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Nur Dabeisein ist für Ristau nicht mehr alles

Paralympics in Pyeongchang Nur Dabeisein ist für Ristau nicht mehr alles

Der Traum von den Paralympics erfüllt sich für Noemi Ristau und ihren Begleitfahrer Lucien Gerkau. Aus Pyeongchang wollen die beiden nun Edelmetall mitnehmen.

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Freuen sich über ihre Outfits für die Paralympics: Die Marburger Noemi Ristau und Lucien Gerkau.

Quelle: Nadine Weigel

Niederweimar. Mit Slalomläufen im eher flachen Gelände fing alles an. Das ist noch gar nicht so lange her. Erst in der Saison 2015/16 fanden Noemi Ristau und ihr Guide Lucien Gerkau als alpines Ski-Duo zusammen. Da war Pyeongchang allenfalls eine fixe Idee, ein fernes Ziel, nicht nur geographisch. „Ich habe nicht gedacht, dass es erreichbar ist“, gibt Ristau zu. Sie habe jedoch ihrem Guide und dessen Expertise vertraut. Aber nicht nur das: „Mir war wichtig, dass die Person dabei für sich was rausziehen kann und mich nicht nur begleitet.“

Mit unbändigem Willen und eiserner Disziplin versuchten Gerkau und Ristau, die nur noch über ein Restsehvermögen von etwa zwei Prozent verfügt, ihren Traum zu verwirklichen. Am Freitag ist es tatsächlich so weit. Dann beginnen die Paralympics. „Ich bin gespannt auf die Eröffnungsfeier, ob die Koreaner sich genauso viel Mühe geben wie bei Olympia“, sagt Gerkau voller Vorfreude.

Mit 100 Stundenkilometern geht es Olympia-Pisten hinunter

Ab Samstag stehen die Wettbewerbe im Jeongseon Alpine Centre an – und die Marburger werden nicht nur im Slalom und Riesenslalom an den Start gehen, sondern sich auch im Super-G, in der Abfahrt und in der Kombination den Hang hinabstürzen. Mit 100 Stundenkilometern geht es die gleichen Pisten runter, die auch Stars wie Marcel Hirscher bei Olympia zu meistern hatten.

„Wenn man ein bisschen abhebt über der Kuppe, ist das schon brutal“, blickt Ristau auf das Weltcup-­Finale im kanadischen Kimberley Mitte Februar zurück. „So steil habe ich es mir dann doch nicht vorgestellt. Speed ist nochmal eine ganz andere Nummer.“ In Kanada fuhr sie ihre ersten Rennen in den schnellen Disziplinen – in der Abfahrt sprang bei der Premiere Rang drei heraus, im Super-G gewann Ristau sogar. Es war ihr erster Weltcup-Sieg und eine gelungene Paralympics-Generalprobe.

„Bei der Abfahrt fühle ich mich schon unsicherer, weil ich viel weniger sehe“, sagt Ristau und veranschaulicht ihren „Blindflug“ so: „Da kann ich nicht gut einschätzen, wie schnell ich bin. Beim Slalom sehe ich hin und wieder etwas leuchten.“ Bei höheren Geschwindigkeiten nehme sie hingegen keine Tore und auch keine Schatten wahr. „Da fahre ich noch blinder hinterher“, sagt die 26-Jährige und meint damit ihren Begleitfahrer Lucien Gerkau. Der 40-Jährige, mehrfacher Hessenmeister in allen Alpin-Disziplinen, fährt in einem neonfarbenen Skianzug einen bis drei Meter voraus, Ristau erkennt ein „gelbes, schimmerndes Etwas“, wie sie es einmal beschrieb.

Überwiegend orientiert sich die Sportlerin von den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg und der SSG Blista aber an den Kommandos, die Gerkau über ein Headset gibt. „Uuund … hopp!“ Beim „und“ löst die ausgebildete Ergotherapeutin den Schwung auf, beim „hopp“ geht sie auf die Kanten.

Bei den Speed-Disziplinen mussten sich die beiden neue Kommandos einfallen lassen. Denn obwohl es rasanter zur Sache geht, hat das Duo im Gegensatz zum Slalom mehr Zeit. „Ziehen“, „rüberziehen“, „Körper nach vorne“, „Kuppe“. Der Reiz ist groß, der Respekt aber auch. „In Kanada sind einige rausgeflogen, einige hat’s richtig weggefetzt“, sagt „Adrenalin-Junkie“ Ristau.

Noemi Ristau: „Ich werde einfach alles geben, was geht“

Die letzte Entscheidung über die fünf Starts trifft Ski-Bundestrainer Justus Wolf. Doch bei Podiumsplatzierungen in allen Disziplinen im Weltcup wird er nicht daran vorbeikommen, Ristau und Gerkau in allen Rennen starten zu lassen. „Man hat fünf Chancen, fünfmal die Chance aufs Treppchen“, freut sich Ristau, für die nur Dabeisein nicht mehr alles ist. Zumindest unterbewusst habe sie ein neues Ziel: „Eine Medaille soll’s werden.“

Dafür müsste sie wohl zumindest eine der drei großen Konkurrentinnen hinter sich lassen: die Britinnen Menna Fitzpatrick und Millie Knight sowie allen voran die slowakische Gesamtweltcup-Siegerin Henrieta Farkasova, die in ihrer Karriere bereits fünf paralympische Goldmedaillen gewonnen hat. Farkasova, in die Klasse B3 eingestuft, verfügt noch über gut zehn Prozent Restsehvermögen. Die anderen Medaillenkandidatinnen sehen weit schlechter (Klasse B2) und haben trotz einer Zeitgutschrift gegenüber Farkasova einen klaren Nachteil.

Dennoch: Ristau, eine von 20 deutschen Paralympics-Startern in Pyeongchang, wird angreifen. „Ich werde einfach alles geben, was geht“, sagt sie. Und sollte es dennoch nicht zu einer Medaille reichen, „bin ich auch nicht enttäuscht“.

Gerkau, Betriebsleiter des Seeparks Niederweimar, hat zwar als Betreuer schon die World Games im Wakeboarden erlebt und in bester Erinnerung. „Aber selbst aktiv zu sein, ist schon der sportliche Höhepunkt“, sagt der 40-Jährige, der früher Ambitionen hatte, beim alpinen Weltcup mitzumischen und dafür ein Ski-Internat im Allgäu besuchte. Ein Kreuzbandriss im Super-G machte die Hoffnungen auf eine Profikarriere zunichte. In Pyeongchang erlebt er als Begleitläufer plötzlich doch ein Großereignis. „Wenn jetzt noch eine Medaille herausspringt, wäre es ein Traum“, sagt Gerkau.

von Holger Schmidt

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