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Es macht einfach Spaß: Faustkampf mit und ohne Kopftuch

Boxen Es macht einfach Spaß: Faustkampf mit und ohne Kopftuch

Seit vielen Jahren bietet der 1. BC Marburg allen Boxinteressierten eine sportliche Heimat. Auch junge Frauen mit Kopftüchern gehören zu 
den Athleten.

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Sie boxen und trainieren beim 1. BC Marburg (von links): Nadja Halibi, die Vorsitzende Petra Treu und Inaas Halibi.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Es ist was los im Boxzentrum des 1. Box Clubs Marburg. Mittwochnachmittags gegen 17 Uhr tummeln sich im und um den Ring vor allem junge Menschen. Sie springen Seil, machen Klimmzüge, boxen gegen Ledersäcke oder überdimensionale Lederhandschuhe, absolvieren unter Anleitung gymnastische Übungen.

Teil der sportlichen Betriebsamkeit sind auch Mädchen und junge Frauen im Alter von 12 bis 18 Jahren. Zwei von ihnen tragen Kopftücher. Sie tun dies als Ausdruck ihres religiösen Selbstverständnisses. Nadja Halibi und Rahaf Kallas sind Muslimas. Die 17- und die 18-Jährige haben ihre Wurzeln in Syrien.

Grüppchen eint das Interesse am Boxsport

Nadjas Vater kommt von dort, ihre Mutter ist Polin. „Ich bin in Deutschland geboren“, sagt Nadja, die in der Käthe-Kollwitz-Schule auf das Fach
abitur im Sozialwesen zusteuert. Rahaf ist 1999 mit ihren Eltern aus Syrien nach Deutschland gekommen. Sie studiert in Gießen für das Lehramt an Grundschulen.

Zur Gruppe der Trainierenden gehören an diesem Tag auch Fatma-Gül Kasikara. Die 12-jährige Türkin ist Schülerin der 6. Klasse der Martin-Luther-Schule. Sie übt gemeinsam mit den gleichaltrigen Mädels Natalia Kosmala aus Polen sowie den russischstämmigen Julia Wolf und Victoria Boger, die die Elisabethschule beziehungsweise die Emil-von-Behring-Schule besuchen.

Das multinationale und heterogene Grüppchen eint das Interesse am Boxsport. Nicht gerade gewöhnlich, dass sich die jungen Frauen einer Sportart zuwenden, bei der nicht nur mit blauen Flecken zu rechnen ist. Sie begegnen derartigen Vorbehalten mit einem Lächeln. „Es macht einfach nur Spaß“, sagt Fatma-Gül.

Ihr Bruder boxe auch und habe sie mit ins Training genommen. Das hat ihr gefallen und sie dazu bewogen, es ihm gleichzutun. Ähnlich ist es Natalia und Julia ergangen, die über die Freundin bzw. die Schwester zum Boxen gefunden haben. „Die haben uns gesagt, wie cool das ist, und sie hatten Recht“, sagen sie unisono.

Mädchen und junge Frauen behutsam heranführen

Die Freundinnen Rahaf und Nadja betrieben Sport bisher nur im Fitness-Studio. Das genügte ihnen nicht. „Wir wollten eine Sportart erlernen und deshalb einmal das Boxen ausprobieren“, sagt Nadja. Sie seien so auf das Boxzentrum in der Friedrich-Ebert-Straße am unteren Richtsberg aufmerksam geworden.

Dort hat sie Trainer Ronald Leinbach unter seine Fittiche genommen. „Wir führen die Mädchen und jungen Frauen behutsam an den Sport heran“, betont Leinbach. Wer wilde und unkontrollierte Schlägereien vermute, unterliege einer Fehleinschätzung.

Über die reine Vermittlung der sportartspezifischen Fertig- und Fähigkeiten hinaus leistet der 
1. BC Marburg vor allem vorbildliche Integrationsarbeit. Herkunft, Geschlecht und Religion der Mitglieder werden respektiert und geachtet, versichert Leinbach. Und wenn jemand Kopftuch trage, dann sei es eben so.

Athletinnen fühlen sich im Verein akzeptiert

Die Muslimas selbst fühlen sich nach eigenen Angaben in keiner Weise missachtet. Überhaupt wundern sie sich im Gespräch über Fragen in diese Richtung. Sie fühlen sich als Teil einer multikulturellen Gesellschaft. „Es gibt keine Probleme, auch wenn wir mit Kopftuch trainieren und kämpfen“, sagt Rahaf, „wir fühlen uns hier akzeptiert.“ Man trainiere zuweilen auch mal mit den Jungs „Wir kennen uns alle untereinander.“ Und weil es so gut laufe mit dem Boxen, habe auch ihr Vater, der zunächst skeptisch gewesen sei, Zustimmung signalisiert.

Die insgesamt etwa 30 Frauen und Mädchen im 1. BC Marburg haben auch eigene Trainingszeiten. „Wir mögen es, wenn wir unter uns sind“, sagt Nadja, „aber im Grunde könnten wir jeden Tag hier trainieren. Wenn unser Trainer mal nicht da ist, dann übernehmen ältere, aktive Boxer mit Trainerlizenz das Wettkampftraining.“

Mit zunehmender Fitness und Fertigkeit wachse auch das Selbstvertrauen in die eigene Stärke, stellen die jungen Frauen fest. Aber Angst habe keine.

von Bodo Ganswidt

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