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Lokalsport Optimistisch in die Nach-Hambüchen-Ära
Sport Lokalsport Optimistisch in die Nach-Hambüchen-Ära
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17:00 02.03.2018
Lukas Dauser am Seitpferd. Der beste deutsche Mehrkämpfer freut sich auf sein Comeback nach langer Verletzungspause – auch wenn er erst mal nur an zwei Geräten turnen kann. Quelle: Michael Hoffsteter
Biedenkopf

Was ist drin für die KTV Obere Lahn? Ohne Olympiasieger Fabian Hambüchen, ohne Routinier Jasper Vennemann geht die Biedenkopfer Kunstturnriege in die Saison 2018. Und dennoch, davon ist nicht nur Teamchef Albert Wiemers überzeugt, mit einer Mannschaft, der auch ohne Neuzugänge viel zuzutrauen ist. Sogar der Titel? „Das wäre vermessen“, meint der 60-Jährige, der die Mannschaft aber „sehr gut aufgestellt“ sieht. „Für was es am Ende reicht, das müssen wir sehen.“

Vom Meistertitel spricht zwar auch Turner Lukas Dauser nicht, zumindest noch nicht. Wohl aber vom großen Finale, in dem sich Anfang Dezember in Ludwigsburg die beiden erfolgreichsten Teams der Hauptrunde begegnen. Im Vorjahr reichte es für die Titans knapp nicht – im kleinen Finale um Bronze ließen sie dem MTV Stuttgart mit 54:28 Scorepunkten keine Chance –, jetzt gibt’s einen neuen Anlauf.

„Wir wollen ins große Finale“, sagt Dauser. „Das ist ganz klar unser Ziel, das ist für uns dieses Jahr drin.“ Obwohl Hambüchen und Vennemann aufgehört haben, obwohl Nick Klessing und Dauser selbst nach schweren Verletzungen noch gehandicapt sind? „Ja“, ist der 24-Jährige überzeugt, „weil wir die Qualität im Team haben“.

Die Gegner

Dreimal dürfen die KTV-Turnier in dieser Saison zu Hause ran, viermal müssen sie auswärts an die Geräte – und einmal auf neutralem Boden. Zumindest, wenn sie es in der Hauptrunde unter die besten vier schaffen, die am 1. Dezember in Ludwigsburg die Finalwettkämpfe bestreiten. Die Gegner in der Übersicht …

KTV Straubenhardt (Gegner der KTV Obere Lahn im Auswärtswettkampf (A), angesetzt für 3. März): Die höchste Hürde direkt zum Auftakt: Zwar fällt Ivan Rittschik nach einer Schulteroperation vorerst aus, die übrigen Stars sind jedoch fit. Marcel Nguyen und Andreas Bretschneider führen die Mannschaft an, mit dem jungen Franzosen Zachari Hrimeche gibt es nur einen Zugang. Der Titelverteidiger geht einmal mehr als Topfavorit in die Saison. Allerdings: In Biedenkopf bezwang die Obere-Lahn-Riege – damals auch ohne Fabian Hambüchen, dafür mit Lukas Dauser und Nick Klessing in bester Verfassung – die Baden-Württemberger in der Vorsaison mit 32:21 und fügten ihnen damit die einzige Niederlage der Saison zu. Die Titans wissen also, wie es geht.

TG Saar (Heimwettkampf (H), 10. März): Der Vizemeister muss ohne seinen Superstar auskommen: Oleg Verniaiev, einer der besten Mehrkämpfer der Welt und Olympiasieger am Barren, hat sich Operationen an Schulter und Fuß unterzogen. Wie gut ihn sein ukrainischer Landsmann Petro Pakhniuk ersetzen kann, muss sich zeigen. Mit Sergej Charkov gehört ein Turner zur saarländischen Riege, der bereits 1988 in ­Seoul olympisches Gold am Boden und mit der Mannschaft gewonnen hatte. Der Russe ist inzwischen 47 Jahre alt.

MTV Stuttgart (A, 31. März): In der Vorsaison hatten die Stuttgarter mit Verletzungspech zu kämpfen, am Ende wurden sie Vierter. Sebastian Krimmer hat sich zurückgemeldet, die beiden Russen Nikolay Kuksenkov und Dimitry Lankin sind zum Kader gestoßen. Zumindest das kleine Finale um Bronze soll‘s wieder werden.

TV Wetzgau (A, 7. April): Das Team aus Schwäbisch Gmünd ist kein typischer Aufsteiger, Obere-Lahn-Teamchef Albert Wiemers zählt die Riege um Nationalturner Andreas Toba gar zum Kreis der Anwärter auf eine Medaille. Toba, 2016 bei den Olympischen Spielen für das deutsche Team trotz Kreuzbandrisses ans Gerät gegangen, droht jedoch aufgrund eines Meniskusrisses zunächst passen zu müssen.

SC Cottbus (H, 8. September): In der Lausitz wird wie in den Vorjahren auf die eigene Jugend gesetzt. Der neun­fache Deutsche Meister muss sich wohl nach unten orientieren.

