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Lokalsport „Eine Reform der Spielklassen muss kommen“
Sport Lokalsport „Eine Reform der Spielklassen muss kommen“
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00:17 31.12.2018
Marburgs Kreisfußballwart Peter Schmidt nimmt im OP-Interview Stellung zu aktuellen Themen im regionalen und internationalen Fußball. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Peter Schmidt (62) ist seit dem Jahr 2000 Marburgs Kreisfußballwart. Seine derzeitige Amtsperiode endet 2020. Dann wäre er 20 Jahre im Amt. Ob der gebürtige Marburger dann nochmals für vier Jahre antritt, hängt nach eigenem Bekunden zwar nicht allein, aber auch davon ab, wie eine von ihm angeregte und geforderte Spielklassenreform vom Verband umgesetzt wird. Allerdings lässt Schmidt, der seit 40 Jahren in Bauerbach lebt, durchblicken, dass er das Amt gerne nochmals für vier Jahre ausüben möchte, um in dieser Zeit gemeinsam mit seinem Team einen geeigneten Nachfolger aufzubauen und einzuarbeiten.

OP: Was waren die größten Probleme im heimischen Fußball im abgelaufenen Jahr?
Peter Schmidt: Die größten Probleme haben wir mit den Spielklasseneinteilungen der B- und A-Ligen. Es gibt immer wieder Diskussionen über Wochen, wer wo spielen will – und zwar über unsere Kreisgrenze hinaus. Dabei gibt es sicherlich auch Wünsche, die man nicht erfüllen kann. Das macht mir Sorge, weil es so nicht besser wird. Eine Lösung dieser Problematik ist noch nicht gefunden.

OP: Aber es ist doch Ihre Aufgabe, gemeinsam mit den anderen Kreisfußballwarten ein Lösung zu finden, zumal sich immer mehr Mannschaften aus dem Spielbetrieb zurückziehen.
Schmidt: In der Tat haben wir jetzt den Dialog mit den Vereinen aufgenommen. Es gibt auch Vorschläge von Vereinen, die Klassen auf 12 oder 13 Mannschaften zu reduzieren. Doch dieser Gedanke bringt der Allgemeinheit nichts. Wenn irgendwann die Kreisgrenzen im Fußball fallen, dann müssen die Vereine auch weitere Strecken in Kauf nehmen.

OP: Wegfall der Kreisgrenzen ist also das Ziel?
Schmidt: Ja. Und zwar müssen wir von oben her eine Reform erzielen. Das würde bedeuten, dass es künftig nur noch zwei statt drei Verbandsligen, sechs statt acht Gruppenligen und nur noch zwei statt drei Kreisoberligen gibt.

Frankenberg und Biedenkopf weigern sich

OP: Wie soll das konkret aussehen?
Schmidt: Nehmen wir mal als Beispiel die Kreisoberligen. Der Fußballkreis Frankenberg müsste sich in den eigenen Kreis Waldeck-Frankenberg zurückziehen. Aus den Fußballkreisen Marburg, Biedenkopf, Gießen, Alsfeld, Wetzlar und Dillenburg werden dann zwei Kreisoberligen gebildet. Die Teams, die nicht Kreisoberliga spielen, kämen dann in insgesamt nur noch vier A-Ligen, bestehend aus Mannschaften der sechs Kreise. Und das geht dann runter bis in die B-Ligen, die dann auch grenzübergreifend eingeteilt werden würden.

OP: Um das umzusetzen, müssten aber alle Kreisfußballwarte der genannten Kreise mitziehen...
Schmidt: Von den genannten sieben Kreisen sind bereits fünf für diesen Vorschlag. Nur Frankenberg und Biedenkopf sprechen sich bislang dagegen aus.

OP: Warum?
Schmidt: Sie sagen, bei ihnen sei alles gut. Wir spielen auch gern mit weniger Mannschaften und wollen alles so belassen. Das hilft uns aber nicht weiter.

OP: Letztlich entscheidet doch aber der Verband, ob es eine Reform der Spielklasseneinteilung gibt...
Schmidt: Auf Kreisebene können wir selbst entscheiden. Doch das bringt uns nichts, wenn von oben nichts verändert wird.

OP: Gibt es denn Signale aus dem Verband, dass es zu den von Ihnen angestrebten Veränderungen kommen wird?
Schmidt: Zumindest liegt dem Verbandsspielausschuss unser Vorschlag vor. Ich hoffe, dass er sich intensiv damit auseinandersetzt.

OP: Wann könnte denn diese Reform umgesetzt werden.
Schmidt: Ich denke in frühestens zwei Jahren.

OP: Ein weiteres Problem ist der Schiedsrichtermangel. Wie kann man dem entgegenwirken?
Schmidt: Das ist sicherlich schwierig, weil es etwas zu tun hat mit fehlender Wertschätzung, fehlender Toleranz und fehlendem Respekt den Unparteiischen gegenüber. Allerdings müsste man wegkommen von der Bestrafung, von Punktabzügen wegen Nichterfüllung des Schiedsrichter-Pflichtsolls.

