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Lokalsport Handballer hoffen auf WM-Effekt
Sport Lokalsport Handballer hoffen auf WM-Effekt
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00:17 09.02.2019
Uwe Gensheimer und das Nationalteam entfachten bei der WM eine Handball-Euphorie. Der deutsche Kapitän könnte – so die Hoffnung – Kinder dazu inspirieren, selbst zu spielen. Quelle: Sören Stache
Marburg

Spitzensportler nehmen eine wichtige Vorbildfunktion ein. Bei Großereignissen wie Welt- oder Europameisterschaften fiebern die Menschen mit, Kinder und Jugendliche eifern ihren Idolen nach. Je erfolgreicher, desto besser.

Beim Fußball wollen sie so spielen wie Lionel Messi oder halten wie Manuel Neuer. Und im Handball – so die Hoffnung – dann eben wie Uwe Gensheimer oder Andreas Wolff. Im Idealfall schließt sich der Nachwuchs sogar einem Sportverein an.

Auf diesen „Nachahm-Effekt“ hoffen nach dem positiven Auftreten der deutschen Nationalmannschaft bei der Heim-WM nun die heimischen Handball-Vereine. Auch wenn es nicht zu einer Medaille reichte, war die Auswahl von Bundestrainer Christian Prokop in den Medien präsent und gab ein gutes Bild ab – auf dem und abseits des Parketts. Die WM begeisterte Millionen vor den Bildschirmen und entfachte deutschlandweit eine Handball-Euphorie.

Erfolge bei Meisterschaften wecken das Interesse

Beispiele dafür, dass die im Schatten des Fußballs stehenden Sportarten von solchen außergewöhnlichen Ereignissen profitieren, gibt es durchaus. Nachdem „Didi“ Thurau 1977 bei der Tour de France ins und im „Gelben Trikot“ fuhr, waren danach auf den Straßen deutlich mehr Jugendliche auf Rennrädern zu sehen. Ein Paradebeispiel ist auch Tennis, bei dem Boris Becker mit seinem Erfolg in Wimbledon 1985 einen jahrelangen Boom auslöste.

Auch im Handball gab es nach dem überraschenden WM-Titel 1978 und nach dem WM-Erfolg 2007 schon ein steigendes Interesse bei Jugendlichen zu beobachten. Kann bei den heimischen Handballvereinen eine ähnliche Entwicklung nach dem positiven Abschneiden der Nationalmannschaft bei dieser WM beobachtet werden – auch wenn sie am Ende nicht mit einer Medaille belohnt wurde?

„Die Mannschaft hat durchaus eine Euphorie entfacht, sie ist jung und entwicklungsfähig, in den entscheidenden Spielen fehlte ihr aber noch das gewisse Quäntchen Cleverness“, sagt der Abteilungsleiter Handball beim TSV Kirchhain, Sicco van der Mei. Beim TSV meldeten sich auf einen Schlag nach Turnierende vier Neue bei den Minis der Fünf- bis Siebenjährigen an. Mei hofft auf weiteren Zuwachs.

Auch ohne WM: Nachwuchsabteilungen wachsen

Auch bei der HSG Hinterland und der HSG Marburg/Cappel traten solche Effekte ein. Während Wolfgang Hof, Sprecher der Hinterländer, vor allem Nachfragen zum Training der Zehn- bis Fünfzehnjährigen  vermerkte, registrierte Henning Dippel, Jugendtrainer bei Marburg/Cappel, „schon während des Turniers“ vermehrt Anfragen und Trainingsbesuche in allen angebotenen Altersklassen. „Dies war nach der WM 2007 und der EM 2016 genauso“, bestätigt er den Effekt.

Die drei Handball-Experten wissen indes aus Erfahrung, dass der Andrang nach solchen Ereignissen meist nicht lange anhält. „Handball steht gerade medial im Fokus. So entwickelt sich ein ‚Hype‘, eine Welle, die sich nach einem Höhepunkt wieder abflacht“, vermutet Wolfgang Hof.

Die Zeichen stehen allerdings günstig, dass die neu Hinzugekommenen den Spaß am Sport nicht verlieren. „Wer zum Probetraining kommt, bleibt fast immer weiter dabei“, beobachtete Dippel.

Auch ohne den zusätzlichen Schwung durch die Handball-WM konstatieren die Verantwortlichen in den heimischen Handball-Hochburgen TSV Kirchhain, HSG Marburg/Cappel und HSG Hinterland eine gute Entwicklung ihrer Nachwuchsbereiche. So lag die Jugendabteilung der HSG Marburg/Cappel vor fünf Jahren nahezu brach. Dann wurden Dippel und Martin Carle mit einer „Mini-Gruppe“ initiativ, inzwischen kann bis auf die A-Jugend  in allen Altersklassen Handball angeboten werden.

Handballvereine bieten viele zusätzliche Aktionen

Ähnlich sieht es bei der HSG Hinterland aus, in der vor dreieinhalb Jahren die Handball-Abteilungen des TV Gladenbach, des TV Buchenau und dem TV Biedenkopf einen gemeinsamen Spielbetrieb aufgenommen hatten. „Der Zusammenschluss hat der Jugendarbeit gut getan“, sagt Wolfgang Hof. Wie in vielen Sportarten, wünscht man sich einen höheren Zuspruch bei weiblichen Jugendlichen. Zudem nimmt die Zahl der Handball spielenden Jugendlichen mit dem Alter ab.

Als essentiell für eine gute Jugendarbeit sehen die Vereine fachlich ausgebildete und pädagogisch wirkende Übungsleiter an. Beim TSV Kirchhain werden an der Trainingsarbeit interessierten Jugendlichen auch Fortbildungen und der Erwerb von Trainerlizenzen angeboten.
„Um die Jugendlichen für den  Handball zu interessieren, sind Leute wichtig, die kontinuierlich in diesem Bereich arbeiten. Aber um sie zu binden, bedarf es auch zusätzlicher Aktionen“, sagt Frank Belau vom Vorstand der HSG Marburg/Cappel.

Und so organisieren die Vereine über den „normalen“ Trainings- und Spielbetrieb hinaus Handballcamps und -tage. Auch die Zusammenarbeit mit den Schulen ist einer der Eckpfeiler, um Nachwuchs zu gewinnen und  fördern. „Und wir werden dabei von den Kirchhainer Schulen aktiv unterstützt“, sagt Sicco van der Mei.

Handball-Kompetenz in Mittelhessen

Und Marburg/Cappel bietet eine Handball-AG in der Brüder-Grimm-Schule und der Erich-Kästner-Schule an. Kontakte der HSG Hinterland zum Bundesligisten HSG Wetzlar brachten es mit sich, dass bei einem Bundesligaspiel Hinterländer Kinder gemeinsam mit den Profis einliefen.

Beim TSV Kirchhain spielen die männlichen Jugendteams auf Bezirksoberliga-Ebene. Um das Niveau zu halten und möglichst noch zu verbessern, ist der TSV gemeinsam mit seinem Förderverein Mitglied beim neu gegründeten „Handball Competence Center Mittelhessen“ geworden, das sich dem Ziel verschrieben hat, heimische Talente und Vereine zu stärken.

Um die gute Entwicklung der Handball-Jugend beizubehalten, wünscht sich Dippel weitere engagierte Übungsleiter, van der Mei und auch Frank Belau sehen auch in einer intensiveren Sportberichterstattung aus dem heimischen Handball-Nachwuchsbereich in den Medien einen guten Effekt, um aus einer Welle einen langfristigen Trend zu schaffen.

von Michael Seehusen