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Im Eiltempo zur WM-Kandidatin

Sehbehinderte Ruderin Jessica Dietz will in die Nationalmannschaft Im Eiltempo zur WM-Kandidatin

Vor nicht einmal einem Jahr hat Jessica Dietz damit angefangen, Rudern als Leistungssport zubetreiben. Und doch kann sich die sehbehinderte Studentin schon an diesem Wochenende für die WM qualifizieren.

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„Ich werde mein Bestes geben und schauen, was dabei rauskommt“, sagt Jessica Dietz vor dem Ausscheidungsrennen in Brandenburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Jessica Dietz verausgabt sich gerne. Bis zur Erschöpfung. Der 22-Jährigen gefällt am Rudern deshalb, „dass man komplett an die Grenzen geht, wenn man Belastungen fährt“. Mehr noch als beim Schwimmen fordere sie das. Das verwundert schon, vor allem wenn man weiß, dass sie vor ihrem Umzug nach Marburg eine erfolgreiche Schwimmerin in ihrer oberfränkischen Heimat war und auch vor Langdistanzen nicht zurückgeschreckt hat. „Da habe ich ein paar Pokale geholt“, sagt die Lehramtsstudentin (Geschichte und Deutsch) aus Kronach wie nebenbei. Beim 12-Stunden-Schwimmen legte sie einmal 19,5 Kilometer zurück, beim 24-Stunden-Schwimmen waren es offiziell eingetragene 22,222 Kilometer. Eigentlich seien es ein paar Meter mehr gewesen, aber die Jury habe das wohl witzig gefunden, meint Dietz.

Ausdauer bringt die Para-Ruderin also mit. Die nötige Härte hat sie sich schon in ihrer Kindheit über den Kampfsport angeeignet. Mit acht Jahren fing sie mit Aikido an, mit zehn Jahren kam Judo hinzu. Jetzt also Rudern. „Biss hat sie, keine Frage“, sagt Bundestrainer JochenWeber, für den sein Schützling aber mitunter etwas zu ehrgeizig ist. „Dieses Zu-Viel-Wollen ist für unsere Sportart nicht unbedingt förderlich.“ Das weiß auch Jessica Dietz, die vor fünf Jahren nach Marburg kam, um an der Blista Abitur zu machen: „Ich muss auf jeden Fall lernen, mich zu bremsen.“

Mixed-Doppelzweier mit dem Frankfurter Valentin Luz

Erst einmal wird sie am Sonntag aber so richtig Gas geben. Da steht in Brandenburg die Ausscheidung für die WM an. Mit ihrem Frankfurter Partner Valentin Luz, dessen Handicap ein versteiftes Fußgelenk ist, fährt sie gegen Juliane Bläß (Lähmung im rechten Bein) und Tino Kolitscher (blind) aus Halle/Saale um das Ticket für die WM Ende September in den USA. Im Para-Rudern gibt es außer dem Einer nur Mixed-Bootsklassen.

Für Jessica Dietz wäre es eine­ WM-Teilnahme im Eiltempo. Erst seit Mitte Juni steht fest, dass sie überhaupt im Doppelzweier starten darf. Da wurde die 22-Jährige als B2 eingestuft, das sind Sehbehinderte mit weniger als 5 Prozent Restsehvermögen und eingeschränktem Gesichtsfeld. Seit ihrer Geburt sieht Jessica Dietz nur das, was sie direkt anguckt. Und das „ziemlich verschwommen“, beschreibt sie. „Es ist, als würde man durch einen Trichter gucken.“

Nach der Klassifizierung begann die Marburger Studentin damit, sich auf die WM-Ausscheidung vorzubereiten. Teilweise in Offenbach bei Bundestrainer Weber. Teilweise beim Verein RuS Steinmühle, durch dessen Inklusionsprojekt Jessica Dietz überhaupt erst beim Rudern reingeschnuppert hat. Steinmühlen- und Blista-Schüler trainieren dabei gemeinsam.

Bundestrainer sieht gute Chancen für Dietz

Jochen Weber sieht gute Chancen für den Doppelzweier Dietz/Luz, warnt aber auch: „Blöde Fehler passieren ganz schnell.“ Es gelte, sich über 2000 Meter die Kraft so einzuteilen, dass es passe „und nicht nach 700 Metern der große Hammer kommt“. Erfahrung fehlt Jessica Dietz zwar - Valentin Luz bringt dafür umso mehr mit. Bei den Paralympics in Rio wurde der Frankfurter Vierter im Vierer. Zusammen mit Tino Kolitscher, gegen den es Sonntag im Ausscheidungsrennen geht.

„Ich bin zuversichtlich, dass es was wird“, sagt Jessica Dietz zu den Aussichten. Doch selbst wenn es nicht reichen sollte, wäre sie nicht total enttäuscht angesichts ihrer erst kurzen Rudergeschichte. „Ich werde mein Bestes geben und schauen, was dabei rauskommt.“

An ihrer Rudertechnik arbeiten will die 22-Jährige, deren künstlerische Ader sich im Zeichnen, Bildhauen und Theaterspielen ausdrückt, in Zukunft in jedem Fall. Nicht nur wegen ihres Hangs zum Perfektionismus, sondern auch, um sportliche Ziele zu verwirklichen. Die Paralympics 2020 in Tokio nennt Jessica Dietz. Aber auch im Einer möchte sie sich „derart verbessern, dass ich ganz normale Regatten mitfahren kann, ohne mich verstecken zu müssen.“ Am fehlenden Biss wird das bestimmt nicht scheitern.

von Holger Schmidt

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