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Neureiche erzürnen Traditionalisten

Kritik an „Retortenclubs“ Neureiche erzürnen Traditionalisten

Geld statt Tradition: Die Zahl der sogenannten „Retortenclubs“ in der Bundesliga steigt aktuell stetig. Bei den Fans der anderen Vereine sind die neureichen Emporkömmlinge verhasst.

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Fans von Darmstadt 98 halten ein Spruchband mit der Aufschrift „Wir scheißen auf Red Bull“.

Quelle: Roland Holschneider

Marburg. „Geld schießt keine Tore“, heißt eine bekannte Fußballweisheit. In der Realität macht sich die finanzielle Mehrklassen-Gesellschaft der Bundesliga aber längst stark bemerkbar. Auch viele Traditionsvereine mit großer Fanbasis können mit den wenigen Top-Clubs nicht mehr mithalten - und werden von fremdfinanzierten Konkurrenten überholt.

An „Retortenclubs“ wie dem VfL Wolfsburg, RB Leipzig oder der TSG 1899 Hoffenheim gibt es daher seit Jahren massive Kritik aus der Fanszene. Einige Vereinsvertreter brachten zuletzt auch immer wieder eine andere Verteilung der TV-Gelder zugunsten der Traditionsclubs ins Spiel, um vermeintliche Ungerechtigkeiten auszugleichen.

Die scheinbar unbegrenzten Mittel der ungeliebten Konkurrenten werden als unberechtigte Vorteile angesehen.

„Es ist eine klare Wettbewerbsverzerrung. Leipzig wäre auf sich alleine gestellt niemals in der 2. Liga, Hoffenheim niemals in der 1. Liga“, sagt Torsten Selzer vom Borussia-Mönchengladbach-Fanclub „Rauten Sumpis Neustadt“. „Ich mag diese Clubs gar nicht! Da steckt jeweils ein Konzern oder ein Privatmann dahinter, der die Bühne Fußball als Präsentationsplattform nutzt.“

„Für die Retortenclubs ist es viel einfacher“

Hoffenheim ist mit Hilfe des SAP-Gründers Dietmar Hopp von der Kreisliga bis in die Bundesliga aufgestiegen. Wolfsburg hat mit Volkswagen einen riesigen Konzern im Hintergrund, der die Verpflichtung von Stars wie Julian Draxler, ­André ­Schürrle oder Dante finanziert. Leipzig steht als Spitzenreiter der 2. Liga vor dem Aufstieg. Vereinssponsor Red Bull hat ­allerdings noch viel größere Ziele und will den Club dauerhaft in die Champions League hieven.

„Bayern oder Dortmund haben auch zahlungskräftige Sponsoren, aber für die Retortenclubs ist es viel einfacher - das ist schon Wettbewerbsverzerrung“, findet auch Volker Paff­rath ­vom Borussia-Dortmund-Fanclub „BVB Express Oberhessen“.

Er teilt damit eine weit verbreitete Ansicht: Während Traditionsvereine ihren Sponsoren einen Gegenwert böten, indem sie ihre Strahlkraft für die Werbung zur Verfügung stellen, profitierten die Newcomer durch das - nach den Regeln des Marktes irrationale - Engagement eines Einzelnen, beziehungsweise eines Konzerns.

Das Geld werde nicht aus dem Fußball heraus erwirtschaftet. „Ich habe einfach Bauchschmerzen dabei, wenn eine starke Mannschaft mit Geld aus einem Betrieb zusammengekauft wird“, sagt Paff­rath. Dies sei zudem „schlecht für die Entwicklung der Fankultur“.

Werner Fleckna vom Eintracht-Frankfurt-Fanclub „Adlerhorst Stadtallendorf“ sieht das ähnlich und befürchtet, dass auch Traditionsvereine sich künftig gezwungen sehen könnten, einen potenten Investor an Bord zu holen. „Dabei birgt das ja auch Gefahren, sich von einem Sponsor so abhängig zu machen“, sagt er.

50+1 und „Financial Fairplay“ wirkungslos

Verliert ein Investor die Lust an seinem „Spielzeug“, kann der Verein durch die plötzlich ausbleibenden Hilfen schnell in die Pleite getrieben werden. Zuletzt ereilte dieses Schicksal beinahe den TSV 1860 München, bei dem es seit einigen Jahren immer wieder Auseinandersetzungen um den jordanischen Investor Hassan Ismaik gibt. Da er nicht genug Einfluss habe, zog Ismaik sein Engagement bereits mehrfach fast zurück - die Folge wäre die Insolvenz des Vereins gewesen.

Aktuell darf ein Geldgeber aufgrund der „50+1-Regel“ in Deutschland keine Stimmenmehrheit an einem Club erwerben. Diese Vorschrift ist jedoch in Europa einzigartig und droht bei einer Klage durch die EU-Kommission gekippt zu werden. Um eine solche Klage zu vermeiden, wurde die Regel 2011 aufgeweicht. Der Präsident von Hannover 96, Unternehmer Martin Kind, darf demnach 2017 (nach 20 Jahren) die Mehrheit des Vereins übernehmen.

Um diese Entwicklung zu stoppen, helfe auch die „Financial Fairplay“-Regelung des Europäischen Verbandes (Uefa) nichts, meint Selzer. Das Financial Fairplay sieht vor, dass ein Investor die Bilanz eines Vereins mit maximal 45 Millionen Euro ausgleichen darf - andernfalls droht ein Ausschluss von europäischen Wettbewerben. „Bei hundertprozentiger Anwendung eine tolle Sache. Aber das Ganze ist schwammig. Den ,Großen‘ pisst doch keiner ans Bein. Da gibt es immer Sonderlösungen“, so Selzer.

Folgt man dieser Einschätzung, werden die „Retortenclubs“ wohl in Zukunft noch stärker das Bild in der Bundesliga prägen. Denn, so sagt Fleckna: „Von Tradition kann man sich heute nichts mehr kaufen.“

von Peter Gassner

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