Siegerländer KV (A, 10. November): Die Mannschaft aus Kreuztal bei Siegen hat sich kaum verändert. Der Belgier Daan Kenis gehört nicht mehr zur Riege, dafür wurde der Türke Ahmet Önder verpflichtet. Im vorvergangenen Jahr erreichte die SKV das kleine Finale.

KTT Heilbronn (H, 17. November): Der Aufsteiger des Vorjahres strebt erneut den Klassenerhalt an, muss dabei aber ohne Thomas Andergassen auskommen. Der 38-Jährige hat seine Karriere beendet. Unter den Neuzugängen ist mit Valentin Starikov ein junger Russe mit großem Potenzial.

Ganz viel könnte davon abhängen, wie die KTV in die Saison kommt, in den ersten Wettkämpfen trifft sie auf die stärkten Mannschaften der vergangenen Saison: Am kommenden Samstag auswärts auf Titelverteidiger KTV Straubenhardt, eine Woche später gastiert Vizemeister TG Saar in der Lahntalhalle. „Wir müssen mindestens einen der beiden Wettkämpfe gewinnen, sonst könnte schon alles vorbei sein“, ist Dauser bewusst. Leicht wird das nicht.

Der Wahl-Berliner ist nach seinem Kreuzbandriss mit Schaden am Außenmeniskus, den er sich im Sommer vergangenen Jahres bei den Deutschen Meisterschaften zugezogen hatte, noch eingeschränkt, ebenso wie Nick Klessing. Der 21-Jährige wird nach seiner Knochenabsplitterung am Sprunggelenk, die er im Spätsommer erlitten hatte, zunächst wahrscheinlich nur an den Ringen und am Sprung, eventuell auch am Boden, zum Einsatz kommen.

Dauser muss die Belastung für sein Knie in Grenzen halten. Übungen am Boden und am Sprung sind für ihn noch komplett tabu, bei den Abgängen muss er aufpassen. In den Frühjahrswettkämpfen will er auf jeden Fall am Seitpferd turnen, an dem die Belastung beim Abgang nicht sehr hoch ist. Am Barren, seinem Paradegerät, fühlt er sich ebenfalls „wieder ziemlich gut“, allerdings würde ein Sicherheitsabgang über die Schwierigkeitsbewertung 1,1 Turnpunkte kosten.

„Da muss man gucken, ob sich das lohnt oder ob dann nicht andere mehr holen können“, erläutert der Vize-Europameister des Vorjahres an diesem Gerät. Ringe und Reck hätten „ohne richtigen Abgang keinen Sinn“, meint er, „zumal wir vor allem am Reck sehr gut besetzt sind“.

Erst einmal ist der Wahl-Berliner „froh, dass ich überhaupt wieder aktiv eingreifen kann. Es wird auch Zeit, dass es wieder losgeht, ich freue mich riesig darauf.“ Wiemers drückt es ähnlich aus: „Ich brenne darauf, dass es endlich wieder losgeht. Das ganze Team brennt darauf.“ Gar nicht glücklich ist er allerdings, dass die Saison in drei Abschnitte geteilt ist: Nach den ersten vier Wettkämpfen gibt es eine lange Sommerpause, im September wird einmal geturnt, dann geht es im November weiter.

Grund ist der internationale Wettkampfkalender mit Weltcups sowie den Weltmeisterschaften im Oktober in Katar. „Das ist nicht schön, eine kompaktere Saison wäre mir deutlich lieber gewesen. Aber es ist nicht anders zu machen“, hat der KTV-Teamchef Verständnis.

Etwas unglücklich am frühen Saisonbeginn: Wiemers senior muss in den ersten Wettkämpfen ohne seinen Sohn Felix auskommen. Der 29-Jährige, sonst als Trainer für die Taktik – also den Einsatz der Turner an den einzelnen Geräten und in den direkten Duellen – verantwortlich, ist als Profiskifahrer noch auf der Freeride World Tour unterwegs, aktuell in Andorra. Dort wird der dritte von fünf Wettbewerben der Weltserie ausgetragen.

von Stefan Weisbrod

Die Biedenkopfer Turner im Kurzporträt

Kunstturner sind am Gerät auf sich allein gestellt – doch in der Bundesliga gewinnen oder verlieren sie gemeinsam. Der Teamgeist bei der KTV Obere Lahn ist außergewöhnlich.
Mit wem auch gesprochen wird – ob Trainer, Turner, Vereinsverantwortliche, auch Fans: Gefragt nach der großen Stärke der Biedenkopfer Riege wird immer wieder der Teamgeist erwähnt. „Einzigartig“ sei der Gemeinschaftssinn, hat Fabian Hambüchen immer wieder betont. „So sonst nirgends erlebt“ habe es Jasper Vennemann. Beide werden der KTV die Daumen drücken, wollen auch bei Wettkämpfen dabei sein. Aber eben nicht mehr als Turner. Der 30-jährige Reck-Olympiasieger von Rio de Janeiro und der 36 Jahre alte Ringe-Spezialist haben ihre Karrieren beendet, hinterlassen sportliche Lücken. Die sollen und wollen die übrigen „Titanen“ gemeinsam schließen. OP-Redakteur Stefan Weisbrod hat mit Teamchef Albert Wiemers über die Aktiven gesprochen …

Moritz Müller (Jahrgang 1999, Lieblingsgerät Boden): Der Youngster werde „immer mehr zu einer Stütze des Teams“, sagt Wiemers über den seit vergangenem Sonntag 19-Jährigen, von dem er sich nicht nur am Boden, sondern auch an den Ringen sowie am Reck einiges erwartet. Am Sprung hat Müller ebenfalls Potenzial.

