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Integration über den Sportverein

"Sport-Coaches" Integration über den Sportverein

An kaum einem anderen Ort gelingt Integration schneller als in Sportclubs. In der Stadt Marburg stellen ehrenamtliche "Sport-Coaches" Kontakte zwischen Geflüchteten und Vereinen her.

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Arash Wosoq (rechts) und Mario Lefebre, Sportlicher Leiter des Cappeler Vereins und einer der „Sport-Coaches“ in Marburg, auf dem Sportplatz. Auch Omar Hassani will für den FSV spielen, muss aber derzeit wegen einer kleineren Verletzung beim Training aussetzen.

Quelle: Stefan Weisbrod

Marburg. Omar Hassani fühlt sich wohl. Wohl in Deutschland, in Marburg - beim FSV Cappel. Dort ist der 22-Jährige seit einigen Monaten am Ball, trainiert mit. Schon in Afghanistan, seiner Heimat, habe er Fußball und Futsal gespielt. Dann flüchtete er, kam vor einem halben Jahr nach Deutschland, lebte in der Außenstelle der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Cappel. „Ich habe gesagt, dass ich hier auch Fußball spielen will“, erzählt er. Über Mario Lefebre wurde der Kontakt hergestellt - seitdem ist nicht nur Hassani dabei. Auch Arash Wosoq, der ebenfalls aus Afghanistan stammt und auch vor etwa einem halben Jahr in seiner neuen Heimat ankam, ist „ein voll integriertes Vereinsmitglied“, sagt Lefebre, der Sportlicher Leiter des FSV Cappel ist - und einer der „Sport-Coaches“ in Marburg.

Sechs Ehrenamtliche helfen Flüchtlingen in der Universitätsstadt dabei, Anschluss in Sportvereinen zu finden: neben Lefebre Jörg Penndorf, Sven Morawa, Annedore Döring und Ahmed Sibak, außerdem Willfried Bepperling, der zwar offiziell kein „Sport-Coach“ ist, diese aber bei ihrer Arbeit unterstützt. Integrationskurse, meint Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies, seien „zwar sinnvoll, letztlich geht es aber darum, dass Menschen in Kontakt kommen“. Das funktioniere im Sport besonders gut. Bezahlt werden die in einer Schulung bei der Sportjugend vorbereiteten „Coaches“ nicht, sie bekommen lediglich eine Aufwandsentschädigung aus dem Landesförderprogramm „Sport und Flüchtlinge“. Es gehe darum, erklärt Spies, dass sie „zumindest ihre eigenen Kosten erstattet bekommen“.

Die Ehrenamtlichen kommen beispielsweise in Unterkünften mit Flüchtlingen in Kontakt, informieren über ihre Arbeit. Eine wichtige Rolle spielt dabei Ahmed Sibak, der aus Ägypten stammt und daher mit vielen Menschen, etwa aus Syrien, arabisch sprechen kann. „Was wir machen, spricht sich rum“, berichtet er. „Manche nehmen direkt Kontakt mit mir auf.“ Im Mai wurde das Programm gestartet, anschließend wurden zunächst vor allem Minderjährige, die ohne ihre Eltern nach Deutschland gekommen sind, angesprochen. Das hat sich mittlerweile geändert; neben Männern sollen verstärkt auch Frauen die Möglichkeiten aufgezeigt werden. Viel, so erläutert Sibak, laufe dabei über Anne­dore Döring. „Diese Frauen kommen aus einem anderen Kulturkreis. Sie sprechen offener, wenn Frau Döring dabei ist und ich nur übersetze, als wenn sie nur mit mir allein reden.“

Der „Sport-Coach“ geht den „ersten Schritt“ mit

Fast 200 Flüchtlinge haben bislang signalisiert, dass sie gerne Sport machen möchten. Viele von ihnen sind mittlerweile in Marburger Vereinen aktiv - einige in Fußballclubs, andere etwa beim Boxen, Schwimmen oder Reiten. „Die Vereine machen es uns einfach“, lobt Björn Backes, Leiter des Fachdiensts Sport der Stadt Marburg, bei dem der Einsatz der „Coaches“ koordiniert wird. Es gebe eine „große Selbstverständlichkeit, Leute aufzunehmen“. Teilweise mangele es in den Vereinen jedoch an Kapazitäten, etwa wegen fehlender Übungsleiter.

Finden die „Sport-Coaches“ für die jeweilige Person ein passendes Angebot, ist ihre Arbeit damit nicht beendet. „Wir gehen den ersten Schritt mit“, erklärt Sven Morawa. Bedeutet konkret: Er und seine Mitstreiter begleiten den jeweiligen Geflüchteten zum Training, helfen beim Kontaktaufbau. „Dieser erste Schritt ist das Schwierigste, danach ist es eigentlich ein Selbstläufer. Häufig entstehen schnell Freundschaften.“

Beim FSV Cappel sind die Erfahrungen mit den „Neuzugängen“ aus anderen Ländern positiv. Bereits im vergangenen Jahr hatten Bewohner der Erstaufnahme-Außenstelle in Cappel beim örtlichen Fußballclub mittrainiert. FSV-Mannschaften bestritten im September Freundschaftsspiele gegen Teams, die aus Flüchtlingen gebildet wurden. Omar Hassani und Arash Wosoq, der von Freunden „Suleiman“ genannt wird, kamen erst später in Marburg an - wollen aber am liebsten bleiben. Sie haben eine Wohnung in Cappel in Aussicht, möchten gern dort leben - und beim FSV nicht nur trainieren, sondern bald auch im Trikot auf dem Platz stehen. Die formellen Voraussetzungen sind erfüllt: Die jungen Männer haben, nachdem einige bürokratische Hürden genommen wurden, inzwischen Spielerpässe. „Wir hoffen, dass wir bald unsere ersten Spiele machen“, sagt Omar Hassani.

von Stefan Weisbrod

Hintergrund

Die „Sport-Coaches“ sind keine Trainer im eigentlichen Sinn, vielmehr bringen sie Flüchtlinge und Sportclubs zusammen. Einige Vereine würden gern ihr Angebot ausweiten, ihnen fehlt es jedoch an geeigneten Übungsleiterinnen und Übungsleitern. Wer helfen möchte, könne sich an den Fachdienst Sport wenden, erklärt Leiter Björn Backes. Die Stadt hat für die Kontaktaufnahme eine E-Mail-Adresse eingerichtet: sportcoach@marburg.de.

Verantwortliche von Vereinen, die bislang nicht mit den „Sport-Coaches“ in Kontakt stehen, aber zusätzliche Angebote für Flüchtlinge machen können, sollten sich ebenfalls melden.

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