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Lokalsport Nach dem Finale ist vor dem Finale
Sport Lokalsport Nach dem Finale ist vor dem Finale
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00:17 08.12.2018
Jubelszenen nach dem Titelgewinn der ersten Riege, die sich aus KTV-Sicht am kommenden Samstag in Monheim – in personell anderer Besetzung – gern ähnlich wiederholen dürfen. Obere Lahn II turnt gegen Ludwigsburg um den Zweitliga-Aufstieg. Quelle: Michael Ruffler/imago
Biedenkopf

Nachdem die erste Garnitur der KTV Obere Lahn sieben Jahre lang großen Sport in der 1. Kunstturn-Bundesliga serviert hat, zieht sich der Verein aus der höchsten deutschen Klasse zurück. Zu groß ist der Aufwand für die Ehrenamtler im Verein. Doch das Drehbuch für den Abgang, dessen letztes Kapitel am Samstag geschrieben wurde, hätte geradewegs aus Hollywood stammen können.

In der vorerst letzten Erstliga-Saison turnte das Team von Coach Albert Wiemers in Ludwigsburg bei Stuttgart gegen die KTV Straubenhardt um die Meisterschaft und setzte sich in einem dramatischen Finale, das Thriller-Vater Alfred Hitchcock hätte frohlocken lassen, mit 36:34 durch. „Einfach nur legendär“, bewertet Vereinsvorstand Philipp Wiemers auch noch nach einigen Tagen Abstand zum emotionalen Geschehen – eine Meisterschaft als Schlussstrich.

Während sich nach dem Finale zwei Reisebusse mit erschöpften, aber zufriedenen Fans in Richtung Marburg aufmachten, verblieben Turner, Trainer und Funktionäre in Ludwigsburg und feierten den Meistertitel. Es war feucht-fröhlich. Alle Athleten trieb es nach den Feierlichkeiten dann noch in eine Stuttgarter Diskothek. Nicht so Wiemers „Ich kann mich noch sehr gut erinnern. Ich war vor 4 Uhr morgens im Bett“, beteuert der 32-jährige Vereinsboss lachend. Auch sein Vater seilte sich vor dem Disko-Besuch ab. „Aus alterstechnischen Gründen haben ich mich dann zurückgezogen“, erklärt Albert Wiemers.

Trennen werden sich aufgrund der Entscheidung, nicht mehr in der 1. Bundesliga anzutreten, auch die frisch gebackenen Meister von ihrem Verein. Wie es für die Athleten der ersten Mannschaft weitergeht, ist nicht vollends klar. Laut Philipp Wiemers sei Fabian Lotz bereits bei dem Siegerländer KV, der ebenfalls in der höchsten Klasse vertreten ist, untergekommen. Andrey Likhovitskiy, der als Jugendtrainer bei der KTV tätig ist, werde dem Klub in dieser Funktion und wohl auch als Aktiver erhalten bleiben. Ansonsten wisse er allerdings nicht, wo es die Turner hinverschlägt. „Da bin ich aktuell gar nicht so drin“, teilt er mit.

Das liegt auch daran, dass der Saison noch nicht die Krone aufgesetzt wurde. Vor dem Finale ist nämlich nach dem Finale. Die KTV kann nach dem Meistertitel auch den Aufstieg schaffen. Denn die zweite Mannschaft turnt am kommenden Samstag ab 14 Uhr um den Klassensprung von der 3. in die 2. Bundesliga. Daher ist nach nur wenigen Tagen in Biedenkopf wieder ernster Trainingsalltag eingekehrt. „Ich sehe die Chancen für uns bei 50:50“, stellt Albert Wiemers vor dem Duell in Monheim mit dem MTV Ludwigsburg, dem Dritten der Südstaffel, fest.

Noch immer schwärmt er von der mentalen Stärke seiner Schüler. „Die haben wir am Samstag eindrucksvoll gezeigt“, sagt Wiemers und vermutet, dass es am kommenden Wochenende eine ähnliche enge Kiste wird. Topscorer der zweiten Biedenkopfer Riege, die mit dem Ziel Klassenerhalt in die Saison gegangen war und letztlich mit nur einer Niederlage in der Hauptrunde auf Rang zwei der 3. Bundesliga Nord hinter der TG Saar II landete, ist Andrey Cheskasov. „Auf ihn wird es am Samstag natürlich auch ankommen“, versichert der Vorsitzende, der wie sein Vater erneut von einem nervenaufreibenden Finale ausgeht.

Eine mögliche spätere Rückkehr in die 1. Bundesliga sei laut Philipp Wiemers Zukunftsmusik. „Damit beschäftigen wir uns derzeit überhaupt nicht, sondern gucken auf Samstag“, sagt er. Trotz des Talents in der zweiten Mannschaft hält er einen Durchmarsch in Liga eins für unwahrscheinlich. Sein Vater bläst ins gleiche Horn. „Der Unterschied zwischen zweiter und erster Liga ist massiv. Sollten wir tatsächlich den Aufstieg schaffen, glaube ich eher nicht, dass wir sofort ganz oben mit dabei sind. Obwohl wir viele vielversprechende junge Leute haben“, sagt Alber Wiemers. Wie die Sache in ein paar Jahren aussieht, sei allerdings offen.

Termin

Abfahrt des Fanbusses zum Aufstiegsfinale in Monheim am Samstag ist um 7 Uhr an den ­Beruflichen Schulen in Biedenkopf.

von Benjamin Kaiser