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Lehrer und Psychologe in einer Person

Anforderungen an Fußballtrainer Lehrer und Psychologe in einer Person

Der Fußballintellekt eines Coaches ist entscheidend für den Erfolg. Doch genauso wichtig ist, wie der Übungsleiter seiner Mannschaft den Stoff vermittelt. Trainer sprechen über ihren Freizeitjob.

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Erfolgstrainer Dragan Sicaja von der Eintracht aus Stadtallendorf.

Quelle: Miriam Prüßner

Marburg. Im Grunde ist der Auftrag des Fußballtrainers recht simpel: Jeden Spieler und somit die Mannschaft als Ganzes durch Training zu verbessern und dadurch die besten Voraussetzungen für maximalen Erfolg zu schaffen. Anhand der Stufe, die auf dem Zertifikat für die Trainerlizenz steht, lässt sich keine Aussage über die Klasse eines Fußballlehrers treffen. Ein exzellenter Theoretiker ist nämlich längst kein guter Praktiker. Um eine Mannschaft erfolgreich zu führen, braucht es weit mehr als taktischen Verstand.

Immer wieder bezeichnen sich die befragten Trainer als verkappte „Psychologen“. Meistens müssen sie kurz lachen, wenn sie dieses Wort benutzen. Doch zweifellos muss ein Coach neben dem Vermitteln von Fußballlehren auch der Manager von rund 20 Menschen sein. Das sind 20 Individuen mit ­unterschiedlichen Persönlichkeiten, Sorgen und fußballerischen Qualitäten. Menschenkenntnis und ein gutes Verhältnis zur Mannschaft sind das
„A und O“.

"Es ging nur um Fußball"

Mehrere Trainer und Vereinsfunktionäre nennen das Schlagwort „andere Generation“. Sie spielen darauf an, dass die meisten Trainer rund doppelt so alt sind wie ihre Schützlinge und in einer anderen Zeit aufgewachsen sind. Eine Anforderung für Fußballlehrer sei somit, ein großes Maß an Empathie an den Tag zu legen: die Fähigkeit, sich in ­junge Spieler aus einer anderen Generation hineinzuversetzen und im Umgang mit den Sportlern dem Zeitgeist zu entsprechen.

„Gerade im Amateurbereich, wo es ja auch um Spaß am Sport gehen soll und Fußball nicht der Job ist, ist das ganz wichtig“, meint Thomas Vollmer, ehemaliger Regionalligaspieler und Coach des VfB Marburg. „Ich erinnere mich an Trainer, die sich frontal vor die Mannschaft gestellt und ihren Stiefel unbeirrt durchgezogen haben. Es ging nur um Fußball. Ob man private Probleme ­hatte, war denen egal. Aber ich versuche immer das Gespräch mit den Spielern zu suchen und nah an der Mannschaft zu sein“, erklärt der Kriminalpolizist seine Vorgehensweise.

Sein Arbeitskollege bei der Polizei Marburg sieht das ähnlich. „Ich versuche beispielsweise, die Spieler beim Training insofern einzubinden, dass sie ­Vorschläge einbringen können, was gemacht wird“, erklärt Thomas Brunet, der den FSV Schröck betreut. Der Übungsleiter ist auch im 21. Jahrhundert noch Legislative, Judikative und Exekutive in einer Person. Doch er sollte seine Linie entgegen dem Willen des Teams nicht rücksichtslos durchziehen. „Das wäre nicht zeitgemäß“, gibt Brunet zu bedenken.

Jeder Coach muss schnellstmöglich herausfinden, welcher seiner Schützlinge sich wie motivieren lässt. Was aus dem einen die Bestform herauskitzelt, führt beim anderen möglicherweise zu Unsicherheit oder gar Resignation. Eben dies findet man nur mit Spielergesprächen heraus. „Niemand spielt Amateurfußball, weil er muss. Da sollte jeder Spieler eine gewisse Eigenmotivation mitbringen“, stellt Frank Winkler, Trainer beim FV Breidenbach, klar.

Mannschaftsklima fordern und fördern

Das Ausleuchten von gemeinsamen Zielen des Teams – darum geht es bei jedem Mannschaftssport – ist laut Winkler ebenfalls unabdingbar.

Der ­Trainer muss ein Mannschaftsklima fordern und fördern, bei dem Selbstkritik oberste Priorität hat. „Beim Teamsport ist es immer einfach, die Fehler bei anderen zu suchen. Aber zuerst muss der Spieler sich selbst hinterfragen und an sich arbeiten“, meint der FV-Coach. Hat der Trainer ein solches Klima nicht etabliert, kann eine Mannschaft leicht auseinanderbrechen oder der Gruppenbildung anheim fallen.

Um dem entgegenzuwirken, gibt es naheliegende Möglichkeiten. Sebastian Müller, Spielertrainer beim SSV Hommertshausen, nennt das Fußballmotto „Elf Freunde sollt ihr sein“: laut ihm das Fundament für ein funktionierendes Team. „Gerade in der Saisonvorbereitung und wenn einige neue Spieler dazugekommen sind, ­machen Teambildungsmaßnahmen Sinn“, sagt der angehende Lehrer.

Ein Trainer muss Vorbildcharakter haben

„Wenn die Stimmung im Team gut ist, ist auch die Bereitschaft, dass jeder für jeden läuft, höher“, befindet Müller. „Ein Trainer muss auch Vorbildcharakter haben und eine Respektsperson sein. Er sollte das Verhalten vorleben, das die Spieler dann auf dem Platz zeigen sollen. Meiner Meinung nach übernimmt die Mannschaft weitgehend die Einstellung des Trainers“, erklärt Müller weiter. Ist der Trainer ein plärrender Wüterich, schwappe dies auf seine Schützlinge über – wenig hilfreich für Erfolg. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Trainer seine Schützlinge mit Samthandschuhen anfassen soll. Jedoch sollte der Übungsleiter nur punktuell mit harter Hand vorgehen. Wenn es denn geboten ist.

Für Andreas Sinkel ist Transparenz das Zauberwort. Der Mann, der in der vergangenen Saison die SF BG Marburg und dann den SV Bauerbach betreut hat, berichtet von einer Maßnahme, die er bei seiner letzten Trainerstation ergriff: „Ich habe den Spielern gezeigt und erklärt, was im Verein alles ehrenamtlich gemacht wird. Wie sich Leute den Hintern aufreißen, um einen attraktiven Spielbetrieb zu ermöglichen. Von der Platzpflege bis zur Verpflegung für die Zuschauer.“ Eine bemerkenswerte Lehre in Sachen Demut, Verantwortungsbewusstsein, Teamwork. Es zeigt den Sportlern, wie in einem Verein der eine von dem anderen abhängig ist.

Gleiches gilt auch für das Treiben auf dem Rasen. Dort sind nicht nur elf Spieler wichtig und die drei potenziellen Eingewechselten. „Ein großer Teil des Jobs besteht darin, dem 16. Mann im Kader klarzumachen, dass er ein Rädchen in der Maschine ist. Wenn er nicht funktioniert, läuft die ganze Sache nicht“, erklärt Sinkel. Fühlt sich der Spieler nicht wichtig, läuft der Trainer Gefahr, den Athleten mit seinen Worten nicht mehr erreichen zu können. Somit ist der Balanceakt auf dem Drahtseil zwischen Respekts- sowie Vertrauensperson und führendem Disziplinär die Heraus­forderung für einen Trainer.

von Benjamin Kaiser

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