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Lokalsport Die Gründe für das Versagen
Sport Lokalsport Die Gründe für das Versagen
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18:00 29.09.2018
Auch in dieser Szene ist der Vorteil beim Gegner. Philipp Vinzenz von den Frankfurt Universe fängt den Ball, während dem Marburger Kristof Szakacs nur das Nachsehen bleibt. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Am Samstag haben die Playoffs der German Football League (GFL) begonnen. Unter anderem traten die Allgäu Comets bei den Dresden Monarchs (51:19) und die Munich Cowboys bei den Braunschweig Lions (14:59) an. An Stelle von einem der beiden Auswärtsteams hätten die Marburg Mercenaries sein können, sind sie aber nicht. Die „Söldner“ verfolgen die Endrunde vom gleichen Ort aus wie ihre Fans – von der Couch. Der Weg, der in der vergangenen Saison ausgeleuchtet wurde, konnte nicht fortgesetzt werden.

Nach dem Überraschungsjahr 2017 standen 2018 unterm Strich sechs Siege und acht Niederlagen. Zwei Triumphe weniger als im Vorjahr. Letztlich war das Team von Head Coach Dale Heffron nicht gut genug und verlor sechs seiner letzten sieben Saisonspiele. Die nackten Zahlen sprechen Bände, denn die „Mercs“ haben sich in fast jeder entscheidenden Offensiv- und Defensivstatistik, teilweise sogar dramatisch, verschlechtert.

„Verletzungen haben unsere Saison entgleisen lassen“, sagt Heffron. In Jack Rice, Cesare Vanucchi und Andreas Flier fehlten den „Mercs“ drei Stamm-Linebacker über den Großteil der Spielzeit oder gar gänzlich. Besonders die Defensive befand sich infolgedessen auf Talfahrt. Hinzu kam das durch die Verletzung von Alexander Thury in Gang gesetzte Quarterback-Karussell. Vier Spieler – Thury, Silas Nacita, Robert Webber und Zac Cunha – setzten die Marburger als Spielmacher ein.

Silas Nacita an der Hälfte der Touchdowns beteiligt

Aufgrund der Karussellumdrehungen konnte keiner von ihnen die notwendige Feinabstimmung mit den Teamkollegen herstellen. Und wenn die Mercenaries Tausendsassa Nacita nicht gehabt hätten, sähe das Abschlussbild sogar noch düsterer aus. An 21 Marburger Touchdowns war er beteiligt, also rund die Hälfte.

Doch Heffron weiß, dass Verletzungen nicht der einzige, sondern nur der offensichtlichste Grund für die enttäuschende Saison waren. Ein weiterer waren nämlich strukturelle Mängel im Trainerstab. Offensive Coordinator (OC) Patrick Griesheimer hatte einige Unterstützung durch Positionscoaches, doch Defensive Coordinator (DC) Sam Weiss war quasi allein auf weiter Flur, obwohl ein DC mindestens drei Assistenten haben sollte.

Der Trainerstab war unterbesetzt und brachte somit in der Summe zu wenig Know-how mit. „Die Qualität unseres Trainings muss sich bessern“, meint Griesheimer. Er unterhält gute persönliche Kontakte zum amtierenden Meister Schwäbisch Hall Unicorns. „Wenn ich höre, wie dort das Training abläuft, wie die dortigen Trainingsbedingungen sind, überrascht es nicht, wenn dort viele Spieler hinwollen“, sagt er.

Nur wenige Lichtblicke

In Hall, das gerade einmal halb so viele Einwohner hat wie Marburg, könne sich der Trainerstab vor willigen Spielern kaum retten. Die „Mercs“ sind darauf angewiesen, dass aus fast jeder Ecke Nord- sowie Mittelhessens und sogar aus Niedersachsen Spieler viele Kilometer auf sich nehmen. Das klappte nicht immer.

So konnte die Offensive Line, die wichtigste Positionsgruppe im Football und Marburgs Achillessehne, quasi nie mit voller Kapelle proben. Man spielt, wie man trainiert und ohne Training gibt es keine Verbesserung. Denn besonders im Football beginnt alles mit Coaching. Zumal die Gründe für Abwesenheiten Heffron mitunter auf die Palme brachten. „Ausreden sind wie die Öffnung im Hintern: Jeder hat eine“, pflegt er zu sagen.

Ohnehin hatten die Mercenaries zwar einen guten, aber nur dünnen Kader. Insbesondere in der Offensive und Defensive Line drückte der Schuh. Doch eben diese sind das Fundament jedes Erfolgs. „Wir brauchen 15 fähige Linemen im Team, die regelmäßig zum Training kommen. So viele waren es nicht einmal ansatzweise“, sagt Heffron.

Er verrät, dass der ein oder andere Spieler wusste, dass er auch spielt, wenn er nicht zum Training, das zwei Mal pro Woche stattfindet, erscheint. „Es ist mein Fehler, dass ich solche Verhaltensweisen habe durchgehen lassen.

Hefron: "Junge Leute! Wollen die mich verarschen?!"

GFL-Football ist kein Hobby. Wer das denkt, soll zu Regionalligamannschaften gehen“, sagt der Cheftrainer. Doch ihm waren auch ein Stück weit die Hände gebunden, denn die mangelnde Breite des Kaders erlaubte es nicht, Spieler aus dem Team zu werfen, die laut Head Coach „nicht mit 100 Prozent dabei sind“. Und es war die fehlende Breite, die ihre Fratze zeigte, als sich das Verletzungspech über die „Söldner“ her machte.
Darüber hinaus waren zu ­viele Spieler nicht fit genug für das GFL-Tempo. Zu schnell und zu oft stellte sich Schnappatmung ein. Heffron findet deutliche Worte: „Ich hatte Spieler, die im ersten Viertel schon eine Pause wollten. Junge Leute! Wollen die mich verarschen?!“

Das ist kein Versagen des Trainerstabes, der nur zwei Mal pro Woche mit der Mannschaft zusammen ist. Es liegt an den Athleten, sich selbst in die bestmögliche körperliche Verfassung zu versetzen. Dafür ist Arbeit abseits des Trainings unabdinglich.

Und dann gibt es letztlich ein Problem, das immer noch Rätsel aufgibt: Gegen das Topteam Schwäbisch Hall Unicorns scheiterten die „Söldner“ zweimal knapp an Überraschungssiegen, doch gegen das Tabellenschlusslicht Stuttgart Scorpions und Aufsteiger Kirchdorf Wildcats unterlagen sie.

Eine Saison Stillstand, wenn nicht Rückschritt

„Ich habe darauf keine Antwort“, ist Heffron ratlos. Griesheimer versucht eine Erklärung: „Wir passen uns der Qualität des Gegners an. Leider auch, wenn er eigentlich unterlegen ist. Wir glauben, dass es gegen solche Teams schon irgendwie läuft. Keine Ahnung, warum.“ Ist das der Fall, müssen diese geistigen Schwachheiten ausgemerzt werden.

Was bleibt also unterm Strich? Es gab einige Lichtblicke. Junge und aufstrebende Spieler wie Malte Klein und Marcus Krüger dürften den Mercenaries-Fans in Zukunft weiterhin Spaß machen.
Doch insgesamt war die Saison mindestens Stillstand, vielleicht sogar ein Schritt zurück. Sicher ist, dass es bis zur neuen Saison Änderungen geben wird und muss.

von Benjamin Kayser