Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
Marburger Masih Saighani kickt für Afghanistan

Fußball-Nationalmannschaft Marburger Masih Saighani kickt für Afghanistan

Als zweitjüngstes Kind einer Flüchtlingsfamilie kam Masih Saighani nach Deutschland. Der Fußball begleitete ihn. Mehr als 20 Jahre später wird Saighani Nationalspieler Afghanistans – nun will er anderen Mut machen.

Voriger Artikel
Mit Gummibärchen-Power nach Rio
Nächster Artikel
Baum schießt FVB zum Sieg in Waldgirmes

Der Marburger Masih Saighani spielt für die afghanische Nationalmannschaft.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Masih Saighani, Fußball-Nationalspieler. So richtig kann sich der 28-jährige Marburger noch immer nicht an diesen Gedanken gewöhnen. Genau zwei Wochen ist es mittlerweile her, als Saighani – nichtsahnend auf dem Sofa sitzend – eine E-Mail bekam, die ihm wohl auf ewig im Gedächtnis bleiben dürfte.

Absender war der Co-Trainer der afghanischen Nationalmannschaft. Er teilte dem Kicker des TSV Steinbach mit, dass er bei den Länderspielen gegen Thailand und Japan Anfang September im Aufgebot stehen wird. „Es ist ein unglaubliches Gefühl“, erzählt Saighani, „man kann das gar nicht so richtig beschreiben.“ Ihm selbst funkeln bereits die Augen, wenn er an die bevorstehende Reise denkt. Er spricht von Stolz, für sein Heimatland auflaufen zu dürfen. Von einem Traum, der fast schon einmal geplatzt war, und der sich nun doch unverhofft erfüllt.

Vor fünf Jahren Sichtungstraining

Denn vor fünf Jahren war Saighani schon einmal für ein Sichtungstraining Afghanistans eingeladen worden. Seine Eltern legten damals allerdings ihr Veto ein: Zu unorganisiert waren ihnen die Abläufe in der Nationalmannschaft, und zu groß die Sorge um das Wohl ihres Kindes. Kontakt zum afghanischen Verband gab es daraufhin nicht mehr – bis vor einem Monat. Nationalcoach Slaven Skeledzic meldete sich beim Arbeitgeber Saighanis, dem Regionalliga-Aufsteiger TSV Steinbach. Der Innenverteidiger bekam eine neuerliche Einladung zum dreitägigen Auswahltraining nach Aschaffenburg – und überzeugte. „Die Trikots der Nationalelf durften wir dort schon anziehen.“ Es sei ein außergewöhnliches Gefühl gewesen, berichtet der gelernte Bürokaufmann.

Erster Gegner ist Thailand

Noch außergewöhnlicher dürfte dies im September werden, wenn es für Saighani und seine Teamkollegen in die Vollen geht: Noch am 31. August wird die Mannschaft nach Thailand fliegen, dort wenige Tage trainieren, ehe ein Freundschaftsspiel gegen die thailändische Auswahl auf dem Programm steht. Das Highlight allerdings erwartet die Spieler erst am 8. September: in der iranischen Hauptstadt Teheran trifft Afghanistan als krasser Außenseiter im WM-Qualifikationsspiel auf Japan. Das Azadi-Stadion fasst 92 000 Zuschauer, mindestens 60 000 werden erwartet. Saighani wird dann Stars wie Keisuke Honda oder dem Dortmunder Shinji Kagawa gegenüberstehen. Es ist der Gipfel seiner bisherigen Karriere.

„Euphorie ist unfassbar“

Der 28-Jährige rechnet mit einer tollen Atmosphäre im Stadion. Unter den Fans werden viele seiner Landsleute sein, die im Iran leben oder im Vorfeld eine längere Anreise auf sich nehmen. Für sie ist das ein gewohntes Szenario, denn in Afghanistan selbst wird seit Jahrzehnten nicht gespielt. Zu groß ist die alltägliche Bedrohung, vor allem durch den Terror der Taliban. „Du hast das Gefühl, dass es jede Sekunde knallen kann“, weiß Saighani. Aus den Nachrichten hat er erst kürzlich erfahren, dass bei einem Anschlag auf einen Flughafen in Kabul, seiner Heimatstadt, wieder mehrere Menschen getötet worden sind. Nähere Verwandte des Marburgers leben nicht mehr in Afghanistan.

Er hofft, den Menschen durch den Fußball etwas Mut geben zu können. „Es wäre einfach schön, wenn sich ein Land, das so lange von Krieg gebeutelt ist, daran hochziehen könnte.“ Zumal die Begeisterung für Fußball in Afghanistan gegenwärtig höher sei denn je: „Die Euphorie ist unfassbar“, erklärt Saighani, „die Menschen schöpfen Hoffnung aus dem Fußball.“

Tagein und tagaus mit Geschwistern gekickt

Er selbst weiß, wovon er spricht. Es war 1988 – die Sowjetunion führte auf afghanischem Boden einen der für den Kalten Krieg typischen Stellvertreterkriege gegen islamische Guerillas – da entschloss sich Familie Saighani zur Flucht nach Europa. In Deutschland bekam sie Asyl. Masih, damals zwei Jahre alt, wuchs gemeinsam mit seinen Geschwistern Zabih, Nawid, Edris und Schabnam nach einigen Umwegen in Marburg auf. Tagein und tagaus kickten sie während ihrer Kindheit gemeinsam.

Der Fußball prägte ihr Leben. Masihs Karriere begann in Niederweimar, doch der Sprung zu stärkeren Mannschaften wie dem VfB Marburg und Waldgirmes gelang dem talentierten Nachwuchs-Kicker recht schnell. Auch heute kann er noch nicht vom Fußball lassen. Beispiel gefällig? Sein Haustier, eine Perserkatze, trägt den würdevollen Namen „Ronaldo“. Mit seinem aktuellen Klub, dem TSV Steinbach, trainiert Saighani sechsmal pro Woche. „Mein ganzer Tag dreht sich um Fußball“, gesteht er.

Nach dem Trip mit der Nationalmannschaft wird der 1,90-Meter-Recke wieder im Fußball-Alltag mit Steinbach um den Klassenerhalt in der Regionalliga kämpfen. Ob er allerdings noch einmal für Afghanistan auflaufen darf, hängt auch von den beiden Spielen im September ab. Eine erfolgreiche Leistung vor 60000 Zuschauern gegen Japan wäre da mit Sicherheit keine schlechte Bewerbung.

von Yanik Schick

Voriger Artikel
Nächster Artikel
../dpa-ServiceLine-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-170707-99-155169_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Wie werde ich Sounddesigner/in?