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Gott im Herzen und die NFL im Kopf

Mercenaries-Star Silas Nacita Gott im Herzen und die NFL im Kopf

Die Geschichte von Silas Nacita ist eine Geschichte vom Scheitern und Aufstehen. Dabei hilft dem Footballspieler sein Glaube und sein Optimismus.

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„Ich liebe die Oberstadt“, sagt Silas Nacita. Nach der Saison geht es für den Running Back aber wieder in die USA.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Seinen ersten Ausflug in Europa wird Silas Nacita nie vergessen, obwohl er von Amsterdam gar nicht viel gesehen hat. Denn die Reise fand ein vorzeitiges Ende. Das Auto wurde aufgebrochen und alles gestohlen. Der Rucksack, sogar sein Ausweis.

Da war die Saison in der German Football League gerade ein paar Wochen alt. „Kein toller Start“, sagt der Running Back der Marburg Mercenaries, der in diesem Frühling zum ersten Mal den amerikanischen Kontinent verlassen hat.

Tiefschläge wie in Amsterdam hielt das Leben für den erst 22-Jährigen schon reichlich bereit. Und weit schlimmere. Silas Nacita hat sie alle weggesteckt, mit seinem unerschütterlichen Optimismus und seinem festen Glauben an Gott.

Zu gut für die Mercenaries - und die gesamte GFL

Dass er überhaupt in Marburg gelandet ist, hängt zu einem großen Teil mit diesen Tiefschlägen zusammen. Denn eigentlich ist Nacita viel zu gut für die Mercenaries, wahrscheinlich sogar viel zu gut für die GFL. Aufgrund des amerikanischen College-Systems mit all seinen komplexen Regeln war er aber in den USA gesperrt. „Ich habe mich einfach danach gesehnt, Football zu spielen“, sagt das 1,79 Meter große Kraftpaket. „Das ist, was ich wollte.“ Also erstellte er ein Spielerprofil, um in Deutschland auf sich aufmerksam zu machen. Das erste Team, das sich meldete, waren die Mercenaries. Er sagte sofort zu. „Es war mir egal, wie gut sie waren oder wie viel Geld sie mir angeboten haben.“

Jetzt ragt Nacita ligaweit heraus. Er ist der Spieler, der in der gesamten GFL den meisten Raumgewinn pro Partie erzielt. 204,3 Yards sind es im Durchschnitt. Wohlgemerkt für eine Mannschaft, die bei acht Niederlagen erst zwei Siege davongetragen hat. 227 Punkte haben die „Söldner“ erzielt, 110 davon gehen auf das Konto Nacitas. Er trägt die Kicks des Gegners zurück, er läuft, er fängt Pässe - und in den vergangenen beiden Spielen war er sogar erstmals in seiner Karriere als Quarterback gefordert, weil der etatmäßigeSpielmacher Holt Claiborne verletzt war. Nur Field Goals musste er in Marburg noch nicht schießen.

Kein Vergleich zum College-Football

„Das ist definitiv ein anderes Football-Niveau“, vergleicht Silas Nacita seine Erfahrungen in der höchsten deutschen Spielklasse mit denen in der wohl zweitbesten Liga der Welt, der amerikanischen College-Liga. Dort spielte er zuvor für die Baylor Bears, ein Topteam. In einem Stadion, das Platz für 55000 Menschen bietet. Zwar war Nacita in der Hierarchie der Running Backs nicht ganz vorne. Aber in den Special Teams war „Salsa Nacho“, so sein Spitzname, als Kick- und Punt-Returner schnell der Liebling der Fans. Die Zukunft sah rosig aus.

Die Hilfe von „Papa Joe“ wird zum Verhängnis

Dann folgt der nächste Nackenschlag. Die NCAA, der Dachverband des amerikanischen College-Sports, entzieht Nacita im Jahr 2015 die Spielerlaubnis. Der Grund: „Papa Joe“ greift ihm finanziell unter die Arme. Auch wenn Nacita ihn Papa nennt und ihn und dessen Frau Jana als „die Großeltern, die ich nie hatte“ bezeichnet - Joe Campbell ist nur der Vater eines Freundes. Und im College-System der USA sind solche Geldhilfen als „improper benefits“ (unangemessene Zuwendungen) verboten. „Das Regelbuch ist so dick, detailliert und schwierig - da passiert es schnell, auch unbeabsichtigt gegen die Regeln zu verstoßen und Ärger zu bekommen“, sagt Silas Nacita, der kein Stipendium hat und für sich selbst sorgen muss. In seinem Fall heißt dies Ärger: Er verliert die Berechtigung, für Baylor Football zu spielen, „weil die Familie meines engen Freundes meine Miete und mein Essen bezahlt hat“. Auch Versuche, an anderen Colleges und für andere Teams zu spielen, scheitern. Die Regeln der NCAA verhindern das.

