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Fair geht vor beim FSV Cappel

Ehrlichkeit im Fußball Fair geht vor beim FSV Cappel

Viktor Stump und Tim Elmshäuser sprachen mit der OP über ihren Sportsgeist. Für ihre Aufrichtigkeit ernten sie jedoch nicht nur Lob.

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Cappels Viktor Stump (großes Bild, vorne) und sein Teamkollege Tim Elmshäuser (kleines Bild) machten durch besonderes Fair-Play auf sich aufmerksam.

Quelle: Marcello Di Cicco / Michael Hoffsteter

Marburg. Der 22. Juni 1986 war ein unrühmlicher Tag für den Fair-Play-Gedanken. Beim Viertelfinalspiel der Fußballweltmeisterschaft in Mexiko zwischen England und Argentinien erzielte die Stürmerlegende Diego Maradona ein Tor, das für Gesprächsstoff sorgte und sich einer bemerkenswerten Prominenz erfreut. Statt mit dem Kopf beförderte der Angreifer eine Flanke mit seiner Hand zum 1:0 in die Maschen. Das Spiel endete 2:1 für Argentinien, das letztlich den WM-Titel errang. Maradona hütete sich davor, dem Schiedsrichter, der das Handspiel nicht gesehen haben wollte, den eklatanten Regelverstoß mitzuteilen und den Treffer zu verweigern. Die Erklärung des Torschützen nahm nach dem Spiel übernatürliche Züge an. „Es war ein bisschen die Hand Gottes und ein bisschen Maradonas Kopf“, erklärte er vor laufenden Kameras.

Ehrlichkeit und Integrität

Es ist eine Frage, die sich jeder Fußballer wohl einmal in seiner Karriere gestellt hat: Wie weit gehe ich für meinen Erfolg und den meiner Mannschaft? Vergesse ich auf dem Rasen Grundprinzipien wie Ehrlichkeit und Integrität? Zwei Spieler des FSV Cappel können diese Frage zumindest einmal mit „Nein“ beantworten – Viktor Stump und Tim Elmshäuser. Am 5. März dieses Jahres legten die Offensivkräfte beispielhaften Sportsgeist an den Tag.

An diesem Tag spielte der A-Ligist FSV Cappel sein Meisterschaftsspiel gegen den SV Mardorf. Vorher fand das Duell zwischen den Reservemannschaften der beiden Klubs statt, die in der B-Liga spielen. Während letzterer Partie, beim Spielstand von 0:0 in der 20. Spielminute, kam der 23 Jahre alte Tim Elmshäuser im gegnerischen Strafraum zu Fall. Doch statt sich über den Elfmeterpfiff des Schiedsrichters zu freuen, wies der Cappeler den Unparteiischen auf dessen Fehlentscheidung hin und verweigerte den Strafstoß. Die Zweite des FSV gewann 3:1.

Gleiches tat Viktor Stump im A-Ligaspiel, als ihm ein Elfmeter zugesprochen wurde. Sein Handeln war sogar noch bemerkenswerter. Denn es war die 78. Minute und Cappel führte nur knapp mit 2:1. Beide Spieler unterstreichen, dass bei allem Siegeshunger der sportliche Rahmen berücksichtigt werden müsse. Schließlich habe es sich um Kreisligaspiele gehandelt, so die Begründung Stumps und Elmshäusers. Außerdem halten die Cappeler ihre Teams für gut genug, um auch ohne unberechtigte Elfmeter zu gewinnen.

Der SV Mardorf lobte beide Fußballer auf seiner Facebook-Seite. Auch Klaus Fischer, Stumps und Elmshäusers Trainer, begrüßte das Verhalten seiner Schützlinge. Kreisfußballwart Peter Schmidt spricht indes von einer „großen Geste“ und informierte, dass Stump am 23. Juni beim Ehrungsabend des Fußballkreises Marburg für sein Fair-Play geehrt wird. Auch Thomas Vollmer, Trainer des Gruppenligisten VfB Marburg, und Thomas Brunet, Coach des Ligakonkurrenten FSV Schröck, loben das Verhalten der beiden Spieler zwar, üben aber auch Kritik und äußern Vorbehalte. „Den Spieler möchte ich sehen, der so handelt, wenn es um Aufstieg, Abstieg oder beispielsweise den Sieg im Finale der Champions League geht. Man kann damit eine ganze Saison oder ein wichtiges Turnier zunichte machen“, hebt Vollmer hervor.

Vorbild für junge Fußballer

Laut Elmshäuser ein berechtigtes Argument. Auch seine Mitspieler fanden nicht nur warme Worte. „Teamkollegen haben mir in der Pause gesagt, dass ich so ein Geschenk annehmen muss. Bei wichtigen Spielen würde ich wohl eher einfach nichts sagen und den Schiri entscheiden lassen“, berichtet Elmshäuser. Ehrlichkeit scheint also durchaus Grenzen zu kennen. Viktor Stump macht bei Fair-Play angeblich keine Kompromisse. „Mir ist es egal, wie wichtig das Spiel ist. Auf diese Weise will ich nicht gewinnen“, beteuert der 32-Jährige.

Thomas Brunet ist nicht Stumps Meinung und argumentiert, dass Spieler sich in solchen Situation der Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters fügen sollten. „Es ist kritisch, wenn jeder Spieler seine eigenen Vorstellungen der Regeln ins Spiel bringt“, erklärt der Schröcker Trainer, „wenn ein Spieler so etwas in einem wichtigen Spiel macht, wird er von den Teamkollegen sicher ausgepeitscht“. Gerade Viktor Stump hat seiner Meinung nach einen besonderen Beweggrund für seine Aufrichtigkeit.

Der 32-Jährige ist Vater einer Tochter und beansprucht für sich, ein Vorbild zu sein: „Ich denke, es ist wichtig, dem eigenen Nachwuchs  bestimmte Werte vorzuleben.“ Stump spricht laut Felix Öchsner und Hendrik Lapp einen äußerst wichtigen Punkt der Jugendarbeit beim Fußball an. Beide sind Juniorentrainer beim VfB Marburg. „Es geht nicht nur darum, die Jungs fußballerisch weiterzuentwickeln, sondern aus Jugendlichen verantwortungsbewusste und aufrichtige Heranwachsende zu machen“, unterstreicht Öchsner. Ähnlich sieht es Lapp. Denn ein solches Verhalten könne auch für die gegnerische Mannschaft einen Denkanstoß zugunsten von mehr Ehrlichkeit geben. „Wenn einer meiner Spieler so einen Sportsgeist an den Tag legt, dann würde ich das nach dem Spiel lobend erwähnen, weil es von einem guten Charakter zeugt“, sagt der Fußballlehrer. Aufrichtigkeit müsse belohnt werden.

von Benjamin Kaiser

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