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Handball sucht neue Helden

Nach dem EM-Titel Handball sucht neue Helden

Vor gut zwei Wochen wurde die deutsche Handball-Nationalmannschaft in Krakau Europameister. Die OP hat sich bei Vereinen und Sporthäusern umgehört, was sich seit Gewinn des EM-Titels getan hat.

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Nils Pfab von der 
JSG Kirchhain / Neustadt in Aktion.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. „Das Telefon steht kaum noch still“, sagt Harald Hertel. 15 Anrufe hat der Handball-Abteilungsleiter des TSV Kirchhain in den vergangenen zwei Wochen entgegengenommen. Bei einem Telefonat war sogar ein 32-Jähriger am Ende der Leitung.

„Er erzählte mir, dass er schon immer mal Handball spielen wollte.“ Dass Hertel in den vergangenen Tagen etwas mehr zu tun hat, hat einen Grund: der EM-Titel der deutschen Nationalmannschaft.

Es ist der Abend des 31. Januar, an dem die „Bad Boys“ des Deutschen Handball-Bundes (DHB), der in Polen die jüngste Mannschaft ins Turnier geschickt hatte, nach dem WM-Sieg 2007 eine titellose Durststrecke beenden – und das so überraschend wie furios, mit einem deutlichen 24:17(10:6)-Finalerfolg gegen Spanien.

Benedikt Blattner: „Läuft alles erst richtig an“

Es ist ein Sieg, der auch im Kreis nicht folgenlos bleibt.Sechs neue Kinder zählt die HSG Marburg/Cappel seither im Training. „Das ist schon außergewöhnlich für einen Zeitraum von zwei Wochen“, sagt HSG-Jugendleiter Henning Dippel, der sich über den Nebeneffekt freut.

„Das stärkt die Motivation in der Gruppe“, schlägt Dippel in dieselbe Kerbe wie Wolfgang Hof, Sprecher der HSG Hinterland, die zum Finale 250 Zuschauer bei einem Public Viewing in der Hinterlandhalle begrüßte. „Der Erfolg festigt die Zugehörigkeit derjenigen zu uns, die schon bei uns sind“, ist sich Hof sicher.

Von einem Boom will das Vorstandsmitglied nicht reden, zumal es bei der HSG nur vereinzelte Anfragen gebe. Aber: „Ich erhoffe mir auf Dauer schon etwas Zulauf im Jugendbereich.“ So sieht es auch Benedikt Blattner (VfL Neustadt), Trainer der männlichen Jugend C der JSG Kirchhain/Neustadt, der meint: „Es läuft jetzt alles erst richtig an.“

In Gießen und Marburg ist Handball präsenter

Nicht spürbar sind die Folgen des Titels nach Auskunft von Abteilungsleiter Jürgen Behler bislang beim TSV Eintracht Stadtallendorf – und damit sind die Herrenwälder nicht allein. Sowohl bei Intersport Begro als auch beim Kaufhaus Ahrens und beim Sport-Treff in Marburg gibt es keine verstärkte Nachfrage auf sportartspezifische Artikel.

Während Ahrens und Sport-Treff vorrangig Vereine ausstatten und kein spezielles Handball-Sortiment führen, weiß der bei Intersport Begro verantwortliche Einkäufer Timo Weimar: „Im Gießener Raum ist der Handball präsenter als in Marburg, und in Wetzlar sowieso.“

Mit Torhüter und Final-Held Andreas Wolff sowie Jannik Kohlbacher und Steffen Fäth gehörten drei Spieler des Bundesligisten HSG Wetzlar zur DHB-Auswahl in Polen. „Wir merken den EM-Titel auf mehreren Ebenen“, teilt HSG-Geschäftsführer Björn Seipp auf OP-Nachfrage mit.

Kartenverkauf bei der HSG Wetzlar boomt

Sowohl das mediale Interesse als auch die Zahl der Kartenvorverkäufe für Heimspiele seien spürbar gestiegen. „Unsere vergangenen vier Heimspiele waren schon ausverkauft, das nächste Heimspiel gegen Göppingen ist es nun auch. Fünf ausverkaufte Heimspiele in Folge hatten wir noch nie“, freut sich Seipp.

Zudem gibt es bis Ende der Saison keine Sitzplatzkarten mehr. Zusätzlich erwartet er positive Auswirkungen auf die Arbeit mit potenziellen Neu-Sponsoren, denn „der Handball hat jetzt eine andere Wahrnehmung“.
Um von der aktuellen Euphorie langfristig zu profitieren, seien jetzt allerdings auch die Vereine gefordert, die Infrastruktur bereitzustellen. „Am Ende des Tages brauchen wir Nachwuchs“, weiß Seipp. Doch auch der DHB sei nun in der Pflicht.

Viele Vereine wissen nicht um ihr Potenzial

„Ich würde mir wünschen, dass der Verband mehr in die Breite geht“, sagt Harald Hertel, der sich die Einrichtung von Stützpunkten und regelmäßige Fortbildungen von Trainern und Spielern wünscht. Nachhaltige Veränderungen und vor allem Umdenken auf Vereinsebene fordert Bernd Schäfer.

Der ehemalige Jugend-Nationalspieler hat im Rahmen einer Ausbildung zum Vereinsmanager beim Landessportbund Hessen ein Jugendkonzept für die HSG Grünberg/Mücke erstellt. Außerdem berät der einstige Kirchhain-Trainer Sportvereine auf Anfrage bei der Erstellung und Umsetzung eines solchen.

Seine These: Viele Vereine wissen nicht um ihr Potenzial. Sie täten daher nicht genug dafür, Personen für den Ehrenamtssport zu gewinnen – auch, weil bei vielen arrivierten Vorstandsmitgliedern die Bereitschaft fehle, Arbeit abzugeben.

Zudem fehle es an Mut und Engagement, aktiv auf potenzielle Sponsoren und Medien zuzugehen, sowie das Wissen, welche Fördermöglichkeiten es für Vereine gibt. Zwar gebe es vielerorts schon gute Austausche mit Schulen.

„Oft schaffen es Vereine aber nicht, Schüler zu begeistern, in den Verein zu gehen“, meint der 40-jährige Marburger. Nötig sei zunächst eine Ist-Analyse (was ist bereits vorhanden?). Auf Basis dieser könnten letzten Endes auch reell zu erreichende, konkrete Ziele gesteckt und umgesetzt werden.

von Marcello Di Cicco

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