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Fans sind Trainer und Vorstand zugleich

Online-Projekt Fans sind Trainer und Vorstand zugleich

Den Wurstpreis festlegen, die Mannschaft aufstellen, den Trainer entlassen – all dies und noch mehr können die „Teammanager“ des TC Freisenbruch ganz einfach per Mausklick.

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Eine mögliche Startelf der Stadtallendorfer Eintracht. Dass der Fußball-Hessenligist wirklich einmal den Weg geht, die Aufstellung von einer Online-Community bestimmen zu lassen, ist jedoch relativ unwahrscheinlich.

Quelle: Illustration: Ohlen

Marburg. Idyllisch liegt das Waldstadion Bergmannsbusch im Essener Osten. Als „urige und total ursprüngliche Sportanlage, die das Herz eines jeden Fußballromantikers höherschlagen lässt“, wird das Gelände mitsamt des Rotascheplatzes auf der Homepage des TC Freisenbruch bezeichnet – jenem Club, der diesen Ort im Herzen des Ruhrpotts seine Heimspielstätte nennt.

So „romantisch“ dieses Bild vor dem geistigen Auge aussehen mag, so groß war die Tristesse, die beim B-Ligisten aus dem Fußball-Verband Niederrhein in den vergangenen Jahren herrschte. „Die Anlage ist abgelegen, mit der Jugendarbeit ist es hier schwierig, und von einem Kunstrasen sind wir in der Vergangenheit von der Stadt ‚verschont‘ geblieben. In den vergangenen acht Jahren ging es mit dem Verein steil bergab. 2014 waren wir sogar kurz davor, ihn dicht zu machen“, schildert TC-Vorstandsmitglied Peter Schäfer die einst prekäre Lage.

Doch diese Zeiten sind vorbei – auch dank Schäfer, der dabei half, bekannte Fußballmanager-PC-Spiele à la Anstoß 3 oder Fifa-Manager in die Realität umzusetzen. Über ein ausgeklügeltes System können Internet-Nutzer seit dem 1. Juli für fünf Euro pro Monat bequem per Smartphone, Tablet oder PC als sogenannte „Teammanager“ über die Homepage des Vereins Entscheidungen treffen, die anderenorts Vorstand und Trainer vorbehalten sind.
Ob das Festlegen der Eintritts-, Getränke- und Essenspreise, ob das Abstimmen des Spielsystems und der Aufstellung oder bei der Frage, ob Neuverpflichtungen getätigt werden sollen. In Freisenbruch zählt die „Weisheit der vielen“, die im Zuge einer langfristigen Vertrauensabstimmung – immer nach dem Mehrheitsprinzip – sogar über die Zukunft des Trainers entscheiden.

Bestimmte Restriktionen, etwa die Berücksichtigung von Einkaufspreisen von Waren oder Verbandsvorgaben, gibt es. „Trotzdem müssen die Teammanager entscheiden, ob sie günstig Bier trinken oder ob sie mehr Geld einnehmen wollen, über dessen Verwendung sie letztlich entscheiden“, sagt Schäfer.

Idee zum Projekt liegt schon zehn Jahre zurück

Mike Möllensiep, der im Jahr 1997 mit den legendären „Eurofightern“ des FC Schalke 04 den Uefa-Pokal gewann, ist seit dieser Saison Coach in Freisenbruch. „Er hat sich wohl als Fußball-Fan angesprochen gefühlt“, glaubt Schäfer, der darauf hinweist, dass die „Geburtsstunde“ der Projektidee bereits zehn Jahre zurückliegt.
Im Zuge des WM-Spiels Deutschland–Argentinien sei sie in Israel geboren, jedoch „am viralen Effekt gescheitert“, so Schäfer. Auch Fortuna Köln versuchte sich vor einiger Zeit mit einer ähnlichen Vision. Schäfer: „Der Verein hat das aber nicht richtig durchgezogen. Man durfte nur Empfehlungen abgeben“, berichtet der 35-Jährige.

Empfehlungen für die Aufstellung gibt auch Möllensiep vor den Spielen ab, doch erst in der Halbzeitpause kann der ehemalige „Knappe“, der auch Ex-Profi Benjamin Venekamp zu seinen Schützlingen zählt, eingreifen und taktische Änderungen vornehmen. „Für bestimmte Situationen gibt es Notfallpläne – etwa, wenn Spieler auf ihren angestammten Positionen ausfallen. Zudem machen wir Tests mit den Spielern, die wir veröffentlichen, damit sich auch die Teammanager, die bei Spielen nicht vor Ort sind, ein Bild machen können“, erklärt Schäfer, der sich mit seinen Vorstandskollegen vor der Umsetzung des Projektes Rat von einem Anwalt und einem Steuerberater einholte.

Projekt läuft diese Saison, soll aber weitergehen

„Erstmal läuft das Projekt diese Saison“, sagt Schäfer, „aber wir haben uns nicht zwei Jahre Arbeit gemacht und alles vorbereitet, um es nur ein Jahr laufen zu lassen. Es soll demokratisch bleiben – gerne bis in die Champions League“, flachst der 35-Jährige, der Mitte vergangener Woche schon 143 User-Anmeldungen zählte
und nicht nur deswegen feststellt: „Es hat sich auf jeden Fall schon gelohnt.“

So hat der Club neben einem Sponsor aus Bayern den Sportartikelhersteller Nike als Ausstatter gewonnen. „Das ist schon eine krasse Nummer. Die fanden die Idee einfach cool“, erklärt Schäfer. Noch
„eine Million weitere Ideen“ habe man beim Club aus dem Fußball-Verband Niederrhein. Doch erst einmal sollen die „Online-Trainer“ und das Team ein Ziel erreichen: den Aufstieg von der zweituntersten in die drittunterste Klasse, die A-Liga. Startschuss dafür war am vergangenen Sonntag, beim Saisonauftakt gegen den Heisinger SV II.
Anmeldungen und Infos zu dem Projekt gibt es im Internet unter www.tc-freisenbruch.de

von Marcello Di Cicco

 
Hintergrund
Ist das denkbar?

Die OP hat sich bei den heimischen Vereinen umgehört und gefragt: Eine Online-­Gemeinschaft, die Vereinsentscheidungen trifft, ist das denkbar...

 … beim BC Marburg (Basketball): „Das geht nicht. Die Aufstellung ist grundsätzlich Sache des Trainers. Wir als Vorstand haben uns schon als Grundsatz gesetzt, da nicht in die Belange des Trainers einzugreifen. Außerdem müssen wir kalkulieren, wirtschaftlich denken – und nicht nach Gutdünken entscheiden.“
 Jürgen Hertlein,
Vorsitzender

 … beim VfB Wetter (Fußball): „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich halte es für sehr gewagt, einen Verein auf diese Art und Weise zu führen. Prinzipiell klingt das aber spannend und wäre vielleicht als Empfehlung witzig, um mal auf andere Ideen zu kommen.“
Armin Schmidt,
Sportlicher Leiter

 … bei der HSG Hinterland (Handball): „Für uns käme das nicht infrage. Das ist ja so, als wenn Betriebsfremde über den Betrieb bestimmen können. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass so etwas bei Spielern gut ankommt, schließlich gibt es eine Vertrauensbasis zwischen Trainer und Mannschaft.“
Wolfgang Hof,
Trainer und Sprecher

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