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Lokalsport „Freier Spielbetrieb“ wird Thema
Sport Lokalsport „Freier Spielbetrieb“ wird Thema
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00:18 12.10.2018
Saif Abassi (rechts) vom TSV Caldern II im Spiel gegen den TSV Marbach II – zwei Vereine, die nach eigenen Angaben über viele Spielberechtigte auch für die Reserve verfügen. Quelle: Stefan Tschersich
Marburg

„Es wird immer doller.“ Mit diesen Worten gaben die Calderner Offiziellen am vergangenen Freitag das Schreiben des Marburger Kreisfußballausschusses, in dem die Absetzung der Reservespiele verkündet wird, ihren Spielern zur Kenntnis. Zuvor kam bereits die offizielle Mitteilung, dass alle Schiedsrichter aus diesen Ligen abgezogen werden. Nun also ein kompletter Spielstopp. Eine „große Anzahl von zum Teil kurzfristigen Spielabsagen“ – plus der grundsätzliche Schiedsrichtermangel – hat den Fußballkreis nach eigenen Angaben zu dem Schritt veranlasst.

Ein Schritt, der beim TSV Caldern auf „völliges Unverständnis“ trifft, wie Vereinsvorsitzender Tobias Quentin sagt. „Wir bauen uns gerade ein massives Gerüst, das nun von Außen kaputtgemacht wird“, sagt er. 14 Vereine meldeten vor der laufenden Saison eine Mannschaft in Calderns Kreisliga-B-II-Reserve, zwei zogen noch vor dem ersten Spieltag zurück, drei weitere stellten in den vergangenen Wochen den Spielbetrieb ein. Von Beginn ahnten sie beim TSV, dass die Liga schnell schrumpft und schon die Mindestspielanzahl zu wenig für die eigenen Ansprüche wäre. Aber wenigstens 18, 20 Partien in acht Monaten wären besser als nichts. Nun droht den Aktiven aber eben jenes Nichts.

Spiele der Kreisliga B III nur unter der Woche

Peter Schmidt sieht die Situation selbst als „Katastrophe“ an, der Kreisfußballwart meint damit sowohl den Mangel an Schiedsrichtern als auch die – aus seiner Sicht – „logische Konsequenz“, die Absetzung der Spiele in den Reserveligen. Auch in der Kreisliga B Marburg III, in der größtenteils die zweiten Mannschaften der A-Ligisten aktiv sind, ist am vergangenen Wochenende nicht gespielt worden. Dort sollen jedoch alle Partien – die ausgefallenen wie auch die künftigen – neu angesetzt werden, allerdings ausschließlich unter der Woche, also montags bis freitags. Die Partien der Reserveklassen, in denen formal außer Konkurrenz gespielt wird, bleiben hingegen abgesetzt, finden nur statt, wenn sich die beteiligten Clubs darauf verständigen. Neutrale Referees würden dann nur angesetzt werden, wenn unter der Woche gespielt wird, wie der stellvertretende Kreisschiedsrichterobmann Julius Martenstein erklärt: „Da ist die Situation weniger eng.“ Samstags und sonntags seien derzeit schlicht nicht genügend Referees verfügbar, um alle Partien zu besetzen.

Für den TSV Caldern steht einiges auf dem Spiel: Nach dem Last-Minute-Abstieg aus der Kreisliga A im Juni verließ fast die gesamte erste Mannschaft den Verein. Das Fundament für einen Neubeginn in der B-Liga bildete von Anfang an die einstige Reserve – um auch in der Saison 2018/2019 mehr als ein Team zu stellen, allen Fußballern das Spielen zu ermöglichen, zogen Vorstand, Spielausschuss und Aktive durch die Region und sammelten viele Neuzugänge ein. Mittlerweile sind es 45 Spielberechtigte.

