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Nach sechs Titeln im siebten Himmel

OP-Serie: Wettkampf meies Lebens Nach sechs Titeln im siebten Himmel

Wenn ein Sportler seine Medaillen, Urkunden und Pokale nicht mehr zählen kann, dürfte es ihm schwerfallen, sich an einen besonderen Wettkampf zu erinnern. Nicht so beim Masters-Schwimmer ­Robert Keul aus Marburg.

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Robert Keul hält einige seiner unzähligen Medaillen in der Hand.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Betritt man das Haus von Robert Keul deutet auf den ersten Blick nichts, aber auch rein gar nichts darauf hin, dass hier jemand wohnt, der sich seit 42 Jahren dem Schwimmsport nicht nur verbunden fühlt, sondern ihn auch überaus erfolgreich ausgeübt hat.

Teilnahmen an Welt- und ­Europameisterschaften, zahlreiche an Deutschen Meisterschaften, unzählige an Hessenmeisterschaften. Da muss doch einiges an Pokalen, Medaillen und Urkunden zusammengekommen sein – oder etwa nicht?

Ach ja, da gibt es schon einige. Doch möchte ich die nicht so in den Vordergrund rücken“, sagt Robert Keul, der Mitte des Jahres seinen 70. Geburtstag feiert. „Die wollen wir aber trotzdem mal sehen, um dann mit Ihnen ein schönes Foto zu machen“, sagt OP-Fotograf Thorsten Richter. „Muss das sein?“, fragt Keul. Muss!

Fast schon ein bisschen versteckt hinter einer Tür hängen seine Medaillen an der Wand – 50, 100, 150? Nein, es sind über den Daumen gepeilt mehr als 500. Etliche Pokale, Urkunden und Auszeichnungen bei der Sportlerehrung der Stadt Marburg kommen hinzu.

Das Wochenende in Offenbach ist unvergessen

Das Highlight seiner Sportlerkarriere fand dann doch sicherlich bei einer WM oder einer EM statt. „Nein“, sagt Keul. „Klar waren die Teilnahmen an der Europameisterschaft 1987 in Prag oder an der Weltmeisterschaft im Jahr 2000 auf dem Olympia-Schwimmgelände in München besonders wertvoll. Den Wettkampf meines Lebens hatte ich allerdings 1981 in Offenbach bei den Hessischen Meisterschaften“, erzählt Keul.

Er trat an einem Samstag und einem Sonntag in sechs Einzel-Disziplinen an und gewann ­alle sechs Titel in der Altersklasse Ü 30. Ein Novum. An die Reihenfolge erinnert er sich noch ganz genau: Gold über 400 Meter Freistil, Gold über 200 Meter Rücken, Gold über 200 Freistil, Gold über 100 Meter Schmetterling, Gold über 100 Meter Freistil und zum Abschluss Gold über 100 Meter Rücken.

„Ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Das letzte Rennen hätte eigentlich das anstrengendste sein müssen, doch war es das leichteste. Ich wusste, an diesem Wochenende bin ich unschlagbar. Fast war es das Gefühl, man schwebt über dem Wasser.“ Hinzu kamen an diesem Wochenende im Jahr 1981 noch zwei Silbermedaillen mit der Mannschaft seines Marburger Schwimmvereins (MSV).

„Ja, ja, der MSV – mein zweites Zuhause“

„Ja, ja, der MSV – mein zweites Zuhause“, sagt Keul und wirkt plötzlich gar nicht mehr so euphorisiert, eher nachdenklich. Wehmut macht sich breit. Keul hat in diesem Jahr sein Amt als Masters-Beauftragter des MSV niedergelegt – nach 42 Jahren. Mitglied im Verein ist er seit 1959.

Seinerzeit hatte seine Leidenschaft Schwimmsport auch begonnen. Keul erinnert sich: „Damals spielten ja fast ­alle Jungs Fußball. Schwimmen war höchstens mal im Sommerbad angesagt, weil man Spaß haben wollte. Beim Fußball entwickelte ich aber enormen Ehrgeiz.

