Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Lokalsport Ein brillanter Abgang zum Schluss
Sport Lokalsport Ein brillanter Abgang zum Schluss
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:18 06.12.2018
Grenzenloser Jubel: Die Turner der KTV Obere Lahn sind auf dem deutschen Turn-Thron. Quelle: Benjamin Kaiser
Ludwigsburg

Die Anspannung schien fast greifbar und war gepaart mit einer Stille, die man hören konnte, kurz bevor die Deutsche Meisterschaft im letzten Duell am Reck entschieden wurde. Es stand 34:34 im Finale zwischen der KTV Obere Lahn und der KTV Straubenhardt. Allein dieser Zwischenstand war nach der 27:42-Niederlage im Ligabetrieb bereits ein Teilerfolg. Doch es blieb nicht beim Stückwerk. Im letzten Duell trat Andrey Likhovitskiy gegen Straubenhardts Ivan Rittschick an. Letzterer legte vor und reichte eine starke Vorstellung ein. Die Straubenhardter waren aus dem Häuschen.

Auf Likhovitskiys Schultern lastete nun der Druck. Der Weißrusse behielt allerdings die Nerven, zeigte eine tadellose Vorstellung. Als er auch noch eine meisterhafte Landung hinlegte explodierten die Emotionen auf der KTV-Bank geradezu. In der Gewissheit, dass Likhovitskiy das letzte Mosaik im Meisterwerk gelegt hatte. Dessen zwei Turnerpunkte bescherten den 36:34-Sieg. Trainer Albert Wiemers konnte sich nach der Siegerehrung vor Glückwünschen kaum retten. „Ich bin im Augenblick fix und fertig und schwebe auf einer Wolke. Wirklich realisieren kann ich das wohl erst am Montag. Heute ist erst einmal Genießen angesagt“, sagte der Trainer. In der vorerst letzten Bundesligasaison den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte zu holen, sei der Lohn für harte Arbeit und ein „riesiges Geschenk“.

Zunächst sah es gar nicht nach einem Sieg aus

Doch geschenkt wurde der KTV Obere Lahn am Samstagabend überhaupt nichts. Um den Turner-Thron zu besteigen, musste das Team ein beeindruckendes Comeback hinlegen. Denn nach den ersten beiden Geräten sah es ganz und gar nicht nach einem Überraschungssieg für die Hessen aus. Beim Bodenturnen, aber auch am Pferd zeigte der Klub aus Biedenkopf nicht die Normalleistung. „Am Boden haben wir ziemlichen Murks gemacht“, gestand KTV-Vorstand Philipp Wiemers. Am Sieg seiner Schützlinge habe er allerdings niemals gezweifelt. „So ein Typ bin ich nicht“, sagte er.

Das Team von der Lahn lag zwischenzeitlich 4:16 zurück, übernahm dank starken Leistungen an den Ringen und beim Sprung zur Halbzeit jedoch eine 25:22-Führung. Bereits in der Halbzeit war die Unterstützung für die Biedenkopfer auf einem Meister-Niveau. Über 200 KTV-Fans waren im Stuttgarter Vorort Ludwigsburg aufgeschlagen und hatten die akustische Kontrolle in der MHP-Arena an sich gerissen.

Mentale Stärke des Teams zahlte sich aus

Manche Ludwigsburger Nachtschwärmer empfanden es zu ihrem Leidwesen, manch andere aber auch Amüsement, dass die KTV-Anhänger nach dem Herzschlagfinale die Kneipen nahe der Arena unsicher machten. Mit Megafon bewaffnet und Gesängen anstimmend zogen sie durch Ludwigsburg. „Unfassbar, wir sind Deutscher Meister. Vor allem auch Fabian Lotz, der am Barren unglücklich beim Abgang gestürzt ist, aber dann am Reck überragend drei Punkte holt“, ließ Karsten Plitt, Fan der KTV und Vorstand des VfL Biedenkopf, verlauten. Laut Philipp Wiemers zeichne eben diese mentale Stärke das Team aus. „Auch wenn es am Anfang nicht so gut aussah: Die Jungs sind Profis und ziehen durch“, kommentierte er.

Im Duell um Platz drei machte die TG Saar gegen SC Cottbus früh den Deckel drauf und gewann souverän 43:29. Für den Drittplatzierten ging der 48-jährige Sergej Charkov als ältester Turner der Bundesligageschichte zum Saisonabschluss noch einmal an die Ringe. Sein Teamkollege Waldemar Eichorn wurde zum Top-Scorer der Saison ausgezeichnet – 77 Punkte. Vor den Männern gingen die Frauen an den Start. Der DMTV Stuttgart holte den zehnten Meistertitel.

von Benjamin Kaiser