schritt zum BC nicht bereut, im Gegenteil: „Für mein erstes Jahr in Deutschland war für mich die Hauptsache, dass ich eine Mannschaft finde, wo ich mich sehr wohl fühle, mit den Spielerinnen, mit den Trainern, mit der Umgebung“, sagt Bertholdt und spart nicht mit Komplimenten: „Das war von Anfang an super. Auch Marburg gefällt mir gut.“

Es ist ihre erste Station im Heimatland ihrer Eltern. „Ich bin mit neun Monaten nach Amerika gezogen. Das zählt wohl nicht als hier wohnen“, flachst die 1,83 Meter große Flügel- und Centerspielerin, die über die doppelte Staatsbürgerschaft verfügt und zweisprachig aufgewachsen ist. Im Sommer flog sie mit den Eltern und ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Lisa­ regelmäßig über den großen Teich, um den Rest der Familie zu besuchen, der in der Nähe von Heidelberg und Nürnberg lebt.

Jetzt ist sie permanent hier: „Es ist ein neues­ Land, aber kein fremdes Land. Ich kenne die Kultur“, sagt Bertholdt. „Ich wollte immer mal nach Deutschland ziehen. Da hat es sich mit Basketball perfekt angeboten.“

Man hat das Gefühl, der ­Sonnenschein Kaliforniens habe sich in ihrem Gemüt eingebrannt, so fröhlich tritt Marburgs Nummer vier auf und abseits des Feldes auf. „Das kommt von der Familie“, sagt sie. „Meine Eltern sind fast immer gut gelaunt.“ Das Credo laute: „Ohne Grund darf man nicht schlecht gelaunt sein.“

Von den Eltern hat Bertholdt das sportliche Talent in die Wiege gelegt bekommen. Vater Jörg Bertholdt wurde 1991 mit dem TSV Milbertshofen Deutscher Meister im Volleyball und gehörte zwei Jahre zuvor dem deutschen EM-Kader an. Mutter Stephanie Pfeiffer wurde mit den Münchner Basketballerinnen Anfang der 1990er-Jahre zweimal Pokalsieger und einmal Deutscher Meister.

Wird nun also Tochter Marie, die als kleines Mädchen zunächst Fußball spielte, bevor sie sich auf Basketball festlegte, mit dem BC Marburg Meister? „Wir sind in den vergangenen beiden Jahren Dritter geworden. Da muss man höhere Ziele haben. Wenn man beim gleichen Stand bleibt, fehlt ein bisschen was“, sagt Bertholdt, die am 27. März 23 Jahre alt wird.

"Er verlangt viel, aber das macht Sinn"

Es habe zwar ein bisschen gedauert, bis man sich als Mannschaft gefunden habe. „Aber so langsam merkt man, was wir mit der Mannschaft schaffen können.“ Auch Keltern und Wasserburg zu schlagen, sei „nicht total unrealistisch. Wir müssen unseren besten Basketball hinlegen, aber wir können das schaffen.“

Nicht nur die Mannschaft brauchte eine gewisse Anlaufzeit. Auch für Marie Bertholdt selbst hat die Umstellung vom College auf die Bundesliga etwas gedauert. „In Deutschland muss man physischer spielen­
und da wird auch mehr erlaubt.“ In den USA seien viele Spielerinnen athletischer. Dafür merke sie in der Bundesliga, „dass die Spielerinnen tierisch erfahren sind. Die spielen mit dem Wissen, dass sie das Spiel kennen.“

Anschauungsunterricht konnte Bertholdt bei den Besten nehmen, bei den Golden State Warrios. „Die Arena ist von mir zu Hause zehn Minuten entfernt“, sagt Bertholdt. Superstar Steph Curry wohne auch direkt in der Gegend. „Wir waren früher oft bei Spielen, als sie noch nicht so gut waren“, sagt Bertholdt. Jetzt müsse man Hunderte von Dollars für ein Spiel des aktuellen NBA-Champions hinblättern.

In Marburg hat sie im ersten Jahr viel gelernt und lernt noch immer dazu. Im College hatte­ sie zum Abschluss den „Jim Shea Award“ als Auszeichnung für besonderen Teamgeist und Führungsqualitäten erhalten. In Marburg merke sie, „dass ich unerfahren bin und eine der Jüngeren“. Das sei aber auch an der Uni nicht anders gewesen. „Das war von Jahr zu Jahr ein Prozess. Da wurde viel mehr von mir verlangt, nicht nur vom Spielerischen, sondern wie ich die Mannschaft mitreiße.“

Ähnliches hat Bertholdt über ihren jetzigen Trainer Patrick Unger festgestellt: „Er fördert die Mannschaft und mich. Er verlangt viel, aber was er verlangt, macht Sinn. Ich bin besser geworden, finde ich.“ Unger habe für ihre Entscheidung für einen Wechsel zum BC eine große Rolle gespielt. Marburg sei von den Interessenten aus der Bundesliga der letzte Verein gewesen, den sie sich angeschaut habe, verrät Bertholdt. Unger überzeugte sie: „Mir hat gefallen, wie er die Mannschaft aufbaut. Ich sehe während der Saison, dass es passt.“

22-Jährige bleibt dem BC nächste Saison erhalten

Ihr Vereinscoach war als Assistent von Bundestrainer Hermann Paar so angetan, dass sie überraschend schnell deutsche Nationalspielerin geworden ist. „Es ist eine große Ehre für mich, dabei zu sein“, sagt Bertholdt. „Ich bin zwar in Amerika aufgewachsen, habe mich innerlich aber deutsch gefühlt.“

Wenngleich es mit der EM-Qualifikation nicht geklappt hat, hat Bertholdt in ihrem ersten Jahr schon einen beachtlichen Erfolg gefeiert: den zweiten Platz mit den Blue Dolphins im Europapokalwettbewerb CEWL. Und die Hauptrunde der Bundesliga schloss der BC als Fünfter ab, trifft nun auf Bad Aibling.

Ungeachtet des Abschneidens in den Playoffs wird Bertholdt ein weiteres Jahr in Marburg bleiben, „wenn sich nichts Dramatisches ändert. Darüber war ich mir von Anfang an relativ sicher. Ich will sehen, was ich im zweiten Jahr noch machen kann.“ Wie es danach weitergehe, darüber habe sie sich noch keine Gedanken gemacht.

Erst einmal stehen aber die Playoffs an. Und da wird Bertholdt ihre 1,83 Meter in den Dienst der Mannschaft stellen und hart arbeiten. Ärmel hochkrempeln können Basketballspielerinnen zwar nicht. Aber Marie Bertholdt kann immerhin die Hose hochkrempeln – falls die sich nicht als zu widerspenstig entpuppt.

von Holger Schmidt