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Lokalsport Der Traum des Vaters lebt
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00:17 29.06.2018
Kyung-Hye Cho bietet im Restaurant „Damoa“ mittags „Bibimbap“ an. Bei dem koreanischen ­Gericht können die Gäste die Zutaten selbst zusammenstellen. Quelle: Tobias Hirsch
Marburg

Seit Mai hat das Restaurant „Damoa“ im Steinweg auch mittags geöffnet. Kyung-Hye Cho bietet dort gesunde, gute und günstige koreanische Küche an und will damit insbesondere Studenten erreichen, deren Geldbeutel nicht so prall gefüllt sind. „Man hat eine Schale und sucht sich dann die Zutaten zum Reis aus“, erklärt sie.

Gemüse, Fleisch oder veganen Seetang, eine Soße – fertig ist das Gericht, wobei der Fantasie bei der Zusammenstellung kaum Grenzen gesetzt sind.
„Bibimbap“ nennt sich die Köstlichkeit, was übersetzt so viel bedeutet wie „gemischter Reis“.

In gewisser Weise passt dieser Name auch zu Kyung-Hye Cho. Denn die 44-Jährige ist eine
 „gemischte“ Koreanerin: Ihr
 Vater stammt aus Nord-, ihre Mutter aus Südkorea. 1950, als der Koreakrieg begann, floh ihr Vater in den Süden. „Seitdem hat er seine Familie nicht mehr wiedergesehen“, erzählt Kyung-Hye Cho.

Einige Sportteams traten 
schon gemeinsam an

Jetzt gibt es endlich erste Anzeichen, die zuversichtlich stimmen. So bildeten die Eishockey-Frauen beider Staaten bei den Olympischen Spielen ein gemeinsames koreanisches Team, die Tischtennisspielerinnen taten es ihnen bei der WM gleich und überraschten mit ihrem spontanen Zusammenschluss während des Turniers die Sportwelt.

Noch wichtiger: Der südkoreanische Präsident Moon Jae-In und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-Un gingen politisch aufeinander zu, schüttelten sich medienwirksam die Hände. Offiziell sind beide Staaten noch im Kriegszustand. Aber eine Aussöhnung scheint möglich. Sogar eine Wiedervereinigung des geteilten Landes scheint nicht mehr gänzlich ausgeschlossen.

Trotz der positiven Signale bleibt Kyung-Hye Cho skeptisch: „Wir haben schon viele schlechte Erfahrungen mit Nordkorea gemacht. Trotzdem hoffen wir: Bitte, lass es dieses Mal anders werden!“

Unklar, ob die drei Tanten noch leben

Eine Wiedervereinigung würde eine Menge Probleme mit sich bringen, ist sich die Köchin im Klaren. Vor allem für ihren Vater würde sie sich aber wünschen, dass beide Länder aufeinander zugehen, Reisefreiheit ermöglichen. „Er möchte einmal rüber“, weiß die Marburgerin aus einem Gespräch mit ihrem Vater, den sie im vergangenen Jahr in ihrer Heimatstadt Seoul besucht hat.

Drei Schwestern hat ihr Vater – ob sie überhaupt noch leben, weiß der 80-Jährige allerdings nicht. Zu gerne würde er diese Reise in seine Vergangenheit damit verbinden, mit der Transsibirischen Eisenbahn durch Russland zu fahren und danach seine Tochter in Deutschland zu besuchen. „Das ist sein Traum“, verrät Kyung-Hye Cho.

Sie selbst kam 1993 nach Marburg, um zu studieren, Neuere Deutsche Literaturwissenschaften und Medienwissenschaften. An der Uni lernte sie ihren jetzigen Mann Michael Remer kennen und blieb. Mit ihm betreibt sie seit 2009 das „Damoa“, womit sie ihr Hobby zum Beruf gemacht hat. Denn obwohl
 Kyung-Hye Cho sogar ihre Doktorarbeit zumindest anfing – ihre größte Leidenschaft war immer das Kochen.

