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Mit 26.000 Armzügen zum Ziel

Langstreckenschwimmen Mit 26.000 Armzügen zum Ziel

Der Wasserweg zwischen der Insel Fehmarn und der dänischen Stadt Rødby ist eine viel befahrene Fährstrecke, auf der sich zuweilen auch mutige Schwimmerinnen versuchen. Jacqueline Kempfer ist eine von ihnen.

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Jacqueline Kempfer zeigt die Medaille, die sie für die Querung der Meerenge zwischen Fehmarn und Lolland erhalten hat. Dabei half ihr als Mentaltrainer Volker Kleinert.

Quelle: Bodo Ganswindt

Marburg. „Ich habe gelernt, den Kopf auszuschalten“, sagt Jacqueline Kempfer. Wenn sie das in ihrem Beruf täte, wäre dies eher unproduktiv, ja schädlich. Denn sie ist Richterin am Landgericht Marburg. Wenn sie allerdings ihrer Passion des Langstreckenschwimmens nachgeht, könne dies sehr förderlich sein. So geschehen am 24. Juli, als sie den Fehmarnbelt - die Meerenge zwischen der deutschen Ostseeinsel und der dänischen Lolland - durchkraulte. Die Strecke zwischen Putgarden und Rødby beträgt in der Luftlinie 21 Kilometer. Doch durch den seitlichen Abtrieb in Folge von Strömungen kann die Strecke länger werden. In Kempfers Fall erhöhte sich die geschwommene Strecke auf 25 Kilometer.

Seit 1939 haben 25 Menschen diese Herausforderung gewagt und auch erfolgreich beendet. Die 37-jährige Kempfer gehört zu ihnen und hat für ihren Schwimm-Marathon neun Stunden und neun Minuten benötigt. Und das alles in einem normalen Badeanzug sowie mit Kappe und Schwimmbrille. Diese „Ausrüstung“ und nichts darüber hinaus lassen die internationalen Richtlinien für die Anerkennung der Querung zu.

Nächstes großes Ziel ist die Querung des Ärmelkanals

Sie habe spät begonnen, „richtig“ zu schwimmen, sagt sie. „Das Kraulen haben ich mir zunächst selbst beigebracht - und mir dabei einige falsche Bewegungsabläufe angewöhnt, die ich dann später - unter qualifizierter Anleitung - korrigieren konnte.“ Quasi zum Einschwimmen für die Langdistanzen hat sie sich zum Auftakt ein 24-Stunden-Becken-Kraulen in Calmbach in Baden-Württemberg ausgesucht - und siegte, nachdem sie 30 Kilometer zurückgelegt hatte. Das war 2011. „Da habe ich gewusst: Die lange Strecke liegt mir.“ Doch das Schwimmen im Becken wurde ihr zu langweilig. Sie versuchte sich nun auf den freien Gewässern. 2014 gelang ihr die Bodensee-Breitenquerung. Nach 4:32 Stunden für die zwölf Kilometer stieg sie am anderen Ufer aus dem Wasser. Ein Jahr später „durchpflügte“ sie den Edersee in der Längsrichtung: Für die 20 Kilometer brauchte sie 6:55 Stunden.

Dieses Jahr war also die Ostsee ihr Revier, und 2017 hat sie sich eine längere Strecke vorgenommen. Später dann ist die Querung des Ärmelkanals ihr großes Ziel.

Auf die Frage, wie diese körperliche Anstrengung zu bewältigen sei, lautet ihre Antwort: mit Kraft, Ausdauer und mentaler Stärke. Dabei behilflich ist ihr Volker Kleinert. Der Gesundheitsmanager und Fachsportlehrer praktiziert mit Kempfer einen „experimentierfreudigen Ansatz“. Der ist geprägt von einer umfangreichen Leistungsdiagnostik mit permanentem Monitoring und Bewegungsanalysen. Überdies fungiert Kleinert als Mentaltrainer. Und das offenbar mit dem erhofften Erfolg. „Ich bin in der Lage, während des Schwimmens einen Zustand herbeizurufen, der einer Art Trance gleicht. Du gehst mit der Zuversicht ins Wasser, dass du es schaffen wirst. Alles andere schaltest du aus“, sagt die Athletin. Von den etwa 26.000 Armzügen bei der Beltquerung sei jeder ein „Ja“. Da stört es auch nicht, wenn man wie sie eine halbe Stunde der Strecke durch Quallen schwimmt. „Ich fühle mich auf dem Weg zum Ziel unendlich friedlich und gelassen.“

Nahrungsaufnahme im Halbstundentakt

Gleichwohl braucht der Körper, der anstrengende Arbeit verrichtet, intensive Zuwendung. Denn sie verbraucht bei einer Pulsfrequenz zwischen 100 und 120 Schlägen etwa 1000 Kilokalorien. „Ich kann allerdings nur 400 Kilokalorien zu mir nehmen.“ Die Nahrungsaufnahme erfolgt im halbstündigen Takt. Die Crew des verbindlich vorgeschriebenen Begleitbootes - bestehend aus Kleinert und ihrem Schwimmtrainer Alexander Gallitz - reicht ihr dann eine kohlehydratreiche Flüssigkeit. „Wir haben Jacqueline natürlich während der gesamten Zeit im Blick, um ihr gegebenenfalls helfen zu können“, sagt Kleinert.

Doch diese Hilfe war in diesem 24. Juli nicht erforderlich. Sie absolvierte die sich selbst gestellte Aufgabe bei 20 bis 23 Grad Lufttemperatur im 18 bis 20 Grad warmen Wasser ohne Probleme. „Wenn man endlich ankommt, ist man völlig überwältigt und erleichtert, und der Körper bricht quasi zusammen, weil er registriert, dass die Dauerbelastung zu Ende ist “, sagt Kempfer, „ich bin schon erstaunt darüber, was möglich ist, wenn man es sich nur in den Kopf setzt“.

von Bodo Ganswindt

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