OP: Was schlagen Sie stattdessen vor?
Schmidt: Seit rund 40 Jahren bekommen Vereine Punktabzüge oder Geldstrafen. Hat uns das mehr Schiedsrichter gebracht? Nein! Seit 10 Jahren liegt dem Verband ein Antrag von uns vor, der nicht ernst genommen wird, der nicht mal im Ansatz zur Kenntnis genommen wird. Er beinhaltet, dass Schiedsrichter in einen Pool gepackt, also aus den Vereinen herausgelöst werden. Jede Schiedsrichter-Vereinigung hätte beispielsweise 70 Schiedsrichter, die dann alle Spiele zu leiten haben. Die Vereine könnten sich an der Ausbildung und den Kosten beteiligen, Sponsoren könnten für die Ausstattung mit ins Boot geholt werden. Dies alles müsste der Verband organisieren. Aber da rennen wir gegen Windmühlen an.

OP: Nochmals zum Thema fehlende Wertschätzung den Schiedsrichtern gegenüber. Das fängt bereits bei den Jugendspielen an...
Schmidt: In der Tat. Man muss deshalb auch die Gespräche mit den Eltern suchen. Auch die müssen an der Seitenlinie Verantwortung übernehmen. Auch sind die Trainer, Betreuer und Verantwortliche gefordert, bei möglichen Fehlentscheidungen der Schiedsrichter zurückhaltend zu reagieren. Das Problem sind allerdings auch die Profis. Wenn man sieht, wie ganze Trainerbänke permanent nach vorne springen, wie Spieler um Schiedsrichter herumhüpfen, dann muss ich mich nicht wundern, wenn am Sonntagmorgen ein 70-jähriger Schiedsrichter attackiert wird.

Appell an die Vernunft der Eltern

OP: Hinzu kommt sicherlich der zunehmende Leistungsdruck, der auch von Eltern aufgebaut wird...
Schmidt: ... die teils überehrgeizig sind. Sie lassen bereits ihre 11-, 12- oder 13-Jährigen ständig den Verein wechseln, weil sie der Meinung sind, woanders ist die Förderung besser. Das ist aber nicht nötig, sondern eher kontraproduktiv. Lasst doch die Kinder sich langfristig in einem Verein entwickeln. Sie können mit 15 immer noch wechseln, wenn sie unbedingt Gruppen- oder Verbandsliga spielen wollen. Doch in den Anfangsjahren sollten sie Spaß am Fußball haben. Und den hat man, wenn man möglichst über Jahre in ein und demselben Verein spielt. Wechselt man aber zum Beispiel bereits als D-Jugendspieler nach Wieseck, kommt aber dort nicht gleich in die 1. Mannschaft, ist das Kind frustriert und hört möglicherweise auf. Das muss nicht sein.

OP: Dass heißt, man muss mehr an die Vernunft der Eltern appellieren.
Schmidt: Richtig. Man muss ihnen klarmachen, dass sich ihre Kinder besser entwickeln, wenn sie in ihrem gewohnten Umfeld mit ihren Freunden längerfristig einen gemeinsamen Weg gehen. Denn auch unsere Vereine machen einen großartigen Job in der Jugend.

OP: Appelle allein reichen aber meist nicht.
Schmidt: Deshalb müsste man, wenn kein Umdenken stattfindet, den Leistungsfußball in Hessen bis zur B-Jugend abschaffen. In den Niederlanden zum Beispiel spielen die Kinder bis zum 14., 15. Lebensjahr in ihren Vereinen nur vier gegen vier oder sechs gegen sechs, um eben vorrangig Spaß zu haben. Das Ergebnis, Sieg oder Niederlage dürfen nicht im Vordergrund stehen.

Behäbige Weltmeister ohne Teamgeist

OP: Sicherlich gab es aber im zurückliegenden Jahr auch positive Dinge. Was hat Sie am meisten gefreut?
Schmidt: Angefangen hat es mit der großartigen Saison, die Eintracht Stadtallendorf in seiner ersten Regionalliga-Saison gespielt hat. Der Klassenerhalt war eine großartige Sache, nicht nur für den Verein, auch für unsere Region. Ein Höhepunkt war sicherlich auch die Ehrungsfeier in Wohratal für die Meister und Aufsteiger mit allen Vereinen. Dort sieht man, wie viel unglaublich engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unsere Vereine im Landkreis Marburg-Biedenkopf haben. Das macht große Freude.

