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Im Nationalteam weht ein neuer Wind

Blindenfußball Im Nationalteam weht ein neuer Wind

Seit Dezember ist der Lehrer der Blindenstudienanstalt (Blista) Marburg Trainer der Nationalmannschaft. Mit seinem Team will er an den Paralympics 2020 in Tokio teilnehmen. Die Mission begann am Samstag in Cappel.

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Mit Empathie, viel Kommunikation und den richtigen Strategien will Bundestrainer Peter Gößmann bei der EM 2019 Deutschland ins Finale führen.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Eine Europameisterschaft ist für Nationalspieler immer etwas Besonderes. Und die Wertigkeit eines solchen Turniers schraubt sich noch ein ganzes Stück höher, falls es im Heimatland stattfindet. Umso schmerzhafter, wenn das Abschneiden einer herben Enttäuschung gleichkommt.

So war es beim deutschen Nationalteam im Blindenfußball. Bei der EM 2017 in Berlin stand am Ende ein enttäuschender sechster Rang zu Buche. Nachwehen des unzulänglichen Ergebnisses: Der langjährige Bundestrainer ­Ulrich Pfisterer nahm seinen Hut. Ein neuer Wind musste her, um die Verfehlungen der Vergangenheit zu Schnee von gestern werden zu lassen.

Das soll nun ein Lehrer von der Marburger Blista schaffen – Peter Gößmann. Seit 2006 ist er Trainer des Blindenfußball-Bundesligisten Blista Marburg. Eine Horde von Bereitwilligen musste der 62-Jährige nicht ausstechen. Abgesehen von ihm gab es nur zwei weitere Bewerber. Doch das kümmert ihn wenig. Er hat anderes im Kopf. Es soll nämlich alles getan werden, damit die Nationalmannschaft an den Paralympics 2020 in Tokio teilnehmen kann.

Dafür muss jedoch bei der EM 2019 mindestens Rang zwei herausspringen. „Das können wir schaffen. 2017 haben Kleinigkeiten entschieden“, gibt sich Gößmann zuversichtlich und fügt an: „Ich denke, die Mannschaft kann mehr. Auch die Spieler haben mir gesagt, dass in der Mannschaft weit mehr Potenzial steckt als zu sehen war. Das wollen wir optimieren“, sagt Peter Gößmann während seine Schützlinge in der Conrad-Hahn-Sporthalle in Marburg-Cappel um die Wette schwitzen.

Wie sein neuer Trainer sieht es auch Mulgheta Russom. Der 39-Jährige, der vor mehr als zehn Jahren bei einem Autounfall sein Augenlicht verlor, ist dienstältester Nationalspieler und ist derzeit wegen ­einer Verletzung zum Zuschauen verdammt.

Mulgheta Russom ist der dienstälteste Spieler der deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft.

Quelle: Michael Hoffsteter

Das hindert den wortgewandten Stuttgarter allerdings nicht daran, eine Meinung zu haben. Den Trainerwechsel begrüßt er ausdrücklich. Alle Spieler kennen Gößmann von Spielen aus der Bundesliga und schätzt den neuen, tonangebenden Mann im Nationalteam. „Bei der EM hat ­unser Trainer einige Taktik- und Auswechselfehler gemacht. Wir hatten im Vergleich zu den Gegnern auch zu wenig Konzept“, ärgert sich Russom immer noch über das Ausscheiden.

Gößmann sieht seine Aufgabe darin, der deutschen Offensive­ mehr Durchschlagskraft zu verleihen. „Bei der EM hatten wir zwar viele Torschüsse, aber ­haben zu wenige Treffer erzielt, weil wir zu selten in die Gefahrenzonen gekommen sind. Die Defensive hat hingegen recht gut funktioniert“, analysiert Gößmann. Da ihm die Nationalspieler aus dem Ligabetrieb bekannt sind, muss er auf der zwischenmenschlichen Ebene­ nicht bei null anfangen – ein Vorteil.

Er organisiert, instruiert und dirigiert. Aber vor allem redet er viel mit seinen Schützlingen. Auch der ein oder andere Scherz darf es sein. Kontinuität kann einer der Garanten für Fortschritt sein. Elf Spieler nehmen am Lehrgang teil. Nur einer davon ist neu ins Team berufen worden.

Auch Dr. Rolf Husmann ist ein Veteran. Seit vier Jahren agiert er als Teammanager des Bundeskaders. Er verwaltet das Budget und organisiert Länderspiele. „Ich persönlich kenne Peter nicht gut, freue mich aber auf die Zusammenarbeit. Man merkt schnell, dass er eine andere Art an sich hat als Ulrich Pfister. Der ist weniger auf die Spieler eingegangen“, berichtet Husmann.

Die Spieler, die Gößmann kennen, wissen jedoch, dass er bei mangelhafter Leistung auch giftig werden kann. Mit Gößmann am Ruder hofft Husmann auf das, was dem deutschen Blindenfußball bisher versagt geblieben ist: ein großer Erfolg bei einem Turnier. Der soll sich mit Gößmanns Hilfe bei der EM 2019 endlich einstellen. „Für den ersten oder zweiten Platz brauchen wir eine zehnprozentige Leistungssteigerung“, glaubt Husmann.

Er und der neue Bundestrainer können auf die Unterstützung des Marburger Experten Professor Ralph Beneke zurückgreifen. Der 59-jährige Sportmediziner ist an der Philipps-Universität tätig, ist Teamarzt des Nationalkaders und führt beim Lehrgang zusammen mit seinen Mitarbeitern Analysen von Stärken und Schwächen der Spieler durch. Konditionelle Fähigkeiten und technische Fertigkeiten werden geprüft. Dabei konzentrieren sich Beneke­ und sein Team auf die Beobachtungen aus dem vergangenen Jahr. Denn jeder Spieler hat ­Defizite, die es zur Optimierung der Mannschaftsleistung auszumerzen gilt. „Es werden beispielsweise spezielle Pass- und Dribbelfolgen geübt“, erklärt Beneke.

Doch auch der Spaß darf nicht zu kurz kommen. Mannschaftsinterne Torschusswettbewerbe, bei denen es auf Schusshärte und Präzision ankommt, sollen den Lehrgang auflockern. Liegestützen stehen genauso auf dem Programm wie Sprinttraining. Auch im mentalen Bereich soll sich einiges ändern. „Ich möchte meine Spieler aus ihrer Komfort-Zone herauslocken. Wir wollen die Risikobereitschaft steigern und innere Hemmungen verringern. Aber das muss mit viel Empathie geschehen“, findet Gößmann.

von Benjamin Kaiser

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