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"Ey, du Affe, geh Bananen pflücken"

Rassismus im Sport "Ey, du Affe, geh Bananen pflücken"

Das Motto der Fußballweltmeisterschaft 2006 in Deutschland hieß "Die Welt zu Gast bei Freunden". Wie ist es zehn Jahre später um dieses Bekenntnis bestellt?

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Nachdem der deutsche Fußball-Nationalspieler Jérôme Boateng vor der EM Opfer der rassistischen Attacke eines AfD-Funktionärs geworden war, solidarisierten sich viele Fans mit ihm.

Quelle: Christian Charisius

Marburg. Joschi Tischkau erinnert sich noch sehr genau, obwohl der Vorfall schon elf Jahre her ist. Damals reiste der heute 32-Jährige mit seinen Mitspielern beim Footballverein Marburg Mercenaries zu einem Freundschaftsspiel bei den Dresden Monarchs. Dort spürte er zum ersten Mal in seiner Karriere Rassismus seitens gegnerischer Fans.

Dass Tischkau sich von den übrigen Footballspielern unterschied, brachten ihm die Dresdener Fans bei: Als er nach dem Spiel das Feld verließ, warfen Zuschauer Bananen in seine Richtung und verhöhnten ihn mit Affenlauten. Tischkau, der im Waldtaler Sankt Martin Haus als Pädagoge arbeitet, hat wenig Verständnis für solche Aktivitäten. „Die hatten selbst Schwarze in der Mannschaft.

Das macht die Sache noch absurder“, sagt der Sohn einer deutschen Frau und eines Westafrikaners. Tischkaus Antwort auf das Verhalten der Dresdener Fans: „Warum zahle ich eigentlich meinen Solidaritätsbeitrag?!“

Doch nach dem Vorfall machte er sich einige Gedanken. Er schob es unter anderem auf „den Osten“, wo so etwas häufiger vorkomme. Er kenne mehrere dunkelhäutige Menschen, die Opfer rassistischer Verbalattacken wurden. 2013 hängte er den Footballhelm an den Nagel. Was in Dresden geschah sei ein absoluter Einzelfall gewesen. Dennoch beschreibt er das Verhalten der Zuschauer als „krank“. Doch anscheinend ist das Problem nicht exklusiv in den neuen Bundesländern und noch weniger auf Football beschränkt. Rassismus scheint in den Fußballligen im Kreis Marburg quicklebendig zu sein.

Zu Gast bei Feinden?

Michael Rübe weiß Bescheid. Der Spielertrainer des Kreisligisten 1. FC Waldtal, bei dem viele Menschen mit Migrationshintergrund spielen, berichtet insbesondere von Beleidigungen der Zuschauer gegenüber dunkelhäutigen Mitspielern. Rufe wie „Ey, du Affe, geh Bananen pflücken“ seien keine Seltenheit. „Als dieser Satz fiel, hat der Schiedsrichter gesagt, dass die Zuschauer Eintritt bezahlt haben und sagen dürfen, was sie wollen“, beteuert Rübe.

Über den Namen des Unparteiischen schweigt er sich ebenso aus, wie über den entsprechenden Verein, dessen Fans solche Sätze gerufen haben sollen. Für derartiges Schiedsrichterbetragen hat Markus Bengelsdorff kein Verständnis. „Das ist natürlich inakzeptabel. Wenn ein Spieler einen anderen rassistisch beleidigt, gehört er des Feldes verwiesen“, stellt der Kreisschiedsrichterobmann klar.

Das Problem ist jedoch, dass die Zuschauer eine „graue Masse“ und die Schuldigen schwierig auszumachen sind. Dennoch habe ein Schiedsrichter bei solchen Verbalattacken die Möglichkeit, die Fans zu ermahnen und gegebenenfalls das Spiel sogar abzubrechen.

Fast zwei Dutzend befragte Trainer und Spieler sind sich einig: Rassistische Verbalattacken kommen häufiger auf Plätzen von „Dorfvereinen“ vor. Ein Mann, der Diskriminierung am eigenen Leib erfährt, ist Sercan Atas, Spieler beim VfB Marburg. Er höre rassistische Beleidigungen von Zuschauern häufig. „In jedem zweiten Spiel passiert das“, sagt er und erklärt: „Es macht mich traurig. Wir leben nicht mehr im 18. Jahrhundert.“ Der 25-Jährige, in Deutschland aufgewachsen, fühlt sich mit der hiesigen Kultur verbunden. Rufe wie „Kanacken“ oder „Geh zurück in dein Land“ seien schlichtweg schmerzhaft. Dass Atas und andere Fußballer mit Migrationshintergrund derartige Erfahrungen machen, hält Kreisfußballwart Peter Schmidt für „inakzeptabel“.

Fußball solle Spaß machen, und niemand dürfe wegen Herkunft und Hautfarbe diskriminiert werden. „Ich bin oft auf Fußballplätzen unterwegs und weiß natürlich, dass rassistische Diskriminierung seitens der Zuschauer existiert“, sagt Schmidt, der seit über 20 Jahren auch als Klassenleiter von Ligen fungiert. Während dieser zwei Jahrzehnte hat er in seinen Klassen von Diskriminierung in den Sonderberichten der Schiedsrichter, die diese bei Vorkommnissen wie Ausschreitungen oder eben Diskriminierung anzufertigen haben, nichts gelesen.

Schmidt gesteht ein, dass eine Kluft besteht: Zwischen den tatsächlichen Fällen von Rassismus auf den Fußballplätzen und denen, die letztlich das Kreissportgericht, das bei solchen Vorfällen ermittelt, beschäftigen.

Einer lügt wie gedruckt

Schmidt weiß zum Beispiel von folgendem Vorfall nichts, bei dem es laut Ali Yasar, Spielertrainer des SG Kombach/Wolfgruben, zu rassistischen Beleidigungen kam. Am 24. April kam es nach dem Abpfiff des Heimspiels des VfB Lohra gegen die SG zu einem Tumult.

Beim Verlassen des Spielfeldes gerieten Fans der Gastgeber mit Spielern von Kombach/Wolfgruben aneinander. Laut Yasar seien er und seine Mitspieler von Fans mit Worten wie „Dreckstürken“ beleidigt worden. Doch das sei nicht das Ende der Fahnenstange gewesen. Auch mit Essen seien die Gäste beschmissen worden.

VfB-Spielertrainer Kevin Klapp erzählt eine ganz andere Geschichte. Die Spieler der SG haben laut ihm nach dem Abpfiff provoziert. „Ein Spieler hat den Zuschauern seinen nackten Po gezeigt“, sagt er, der in unmittelbarer Nähe des Tumults stand. Von rassistischer Beleidigung will er nichts gehört haben.

Dieter Schlag, 2. Vorsitzender des VfB, beklagt, dass nicht nur ethnische Minderheiten zur Zielscheibe rassistischer Beleidigungen werden, sondern auch vermehrt Deutsche das Opfer seien: „Ich finde es unerhört, dass ich oder andere auf dem Fußballplatz manchmal als Nazi beschimpft werden“, sagt er.

von Benjamin Kaiser

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