OP: Keinen Grund zur Freude gab es sicherlich am 27. Juni. Nun haben Sie als Kreisfußballwart kaum Einfluss auf die Entwicklung des Profifußballs oder gar auf die Nationalmannschaft. Aber wie heißt es so schön: Ohne Amateure, ohne den Unterbau gäbe es keinen Fußball auf höchstem Niveau. Was ging Ihnen zum Thema höchstes Niveau am 27. Juni dieses Jahres durch den Kopf?
Schmidt: Ich muss nachdenken. Ach ja, es war das letzte WM-Spiel der DFB-Elf gegen Südkorea. Klar habe ich mich geärgert, dass wir bereits nach der Vorrunde ausgeschieden sind. Schließlich ist man Fan. Man fiebert mit. Man hat gewisse Erwartungen. Vor allem die Art und Weise, wie das Team gescheitert ist, stimmt mich nachdenklich. Dabei war ich im Vorfeld fest davon überzeugt, dass das Team zumindest das WM-Halbfinale erreicht. Während der Vorrunde war ich im Urlaub. Dort musste ich das Drama gegen Mexiko verfolgen. Danach gab‘s den glücklichen Sieg gegen Schweden. Daraus keine Lehren zu ziehen, war fatal. Nach 20 Minuten sagte der Reporter des Spiels gegen Südkorea: Was Sie hier sehen, ist keine Zeitlupe. Das sagt doch alles. So kam es, wie es kommen musste.

Augen zu und durch

OP: Was waren die Hauptgründe des Scheiterns?
Schmidt: Der Jogi und sein Trainerteam haben es komplett versemmelt. Die Weltmeister waren behäbig, satt. Es war kein Teamgeist zu erkennen, es war kein Leithammel in Sicht – so wie in der Vergangenheit etwa „Poldi“ oder „Schweini“. Jeder hat sich auf den anderen verlassen. Es gab keine Hierarchie. Das Ganze wirkte wie Altherren-Fußball, ohne dass ich damit die Alten Herren diskreditieren möchte. Doch waren die Leistungen erschreckend, ja, blamabel. Löw und sein Team haben einfach versagt. Sie haben die Mannschaft nicht in den Griff bekommen. Aber wir müssen es leider so hinnehmen.

OP: Spielte die Personalie Özil dabei eine Rolle?
Schmidt: Sicherlich waren viele irritiert und empört, dass sich Özil mit Erdogan auf einem Foto präsentierte. Das kann ich auf der einen Seite nachvollziehen. Aber ich glaube, Özil hat es gar nicht überblickt, was daraus entstehen würde. Insofern hätte ich ihn und auch Gündogan, der mit auf dem Foto war, nicht aus dem Kader geworfen.

OP: Hätte Bundestrainer Joachim Löw nach der WM seinen Hut nehmen müssen?
Schmidt: Die Frage, die ich mir gestellt habe, war: Wen hatte der DFB als Alternative? Keinen! Also hieß es: Augen zu und durch. Wir machen mit Jogi weiter. Insbesondere die jüngeren Trainer aus der Bundesliga hätten in der Öffentlichkeit doch gar keine Akzeptanz besessen. Eventuell wäre Matthias Sammer einer gewesen.

OP: Zumindest gab es zuletzt viele Umstellungen im Team – hin zur Verjüngung, hin zu schnellen Stürmern...
Schmidt: Das ist der richtige Weg. Mann kann nicht die nächsten Jahre weiterhin mit Hummels und Boateng planen. Mit jungen Spielern, die sich freischwimmen können, bin ich überzeugt, dass es auch wieder funktioniert und wir wieder oben anklopfen können.

Geld für Kampagnen lieber an die Basis

OP: Oben angeklopft hat inzwischen auch Borussia Dortmund. Stellt sich die Frage, ob sie auch Deutscher Meister werden.
Schmidt: Der BVB wird Deutscher Meister – Stand jetzt! Aber wehe, die Borussia verliert die Konstanz, dann sind die Bayern plötzlich wieder da.

OP: Beim Stichwort „Stand jetzt“ geht der Blick zum einzigen hessischen Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt. Was trauen Sie der Eintracht noch alles zu?
Schmidt: Was die Frankfurter geleistet haben, wie sie sich entwickelt haben, ist klasse. Die Punkte, die sie haben, sind Punkte für den Klassenerhalt, das sage ich nach wie vor. Denn wenn mal ein Tief kommt, wenn es Verletzungspech gibt, kann es auch ganz schnell bergab gehen.

OP: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Schmidt: Mehr Wertschätzung den vielen ehrenamtlichen Helfern gegenüber. Was die zahlreichen Trainer, Betreuer und auch diejenigen, die im Hintergrund der Vereine arbeiten, leisten, wird einfach noch viel zu wenig gewürdigt. Da muss sich die Gesellschaft schleunigst ändern.

OP: Auch die Politik?
Schmidt: Wissen Sie, wenn die Sonntagsreden kommen zum Thema Ehrenamt, dann heißt es immer wieder, „es ist alles toll“ oder „unsere Amateure sind echte Profis“. Es gibt Banner und Spruchbänder, Plaketten und Bierdeckel werden verteilt. Das ist ja alles schön und gut. Doch das Geld, was diese Kampagnen kosten, das Geld, was dafür Werbeagenturen kassieren, könnte sinnvoller eingesetzt werden für unsere Vereine an der Basis, für unsere Helfer an der Basis.

von Michael E. Schmidt