Sebastian Quensell (1990, Pferd): Das Seitpferd ist zugleich das beliebteste und das unbeliebteste Gerät. „Entweder“, sagt Wiemers, „man liebt es, oder man hasst es.“ Quensell ist daran Spezialist und, wie es der Teamchef formuliert, ­„eine sicherer Bank“.

Lasse Gauch (1994, Pferd):  Auch der jüngere der Gauch-Brüder turnt gern am Pferd. Noch stärker ist er am Boden einzuschätzen, auch an allen Geräten fällt er nicht ab. „Er ist ein mehr als passabler Sechskämpfer“, sagt Wiemers.

Thao Hoang (1993, Ringe): Im Vorjahr pendelte der Berliner mit vietnamesischen Wurzeln noch regelmäßig aus den USA zu den Wettkämpfen, nach Abschluss seines Studiums hat er seinen Lebensmittelpunkt wieder nach Deutschland verlegt. Dass er der KTV treu bleibt, bezeichnet Wiemers als „super Sache“, sieht in ihm eine „große Unterstützung“. Der College-Meister des Vorjahres beeindruckte vergangene Saison nicht nur an den Ringen, auch am Boden und am Sprung sammelte er einige Punkte.

Fabian Lotz (1989, Pferd und Reck): Wiemers würde dem 28-Jährigen aus Bicken im Lahn-Dill-Kreis zutrauen, an allen Geräten auf Bundesliga-Niveau zu turnen. Eingesetzt wird der mehrfache nationale Hochschulmeister, so etwas wie das Urgestein der Biedenkopfer Riege, aber vor allem am Pferd, am Barren und am Sprung.

Colin van Wicklen (1995, Boden und Reck): Vom amerikanischen „Kraftpaket“ erwartet sich Wiemers am Boden, an den Ringen und am Sprung einiges. „Ich bin davon überzeugt, dass es uns viel Freude machen wird“, sagt der KTV-Teamchef über den mehrfachen College-Meister.

Joe Fraser (1998, Ringe): Der junge Brite hat sich an der Schulter operieren lassen, wird deshalb zumindest die Wettkämpfe im Frühjahr verpassen. Wiemers hofft, den britischen Mehrkampfmeister in der zweiten Saisonhälfte wieder einsetzen zu können.

Nick Klessing (1998, Ringe): Die schwere Sprunggelenksverletzung aus dem Vorjahr beeinträchtigt den Junioren-Europameister an den Ringen von 2016 noch immer. An seinem Paradegerät dürfte er wieder zum Einsatz kommen, ebenso am Sprung. „Dort landet er vorwärts, das ist kein Problem“, erklärt Wiemers. Anders sieht es am Boden aus: „Die Rückwärtslandungen machen uns noch Sorgen.“

Andrey Likhovitskiy (1986, Pferd und Reck): Gerne würde der gebürtige Russe, der international für Weißrussland am Start ist, Deutscher werden – bislang hat es aus formalen Gründen nicht geklappt. So teilt sich der Routinier die Ausländerposition vorerst mit van Wicklen. Am Pferd und am Reck, wo ein von ihm entwickeltes Element nach ihm benannt ist, gehört der 31-Jährige zur erweiterten Weltspitze, auch am Barren ist er ebenfalls nicht zu unterschätzen.

Jakob Paulicks (1990, Pferd): Der Münchener gehört am Reck zur nationalen Spitze, auch für Übungen am Boden, am Barren und am Sprung hat Wiemers den „langen Schlacks“ auf dem Zettel.

Lukas Dauser (1993, Barren): Nach seiner schweren Verletzung ist der 24-Jährige zunächst fürs Seitpferd eingeplant, am Barren könnte er ohne Abgang turnen. Wiemers hofft, dass der starke Mehrkämpfer in der zweiten Saisonhälfte sein lädiertes Knie wieder voll belasten kann – dann wäre er für alle Geräte eingeplant.

Karim Rida (2000, Pferd): Der jüngste im Team schnupperte im vergangenen Jahr bei zwei Auswärtswettkämpfen Bundesliga-Luft. „Er wird seinen Weg machen“, sagt Wiemers über den 18-Jährigen, der am Boden, am Pferd und am Reck seine Stärken hat.

Thore Gauch (1990, Barren und Reck): Der ältere Gauch-Bruder machte im Vorjahr einen guten Job als Hallensprecher. Der „Wetten, dass..?“-Wettkönig einer Sendung aus dem Jahr 2014 gehört weiter zur Riege, dürfte aber eher in der zweiten Mannschaft, die im Herbst in ihre zweite Saison in der 3. Bundesliga geht, eingesetzt werden.