Calderner befürchten Abwärtsspirale

Dass nun zunächst alle Partien der Reserveklasse abgesetzt wurden, findet Nico Cappeller „mehr als unkorrekt“. Dutzenden Aktiven werde nun der Wettbewerb „verwehrt“, sagt der TSV-Kicker, der vor der Saison aus Bortshausen nach Caldern gewechselt ist. Gerade jungen Leuten, meint Teamkamerad Alexander Bena, werde durch „so eine Aktion schnell die Lust am Fußball vergehen“. Und das, wo gerade die Dorfvereine – zumal ohne Gehaltszahlungen – Probleme mit der Spielerfindung hätten. „Der Verband schneidet sich nun ins eigene Fleisch.“

Seit Vorbereitungsstart im Juni lag die Beteiligung an beiden Trainingstagen pro Woche laut des Calderner Spielausschusses fast nie unter 20 Spielern, meist seien es eher 25 bis 30. Trainer Armin Kassner bezeichnet die Jungen wie die Erfahrenen, die Ewigtreuen wie die Neuzugänge im Gespräch mit der OP als „fleißig, engagiert, willig“. Eine Trennlinie zwischen „Erster“ und „Zweiter“ gebe es – mit Ausnahme eines Stamms von rund einem halben Dutzend Spieler pro Team – nicht. „Wir sind ein Verein, eine Mannschaft, ein Kollektiv. Wir brauchen jeden“, sagt Kassner. „Nicht elf, sondern 22 wollen zusammen Spaß haben.“ Die Vereinsverantwortlichen fürchten eine Automatik-Abwärtsspirale: keine Spiele, kein Wettbewerb, keine Motivation, weniger Trainingsbeteiligung samt Spielerschwund, abnehmende Konkurrenzsituation samt letztlicher Schwächung der ersten Mannschaft. Sie hätten sich gewünscht, dass Schiedsrichter- und Kreisausschuss vorab Lösungsansätze mit den Vereinen gesucht hätten, statt direkt eine Entscheidung zu verkünden.

Kreisfußballwart zeigt sich für Idee offen

Der TSV Caldern will nun nachholen, was der Fußballkreis verpasst habe: Der Club hat eine Initiative zur Rettung der Reserverunde gestartet. Es gibt einen Aufruf an die Vereine – vorerst nur der direkt betroffenen Kreisligen B I und B II –, den laufenden Spielbetrieb ab sofort „in Eigenregie“ zu organisieren. Als „Akut-Maßnahme“ müssten sich nun „die Willigen aller betroffenen Reserveligen zusammenschließen“ und in einer Art „Bunten Liga“ weitermachen – ohne angesetzte Schiedsrichter und entgegen der vom Kreisfußballausschuss angekündigten Werktagspiel-Regelung weiterhin an Wochenenden. Grund: Unter der Woche sei es für viele Vereine auch aufgrund von Berufstätigkeiten noch schwieriger, die Mannschaft zusammenzukriegen, ganz abgesehen von angesetzten Trainingsterminen. Durch eine „faktische Abschaffung“ der Reserveliegen „verlieren wir Perspektive. Das können wir nicht zulassen“, heißt es in dem Aufruf.

Für Kreisfußballwart Schmidt ist ein solcher „freier Spielbetrieb“, wie er ihn nennt, „durchaus eine Option, über die gesprochen werden kann“. Überhaupt sei er für Anregungen und Vorschläge „immer offen und dankbar“, betont er. Mit der aktuellen Situation sei „niemand zufrieden“, es sei eine „absolute Notlösung“. Ziel müsse es sein, die bestmöglichen Rahmenbedingungen für alle – auch die zweiten Mannschaften, die außer Konkurrenz spielen – zu erhalten beziehungsweise zu schaffen.

Die Calderner sind in diesem Punkt mit Schmidt auf einer Linie. „Wir wollen die Reserven nicht sterben lassen. Auch wenn es einen Kraftakt bedeutet: Gemeinsam können wir vielen Fußballern helfen; am Ende dient es aber dem Überleben aller Vereine“, heißt es im TSV-Aufruf.

von Björn Wisker und Stefan Weisbrod