Die Kunst des positiven Denkens

Nacita zweifelt, sein Glaube wird auf eine harte Probe gestellt. Aber er verzweifelt nicht. Er bleibt sogar an der Uni von Baylor, obwohl er dort nicht für die Bears auflaufen darf, und schließt sein Studium ab. Er macht einfach das, was ihn auszeichnet: Er sieht das Positive in dem, was ihm widerfahren ist. „Wenn das alles nicht passiert wäre, hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, die Welt zu sehen“, sagt er. Wenn die Mercenaries spielfrei haben, nutzt der Amerikaner die Zeit für Ausflüge durch Europa: „Ich reise so viel, wie ich kann.“ Schließlich wisse er nicht, was die Zukunft bringe und ob es nicht eine einmalige Gelegenheit für ihn sei. So hat er sich Berlin angeschaut, Spanien, am Strand von Ibiza war er, außerdem in Paris, London und Prag. „Sehr coole Ort“, findet Nacita, der sein Herz auch an Marburg verloren hat: „Ich liebe die Oberstadt.“ Das sei das Erste gewesen, was seine Google-Suche zu Marburg ergeben habe. „Ich dachte, ganz Marburg würde so aussehen wie die Oberstadt und dass ich da leben würde“, sagt er und muss lachen.

Running Back schwärmt von der „Fairytale city“

Stattdessen wohnt er in Elnhausen und genießt die „spektakuläre Aussicht“ dort genauso wie er Marburg genießt, das so ganz anders ist als Städte in seiner Heimat. Angetan hat es ihm als gläubigem Christen die Lutherische Pfarrkirche, da geht er öfter hin. Wenn sie leer ist, setzt er sich an die Orgel und spielt. „Der Klang ist unglaublich“, schwärmt er. Und er schwärmt vom Schloss, von der Lahn und von den Menschen, die sich nicht so abhetzen würden. Er ist sich sicher: Seine amerikanischen Landsleute würden Marburg als Märchenstadt bezeichnen, als „Fairytale city“.

An das Happy End seines Märchens glaubt auch Silas Nacita (Foto: Hoffsteter) noch ganz fest. Den Traum vom Profi-Football hat er jedenfalls nicht abgeschrieben. Ganz im Gegenteil. Im nächsten Jahr würde er gerne in der NFL spielen. „Ich habe die Fähigkeiten dazu“, sagt der 22-Jährige selbstbewusst. „Es geht nur darum, ob ich die Möglichkeit bekomme, das zu beweisen. Ich weiß, dass ich es schaffen kann.“

Böhringer als "Vorbild"

Ausgerechnet ein deutscher Spieler macht ihm Hoffnung, dass es mit dem Sprung von der GFL in die beste Liga der Welt klappen kann: Moritz Böhringer. Der Wide Receiver, der im vergangenen Jahr Vizemeister mit den Schwäbisch Hall Unicorns wurde, spielte sich ins Blickfeld der amerikanischen Profiklubs und steht inzwischen bei den Minnesota Vikings unter Vertrag. „Die NFL-Scouts gucken schon rüber nach Deutschland“, sagt Nacita.

Bei den Mercenaries würden die Talentspäher einen hoch veranlagten, hart arbeitenden und intelligenten Running Back finden. Einen echten Teamplayer, dem seine persönlichen Erfolge nicht so wichtig sind, wie er beteuert: „Statistiken bedeuten mir nicht wirklich etwas, wenn keine Siege dabei herausspringen. Gewinnen interessiert mich mehr.“

Dass mit Marburg nicht viele Siege gelungen sind, kann Silas Nacita aufgrund der Voraussetzungen verschmerzen. Die Mercenaries haben derzeit viele junge, unerfahrene Spieler, die sich erst an die GFL-Luft gewöhnen müssen. Zudem habe das Team in Matthias Dalwig nur einen wirklichen Trainer. Und der sei, im Gegensatz zu vielen Ligarivalen, nicht einmal hauptamtlicher Coach und habe darüber hinaus keine Spezialisten um sich, die sich nur auf das Training einzelner Mannschaftsteile konzentrieren könnten. „Sie sind in einem Jahr des Neuaufbaus“, formuliert es Nacita freundlich. Es werde wohl noch einige Jahre dauern, bis sie die GFL-Topteams gefährden könnten.