Ich spielte­ damals beim VfL unter den Trainern Walter Stengel und Rudi Sielaff. Eine schöne Zeit. Geärgert hat mich dann aber, dass einige den Sport nicht so ernst nahmen. Ich aber wollte immer gewinnen. Deshalb habe ich mich dann für eine Individualsportart entschieden. Dabei war ich nicht abhängig von der Leistung und der Einstellung anderer. Ich wollte mein ­eigener Herr sein.“

Dies zahlte sich aus – zwar erst im „Alter“, da er in den Anfangsjahren verletzungsbedingt nicht alles aus sich herausholen konnte. Aber als Senior räumte er kräftig ab. Er blickt neben seinen internationalen Teilnahmen auf mehr als 60 Hessentitel zurück.

Zurück blickt er aber auch auf 42 Jahre Masters-Schwimmen. Keul führte das Masters-Schwimmen 1976 in Marburg ein. „In den 70er-Jahren waren die Top-Schwimmer zwischen 15 und 17 Jahre jung. Mit 20 hörten die meisten auf, waren zu alt für diesen Sport.“

Auf einmal war er 
Mädchen für alles

Keul stellte sich die Frage, wie man all diese Sportler bei der Stange und im Verein halten kann. „Das Masters-Schwimmen, in der Anfangszeit hieß es noch Senioren-Schwimmen, war dafür bestens geeignet. Schließlich wurden nach und nach landes- sowie bundesweit Wettkämpfe auch für die Altersklassen angeboten“, erklärt Keul.

Bereits zu Beginn hatte der MSV zwischen 15 und 25 Masters-Schwimmer, von denen Keul regelmäßig 10 bis 15 zu Wettkämpfen melden konnte. Fortan entwickelte sich eine große Leidenschaft, das regelmäßige Schwimmsport-Angebot für Ältere weiterzuentwickeln.

Keul war auf einmal Mädchen für ­alles. Er kümmerte sich um die gesamte Organisation rund um das Masters-Schwimmen: Meldungen für Wettkämpfe, unzählige Telefonate mit potenziellen Teilnehmern an Meisterschaften, Hotelbuchungen, Planungen der Fahrten. War da überhaupt noch Zeit übrig für das Privatleben? „Ach, wissen Sie, meine Frau Maria war seit unserem Kennenlernen bei fast ­allen Wettkämpfen dabei“, sagt der gebürtige Marburger.

„Der Schwimmsport entwickelte sich zu unserem gemeinsamen Hobby. Maria war schließlich auch 27 Jahre als Schriftführerin im MSV tätig.“ Das Schwimmen sei sein Herzblut, andere dafür zu begeistern immer sein Ziel gewesen.

Und damit soll jetzt Schluss sein? „Ja, ich bin bald 70 und 42 Jahre in Funktion, 42 Jahre regelmäßig bei Wettkämpfen, 42 Jahre der Leithammel. Es ist an der Zeit gewesen, dass dies alles nun andere übernehmen“, sagt Keul, der sich nun noch mehr seinem zweiten Hobby widmen kann: „Meine Frau und ich reisen leidenschaftlich gern. Hauptsächlich machen wir Fernreisen.

Dafür haben wir nun mehr Zeit. Das wollen wir genießen“, sagt Keul, der in diesem Jahr an keinem Wettkampf teilnahm. Die Schulter habe nicht so gewollt wie er. Doch inzwischen ist diese Verletzung auskuriert. Und so ganz kann er dann doch nicht vom Masters-Schwimmsport lassen. „In diesem Jahr möchte ich nochmals an Wettkämpfen in meiner Altersklasse teilnehmen“, sagt Keul. Wer weiß, vielleicht räumt er ja nochmals ähnlich gut ab wie im Jahr 1981 beim „Wettkampf seines
Lebens“.

von Michael E. Schmidt

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