Bei der WM 2002 „gab es rührende Momente“

„Ich habe in einem internationalen Wohnheim gelebt und da verschiedenste Küchen kennengelernt“, sagt sie. „Ich wollte ein Restaurant machen, das mir gefällt.“ In Düsseldorf, wo es eine große japanische Gemeinde gibt, lernte sie bei einem Sushi-Meister. Und so verbindet die Crossover-Küche des Restaurants im Steinweg japanisches Sushi und koreanische Gerichte. Und auch der Name ist mit Bedacht gewählt: „Damoa“ steht für ein Zusammenkommen oder Beisammensein, in dem Fall zu gutem Essen.

Auch beim Fußball erinnert sich die gebürtige Südkoreanerin, die seit fünf Jahren die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, an Bilder des Zusammenkommens. Denn bei der WM 2002 in Japan und Südkorea kamen zehntausende Menschen in
 Seoul zusammen, um sich an öffentlichen Plätzen die Auftritte des Gastgeberteams anzugucken. „Da gab es rührende Momente, es wurde so viel gefeiert“, blickt Kyung-Hye Cho zurück auf den Beginn der Welle von Public Viewings und Fanfesten, wie sie auch 2006 nach Deutschland schwappte.

„Das hat richtig großen Spaß gemacht“, erinnert sie sich an die Zeit, die sie allerdings nicht vor Ort erlebte, sondern nur aus dem Fernsehen kennt. Die Euphorie trug die koreanische Mannschaft bis ins Halbfinale, wo sie der DFB-Elf unterlag.

Hang zur Technik
 verbindet die Länder

Krumm genommen haben die Koreaner den Deutschen das WM-Aus nicht. Im Gegenteil: „Südkoreaner mögen Deutschland sehr gerne“, sagt Kyung-Hye Cho. In den 1960er- und 1970er-Jahren kamen etwa 8000 Bergbauarbeiter und 10.000 Krankenschwestern aus Südkorea in die Bundesrepublik. Später sei man „nach Deutschland gekommen, um Soziologie, Politik oder Jura zu studieren“, erklärt Cho. „Viele Ideen haben die Demokratisierung in Korea geprägt.“

Gemeinsam ist Deutschen und Koreanern auch ihr Hang zur Technik. Samsung stattet die Deutschen mit Smartphones aus. Koreaner fahren, so sie denn ausnahmsweise keinen Hyundai besitzen, gerne in den Nobelkarossen deutscher Autobauer durch die Straßen. „Die Deutschen gelten als immer perfekt und fleißig. Was sie machen, funktioniert. All diese Tugenden haben die Koreaner im Kopf, deshalb mögen sie die deutschen Marken sehr“, sagt Kyung-Hye Cho.

Und so verwundert es nicht, dass neben „Kindergarten“ ein weiteres deutsches Wort Eingang in den Sprachgebrauch geschafft hat: Autobahn. „Jeder hat bei uns den Traum, ohne Tempolimit zu fahren“, sagt die 44-Jährige.

„Koreaner sind offener und auch temperamentvoller“

Allerdings würden sich Koreaner auch in südeuropäischen Ländern wie Italien oder Spanien wohlfühlen, führt Kyung-Hye Cho aus. Denn: Das Bild, das viele Deutsche von Asiaten hätten, würde auf viele Koreaner nicht zutreffen. Höflich,
ruhig, introvertiert – das wären aus ihrer Erfahrung eher Japaner. „Koreaner sind offener und auch temperamentvoller.“

So könnten dann bei der WM die koreanischen Fußballfans durchaus zusammenhocken und mit dem Nationalgetränk Soju anstoßen. Der Reisbranntwein wird gerne auch mit Bier gemixt und getrunken. Doch ob mit oder ohne Soju – die Hoffnung, dass Südkorea eine Überraschung gegen die Elf von Joachim Löw schafft, ist verschwindend gering. „Dass Deutschland gewinnt, ist klar“, meint Kyung-Hye Cho – und das würde die überwältigende Mehrheit der Koreaner genauso sehen. „Wir sind dieses Jahr sehr, sehr schlecht. Ein Tor wäre schön. Bitte nicht 0:5!“

von Holger Schmidt