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KTV schrammt am kleinen Finale vorbei

Kunstturnen Bundesliga KTV schrammt am kleinen Finale vorbei

Was für ein Drama! Da lag die KTV Obere Lahn scheinbar aussichtslos zurück gegen die Siegerländer KV, um dann ein grandioses Comeback hinzulegen. Belohnt wurde die Aufholjagd aber nicht.

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Gegen die Siegerländer KV fehlen dem Team um Fabian Hambüchen zwei Punkte zum Sieg.

Quelle: Michael Hoffsteter

Biedenkopf. Siegessicher hatte sich die Siegerländer KV in einer Reihe aufgestellt, als ihr letzter Reckturner Sebastian Bock seine Übung sauber geturnt hatte. Geballte Fäuste, Jubelschreie. Was konnte da noch schiefgehen? Schließlich stand zu diesem Zeitpunkt ein 36:40 auf der Anzeigetafel. Da hätte Andrey Likhovitskiy, der den Wettkampf beschloss, schon fünf Scorepunkte für die KTV Obere Lahn holen müssen. Fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch dann ging der Weißrusse ans Reck. Und den Gästen verging das Lachen. „Ich habe diese Übung nicht trainiert, weil ich verletzt bin“, sagte Likhovitskiy.  „Aber wir mussten Vollgas geben. Ich habe gesagt: Ich kann es probieren. Die Mannschaft hat gesagt: Mach das.“ Likhovitskiy turnte sensationell stark, zeigte erstmals in dieser Saison wieder das nach ihm benannte Element der zweithöchsten Schwierigkeitsstufe und stellte auch den Abgang traumwandlerisch sicher in den Stand. Jetzt bildete die KTV eine Jubeltraube. Dann blinkte die Score-Wertung auf: Vier Punkte. 40:40. Zu wenig.

Lotz: „Maximal bitter“

Dass das Endergebnis nach einem Einspruch der Gäste wegen einer Reckwertung ihres Turners Kanji Oyama nachträglich auf 39:40 geändert wurde, hinterließ zwar zusätzlich einen faden Beigeschmack – am Ausgang hätte das freilich nichts geändert: Die Siegerländer fahren am 3. Dezember nach Ludwigsburg und kämpfen um DM-Bronze, für die Biedenkopfer ist die Bundesliga-Saison beendet. „Um die Enttäuschung zu beschreiben, reichen zwei Worte“, sagte KTV-Allrounder Fabian Lotz. „Maximal bitter.“

Beinahe hätte sich die Heimmannschaft vor 1 500 Zuschauern in der Halle der Lahntalschule für ihre phänomenale Moral belohnt. Denn nach dem Boden lagen die Gastgeber scheinbar aussichtslos mit 0:14 zurück. Neun Punkte Rückstand oder weniger nach dem Boden hatte die Rechnung von KTV-Cheftrainer Albert Wiemers gelautet. „Dass es 14 wurden, ist natürlich ein bisschen üppig.“

Was für ein Drama! Da lag die KTV Obere Lahn scheinbar aussichtslos zurück gegen die Siegerländer KV, um dann ein grandioses Comeback hinzulegen. Belohnt wurde die Aufholjagd aber nicht.

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Auch Jakob Paulicks, frischgebackener Deutscher Hochschulmeister am Reck, räumte nach dem ersten Gerät ein: „Das sieht von außen schrecklich aus.“ Aber die Mannschaft habe damit gerechnet. „Wir waren darauf bestens eingestellt.“ Teamkollege Lotz, bei den Hochschulmeisterschaften Gewinner am Seitpferd, hatte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch an die Siegchance geglaubt: „Wir wissen genau, dass wir hinten raus stark sind. Es zeichnet uns aus, dass wir nie aufgeben. Deswegen war ich mir sicher, dass wir das Ding noch holen.“

Die Aufholjagd begann. Und schließlich war die Konstellation eindeutig: Die KTV musste nicht nur nach Scorepunkten den Wettkampf gewinnen, sondern auch mindestens ein Unentschieden nach Gerätepunkten holen. 8:5 am Seitpferd, 7:5 an den Ringen – die Hinterländer waren auf einem guten Weg. „Wenn der Nick hier mit aufläuft, dann fegen wir die Jungs aus der Halle“, bilanzierte Taktikchef Felix Wiemers.

Hambüchen-Sturz am Sprung

Doch Nick Klessing musste der Einladung des Deutschen Turnerbundes folgen und in Cottbus beim Weltcup ran (siehe Text unten). So fehlte der Ringe-Junioreneuropameister der KTV, während die SKV auf Dennis Goossens zurückgreifen konnte, obgleich dieser auf Belgiens Meldeliste für das Turnier in Cottbus stand. Klessing wurde beim „Turnier der Meister“ Dritter, Goossens holte dagegen an den Ringen fünf Scorepunkte für seine Mannschaft in Biedenkopf.

Ein anderer entscheidender Faktor war Fabian Hambüchen. Ausgerechnet der Reck-Olympiasieger von Rio konnte am Sprung die Landung nicht stehen. „Wenn er 30 Zentimeter weiter auf dem Sprungbrett gewesen wäre, wäre er nicht gestürzt“, erklärte Albert Wiemers. „Er ist mit dem Anlauf nicht richtig hingekommen.“ Vorwürfe gab es aber keine. „Das war unglücklich, aber hat den Wettkampf nicht entschieden. Dafür hat er am Reck eine super Übung gezeigt“, sagte Felix Wiemers. Dennoch ging der Sprung, das zweite starke Gerät der Gäste, somit höher als erwartet mit 11:4 an die Siegerländer.

Doch die KTV gab sich nicht geschlagen. Nach dem 7:5 am Barren verkürzten die Hinterländer auf 26:40. Am Reck hätte es also ein 15:0 gebraucht. Und Hambüchen legte mächtig vor. Den Sturz am Sprung hatte der Star offenbar schnell verarbeitet. Zwei spektakuläre Flugeinlagen und einen Doppelsalto mit Doppelsalto als Abgang später stand das 5:0 gegen den patzenden Tim Leibinger fest. Als Paulicks ein 1:0 folgen ließ (das später zu einem 0:0 geändert wurde), war die Halle da: „Jetzt geht‘s los“ skandierten die Fans der „Titanen“.

Als Jonas Rohleder beim Abgang stürzte und Fabian Lotz vier Punkte einsammelte, war die Hoffnung auf die Krönung einer der spektakulärsten Aufholjagden der Turn-Bundesliga größer denn je. Dann kam Likhovitskiy, und es sah nach dem Happy End aus. Bis die Wertung kam. „Wir hätten ein bisschen mehr Glück haben müssen. Es haben alle ihr Zeug abgespult, ich kann keinem einen Vorwurf machen“, bilanzierte Albert Wiemers. „Irgendwo hat es Spaß gemacht. Es hätte aber noch mehr Spaß gemacht, wenn es anders ausgegangen wäre. Schade, dass wir nicht nach Ludwigsburg kommen. Dass wir verloren haben, tut schon weh.“

Die KTV will nun Kraft tanken für die kommende Saison, die dann erneut zweigeteilt im Frühling und Herbst stattfinden wird. „Dann werden wir wieder voll angreifen. Da wollen wir auf jeden Fall ins Finale einziehen“, gab sich Jakob Paulicks kämpferisch. Ob mit oder ohne Fabian Hambüchen, steht noch nicht fest. Auf jeden Fall aber ohne Waldemar Schiller, der seinen Rücktritt erklärte.

von Holger Schmidt

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