Football hat nicht oberste Priorität

Persönlich ist Silas Nacita aber glücklich, endlich wieder seinem Sport nachgehen zu können - unabhängig von Siegen oder Niederlagen. Überhaupt hat Football nicht oberste Priorität im Leben des jungen Mannes. „Mein Glaube ist zweifellos das Wichtigste in meinem Leben“, sagt Nacita und gibt einen Einblick in seine Sichtweise. „Es ist alles. Der Grund, warum ich aufwache, warum ich lebe und atme und das tue, was ich tue.“ Ohne seinen Glauben an Gott und Jesus hätte er seine Hoffnung und seinen Antrieb verloren, sagt er, denn: „So oft war mein Bestes nicht gut genug.“ Zum Beispiel beim Versuch, College-Football spielen zu dürfen. Der Glaube hilft ihm, mit Rückschlägen umzugehen. Deshalb mache er alles „zum Ruhm Gottes und nicht zu meinem eigenen. Auf diese Weise kann mein Leben zu diesem Zweck weitergehen. Egal was passiert. Egal ob ich in Marburg bin oder in Amerika, ob ich Football spiele oder nicht.“ Zwar strebe er danach, der beste Footballspieler der Welt zu sein. „Aber mein Leben dreht sich nicht nur darum.“ Im Leben gebe es so viel mehr, als der Beste zu sein.

Als Jugendlicher schlägt er sich als Couchsurfer durch

Vielleicht kann man es auf diesen einfachen Nenner bringen: Silas Nacita versucht, ein guter Mensch zu sein und das Richtige zu tun. Er trinkt nicht. Er flucht nicht. „Weil ich denke, dass es nicht der beste Weg zu leben ist“, erklärt er und verweist auf sein Vertrauen in Gott: „Der Weg, den er für unser Leben vorgesehen hat, ist der beste Weg zu leben. Warum sollte ich nicht auf jemanden vertrauen, der unendlich viel schlauer und weiser ist als ich?“

Erklären lässt sich seine Demut durch seine Erfahrungen: Als 16-Jähriger verlieren Nacita und seine drei Geschwister den Vater, er überwirft sich mit seiner Mutter. Der Jugendliche aus dem kalifornischen Bakersfield haut von zu Hause ab, lebt als Couchsurfer bei verschiedenen Bekannten. Trotzdem ist er ein hervorragender Schüler, noch dazu auch ein guter Footballspieler und einer der besten Ringer Kaliforniens. Seine Noten bescheren ihm ein Stipendium an der Eliteuniversität Cornell. Doch die bittere Kälte im Bundesstaat New York hält er nicht aus. Es beginnt eine Odyssee, die ihn zur Baylor University nach Texas und schließlich nach Marburg bringt.

Drei Heimspiele noch mit Nacita

Dreimal haben die Mercenaries-Fans noch Gelegenheit, Silas Nacita im Gaßmann-Stadion in Aktion zu erleben. An diesem Sonntag gegen Frankfurt Universe, nächste Woche gegen die Allgäu Comets und am 10. September gegen die Munich Cowboys. Danach will sich der 22-Jährige einen Rucksack schnappen und durch Italien reisen. „Ein letztes großes Abenteuer, bevor ich wieder in die Staaten zurückfliege“, sagt er.

Dort, im texanischen Waco, freut er sich, seine Freundin wiederzusehen. Und er wird auf einen Anruf eines NFL-Scouts warten, damit sich sein Traum vom Profi-Football erfüllt. „Wenn das nicht klappt, ändert das nichts daran, wer ich bin und wofür ich lebe“, sagt ­Silas Nacita. Was auch passiert, sicher ist: Er wird versuchen, das Beste daraus zu machen.

von Holger Schmidt

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