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Forscher belegen: Es gibt den Promibonus

Fußball-Bundesliga Forscher belegen: Es gibt den Promibonus

Fußball-Stammtische werden sich bestätigt sehen: Ja, es gibt den Bayern-Bonus. Dass Schiedsrichter in der Bundesliga oft zugunsten der Besseren entscheiden, ist nun wissenschaftlich bewiesen.

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Schiedsrichter Christian Dingert zeigt einem Spieler die Gelb-­Rote Karte.

Quelle: Guido Kirchner

Marburg. Und schon war der Aufschrei wieder groß. Als Arturo Vidal am Dienstagabend unberührt im Bremer Strafraum abhob und Schiedsrichter Tobias Stieler dennoch auf Elfmeter entschied, witterten viele Zuschauer wie so oft eine systematische Bevorzugung des FC Bayern. Zumindest diejenigen, die es nicht mit dem deutschen Rekordmeister halten. „Das ist doch nichts Neues, dass die Bayern öfter mal belohnt werden durch die Schiris“, schreibt eine Facebook-Nutzerin. „Die deutschen Schiris leisten sich meist vor Ehrfurcht ein bis zwei spielentscheidende Fehler zugunsten der Bayern“, findet ein anderer.

In der Tat lieferte das DFB-Pokal-Halbfinale für diese Annahme reichlich Diskussionsstoff. Denn kurz vor dem Strafstoß hatte Münchens Verteidiger David Alaba ein Eigentor erzielt, das der Unparteiische allerdings aberkannte, weil der Österreicher regelwidrig an der Schulter festgehalten worden sein soll. Schon wieder ein Beleg für den Bayern-Bonus? Indirekt ja, glaubt Werder Bremens Sportchef Thomas Eichin: „Was mich stört ist, dass die 50:50-Entscheidungen meistens zugunsten des FC Bayern ausfallen“, sagte er nach dem Spiel im Interview.

Mit großem Interesse dürfte  Professor Dr. Eberhard Feess von der Frankfurt School of Finance and Management all diese Diskussionen verfolgt haben. Seine just veröffentlichten Studienergebnisse zeigen: was Elfmeter angeht, profitieren die Bayern tatsächlich von den Entscheidungen der Schiedsrichter. Spielt die Elf von Pep Guardiola gegen eine Mannschaft, die in der ewigen Bundesliga-Tabelle nicht zu den Spitzenteams gehört, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass dem Außenseiter zu Unrecht ein Strafstoß verweigert wird, dreimal höher als es in der Liga durchschnittlich der Fall ist. Aber nicht nur die Münchener genießen Vorzüge – generell existiere in Deutschlands Fußball-Oberhaus ein Promibonus,
so die Erkenntnis der Untersuchung.

Ein Beispiel: Borussia Dortmund, Dritter der ewigen Tabelle, trifft auf den FC Ingolstadt, der in diesem Ranking nur Platz 45 belegt. Würde nun Dortmunds Abwehrspieler einen Ingolstädter Angreifer eindeutig im Strafraum foulen, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass die Pfeife des Schiedsrichters trotzdem stumm bleibt, um 40 Prozent höher als im umgekehrten Szenario, in dem ein Ingolstädter einen Borussen klar von den Beinen holt. Laut der Studie erfreuen sich auch Heimmannschaften sowie Teams, die noch um wichtige Ziele wie die Qualifikation für die Champions League kämpfen, solcher Vorteile durch die Entscheidungen der Unparteiischen.

Professor ist von dem Ergebnis selbst überrascht

Gemeinsam mit Dr. Helge Müller von der Public Economics Group der Philipps Universität Marburg und Frankfurt School-Absolvent Paul Bose hat Professor Dr. Feess im Rahmen der Untersuchung Tor- und Elfmeterentscheidungen von rund 4 200 Bundesliga-Spielen in den Saisons zwischen 2000 und 2014 ausgewertet. Von den Ergebnissen ist der langjährige Fußballfan selbst überrascht. "Ich hätte eigentlich gedacht, dass der Effekt nur in den Köpfen der Fans existiert, weil man sich immer mit den Kleineren identifiziert. Das ist das Asterix-Phänomen“, erklärt Feess im Gespräch mit der OP.

Er ist sich sicher, dass die Schiedsrichter die häufigen Entscheidungen zugunsten stärkerer Mannschaften ausschließlich unterbewusst treffen. Aber warum? „Mir erscheint es nicht abwegig, dass die guten Spieler von ihrem Status profitieren. Dass vielleicht auch Respekt bei den Schiedsrichtern vorhanden ist.“ Im Rückblick auf Dienstagabend klingt das durchaus plausibel: Arturo Vidal wurde in den vergangenen Tagen wegen seiner Champions-League-Leistungen hochgelobt, die 75 000 in der Allianz-Arena feierten ihn nach seiner Einwechslung. So einem Spieler mag man im Zweifel wahrscheinlich eher einen Elfmeter zugestehen als Florian Grillitsch oder Janek Sternberg auf Bremer Seite.

Andererseits wird von einem guten Unparteiischen erwartet, dass er all das Drumherum während der 90 Minuten ausblendet, sich nur auf die Spielsituationen fokussiert. „Vor 30, 40 Jahren haben die Schiedsrichter gelernt: ‚wenn ihr zu einem Spiel fahrt, schaut vorher einfach nicht auf die Tabelle‘“, berichtet Markus Bengelsdorff, Schiedsrichter-Obmann des Kreises Marburg.

Der Eintracht kann wohl auch kein Schiri mehr helfen

Diese Einstellung sei aber schon lange veraltet – man müsse schlichtweg die Begleitumstände kennen, um eine Partie gut leiten zu können: Um was geht es für die Teams? Wie sieht die Fairnesstabelle aus?,  „Man macht sich vorher also schon Gedanken darüber“, gesteht Bengelsdorff, kann es sich deshalb aber nicht erklären, warum die stärkeren Mannschaften in der Bundesliga daraus einen derartigen Vorteil ziehen. „Während des Spiels muss ich eine Entscheidung in Sekundenbruchteilen treffen. Wenn ich dann auch noch die Tabelle berücksichtige, pfeife ich nur noch Blödsinn.“

Professor Dr. Feess und sein Team haben durch ihre Studie den ersten wissenschaftlichen Beweis für die Existenz des oft diskutierten Promibonus im Fußball geliefert. Trotz aller Freude über diesen Erfolg ist Feess – als glühender Fan der Frankfurter Eintracht – doch ein wenig deprimiert. Denn seinen Erkenntnissen zufolge dürfte der Tabellenvorletzte im Abstiegskampf nun nicht mehr allzu oft von den Pfiffen der Spielleiter profitieren. „Ich befürchte aber, selbst mit der Gunst der Schiedsrichter wird das nichts mehr“, sagt er.

Yanik Schick

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