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Lokalsport Lucas Schäfer lässt Weltcup-Saison aus
Sport Lokalsport Lucas Schäfer lässt Weltcup-Saison aus
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00:18 16.06.2018
Lucas Schäfer (rechts) und Jason Osborne rudern diese Saison definitiv nicht mehr gemeinsam. Quelle: Archivfoto: imago
Marburg

Lucas Schäfer ist ein aufgeräumter Mensch. Er grübelt, reflektiert, stellt sich selbst infrage. Wenn er Entscheidungen trifft, sind die in den allermeisten Fällen gut durchdacht, kommen mehr aus dem Kopf als aus dem Bauch. Seine Erfolge sind kein Zufall, sondern Ergebnis genauer Planung, harter Arbeit und eiserner Disziplin. Wenn einer wie er, in Rio Olympia-Neunter mit dem leichten Vierer, also überlegt, die Gewichtsklasse zu wechseln, geschieht dies nicht aus einer Laune heraus. „Ich werde die Pause nutzen, um darüber nachzudenken“, sagt der 23-Jährige.

Die Pause ist jedoch keine freiwillige. Denn eigentlich wollte Lucas Schäfer diese Weltcup-Saison im leichten Doppelzweier mit dem Mainzer Jason Osborne bestreiten. Das Duo, so der Plan, wollte sich mit überzeugenden Auftritten schon einmal in Stellung bringen für die Sommerspiele 2020 in Tokio, wo der Doppelzweier das letzte leichte Boot sein wird.

Diagnose: Bandscheibenvorfall

Daraus wird nun nichts. Schon vor vier Monaten verletzte sich Lucas Schäfer während des Krafttrainings am Rücken. Der Sportler von RuS Steinmühle machte gerade Kniebeugen mit Gewichten. „Das war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“, sagt er. Eine MRT-Untersuchung brachte Gewissheit: Bandscheibenvorfall. „Das hat Rudern erst einmal ausgeschlossen“, sagt Schäfer. Nur Radfahren auf dem Ergometer sei drin gewesen, „mit hochgestelltem Lenker“. Als die Schmerzen nachließen, kam der Rückfall, vor einem Monat beim Joggen. Immerhin ergab ein zufällig für den nächsten Tag angesetzter Kontrolltermin Entwarnung: Trotz der wieder aufgetretenen Schmerzen bilde sich der Bandscheibenvorfall zurück, hieß es. Eine Operation jedenfalls stand nie zur Diskussion.

Nach reiflicher Überlegung entschied Schäfer dennoch, in dieser Saison nicht zu starten. Die Deutschen Kleinbootmeisterschaften, über die sich die besten Einer für den Doppelzweier qualifizieren mussten, hatte der Gisselberger ohnehin verletzt auslassen müssen.

Partner Jason Osborne gewinnt Weltcup im leichten Einer

Auch Jason Osborne verzichtet in dieser Saison auf den Doppelzweier, da nicht nur Schäfer, sondern auch sein früherer Mainzer Partner Moritz Moos die Deutsche Meisterschaft erkrankt verpasst hatte. Er fährt – wie auch der DM-Zweite Jonathan Rommelmann – lieber den leichten Einer. Mit Erfolg: Beim ersten Weltcup der Saison in Belgrad gewann Osborne, Rommelmann wurde Dritter. Ein leichter Doppelzweier war in Serbien gar nicht am Start. Vom Hamburger Duo Lars Wichert/Konstantin Steinhübel, das diese Saison nun für den Deutschen Ruderverband (DRV) bestreiten soll, hatte sich Wichert beim Mountainbikefahren verletzt.

Lucas Schäfer wiederum hat während seiner Verletzung und der einhergehenden Zwangspause Zeit, sich mit seiner Situation auseinanderzusetzen. Er müsste für die kommende Saison wieder „Gewicht machen“, also abnehmen. „Das ist immer ein großer Verzicht“, sagt er. Und nicht nur das: Bei seinen 1,87 Meter muss er sich immer sehr strecken, um unter den 70 Kilogramm zu bleiben, die bei Weltcups und bei Olympia für Leichtgewichte gelten. Das bedeutet auch immer einen großen Substanzverlust, einen Verlust an Power. Wenn er nicht darauf achtet, pendelt sich sein Gewicht nämlich in der Regel bei knapp unter 80 Kilogramm ein. „Vielleicht reicht‘s für die offene Klasse“, ist Schäfers Hoffnung.

Im Winter will Schäfer "Langstrecke schwer" fahren

Ausprobieren will er sich spätestens bei der DRV-Kaderüberprüfung, die traditionell am ersten Adventwochenende in Dortmund stattfindet. „Da werde ich die Langstrecke schwer fahren“, hat sich Lucas Schäfer vorgenommen. Ein Fingerzeig für die Saison 2019 sei das aber nicht, wiegelt er ab. Doch der 23-Jährige klingt so, als habe er sich bereits entschieden, sein Glück künftig bei den Schwergewichten zu versuchen.

von Holger Schmidt