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Lokalsport Marburger Fußballer wechselt nach Kanada
Sport Lokalsport Marburger Fußballer wechselt nach Kanada
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00:18 18.03.2019
Hendrik Starostzik kam in Halle nur noch bei Testspielen zum Einsatz und suchte eine neue Herausforderung. Quelle: imago
Marburg

Nur so ein Gedankenspiel: Angenommen, vor etwa vier Wochen wäre jemand auf Hendrik Starostzik zugekommen und hätte ihm erklärt, er würde schon bald im Sand an der kanadischen Westküste stehen und dort Fußball-Tennis spielen – Starostzik hätte diesen Jemand wohl nicht für voll genommen. Die Situation für ihn war zu diesem Zeitpunkt ziemlich verfahren. Er stand bei seinem Verein, dem Drittligisten Hallescher FC, auf dem Abstellgleis; ohne Chance, es in den Kader zu schaffen. Im Winter hatte der 27-Jährige einen neuen Arbeitgeber gesucht, aber keinen passenden gefunden. Er machte sich schon auf ein Reservistendasein bis zum Ende der Saison gefasst.

Doch dann, Ende Februar, kam plötzlich ein Anruf aus Kanada. Und nun, erst vor ein paar Tagen, stand Starostzik mit den Jungs des Pacific FC am Strand des Surforts Tofino – und spielte Fußball-Tennis.

„Dieser Schritt ist eine Riesen-Lebenserfahrung“, sagt der gebürtige Marburger. Gerade hat er viel um die Ohren – Behördengänge, Training und dazwischen Ankommen in einem neuen Land, einer neuen Kultur. Seit fast zwei Wochen lebt Starostzik jetzt in Greater Victoria auf Vancouver Island. Die Stadt, ungefähr so groß wie Marburg, ist der Sitz seines neuen Vereins Pacific FC. Dort hat Starostzik ein Appartement. Sein Schulenglisch sei okay, sagt er, es werde aber auch von Tag zu Tag besser mit der Sprache.

Gemeinsam mit seinem Team bereitet er sich auf die Saison vor – die erste überhaupt in Kanadas Profifußball. „Kanada war das einzige hochzivilisierte Land auf der Welt, das bislang keine Profi-Liga hatte“, erzählt Starostzik. Die Liga, die „Canadian Premier League“, und auch die bisher sieben Vereine, sind gerade erst gegründet worden.

Trainer Ziegner ließ den Verteidiger links liegen

Für den 27-Jährigen ist das alles ein großes Abenteuer. „Da gehört eine große Portion Mut dazu“, betont er. Vereinfacht wurde ihm die Entscheidung durch die schwierige Situation in Halle: Dort hatte im vergangenen Sommer mit Torsten Ziegner ein neuer Trainer begonnen, der Starostzik links liegen ließ. „Er hat seine Spieler aus Zwickau mitgebracht“, berichtet Starostzik, „und dann war auch noch Erfolg da. Er brauchte mich also nicht.“ Der Innenverteidiger – gerade erst nach langer Verletzung wieder fit (die OP berichtete) – schaffte es nicht bei einem einzigen Punktspiel in den Kader. Weil er auch einer der besserverdienenden Spieler beim HFC war, legte der Verein ihm einen Wechsel nahe. „Es war eine blöde Zeit, aber auch die lehrreichste bisher in meiner Karriere.“

Der große Einschnitt begann dann ab dem 20. Februar. Bei Starostziks Berater meldeten sich zwei Personen, die Fußball-Kennern ein Begriff sein dürften: Rob Friend, früher Stürmer unter anderem bei Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach, und Josh Simpson, ehemaliger Kicker vom 1. FC Kaiserslautern. Sie sind die Besitzer des Pacific FC und suchten unbedingt noch nach ein, zwei deutschen Spielern für das neu zusammengestellte Team. „Deutsche Spieler haben einen guten Ruf. Sie gelten als gut ausgebildet und professionell“, erklärt Starostzik. Die Anfrage an ihn sei aber „aus heiterem Himmel gekommen“.

Der Marburger suchte Rat bei seiner Familie, insbesondere seiner Frau Mandy. „Sie war sofort begeistert. Auch von meinen Eltern habe ich grünes Licht bekommen“, erinnert sich „Henne“, wie ihn alle nennen. Seine Familie will ihn schnell in Kanada besuchen, ob Frau und Sohn Leandro (3) zu ihm ziehen, ist noch nicht klar. Beim Pacific FC hat Starostzik einen Einjahresvertrag unterschrieben – mit der Option auf zwei weitere Jahre, wenn er auf eine gewisse Anzahl an Spielen kommt.

Am liebsten möchte er natürlich alle Partien machen. Hauptsache, endlich wieder auf dem Platz stehen und Fußball spielen. Zum deutschsprachigen Trainer Michael Silberbauer hat er auch schon einen guten Draht. „Der Trainer verlangt, dass ich mit vorangehe“, berichtet Starostzik. Der Kader besteht bislang aus 13 Kanadiern, einem Spanier und eben Starostzik. Qualitativ sei der Fußball besser, als er erwartet hätte – vor allem technisch, betont der 1,90-Meter-Hüne.
Damit die Mannschaft auch zusammenwächst, war zuletzt Teambuilding angesagt: eine Woche Trainingslager am Strand von Tofino. Anfang April fliegen die Kicker noch mal zum Feinschliff in die Dominikanische Republik. Was mit dem Pacific FC dann sportlich in der neuen Liga drin ist, weiß Starostzik noch nicht. „Das ist überhaupt nicht abzusehen.“ Ein Abenteuer eben – aber eines, auf das der Marburger große Lust hat.

von Yanik Schick