Volltextsuche über das Angebot:

23 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Erst die Erfahrung – dann die Medaille

Ruder-Ass Lucas Schäfer Erst die Erfahrung – dann die Medaille

Lucas Schäfer verfolgt mit seinem Heim-Trainer Martin Strohmenger einen langfristigen Plan. Allerdings trägt der 21-Jährige schon in Rio eine Menge Verantwortung im Leichtgewichts-Vierer.

Voriger Artikel
Marie ist der große Wurf gelungen
Nächster Artikel
„Spieler der Woche“ werden gesucht

Ruder-Ass Lucas Schäfer aus Gisselberg und sein Trainer Martin Strohmenger am Bootshaus der Steinmühle.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Die Schüler der Steinmühle müssen mit den klaren Ansagen von Martin Strohmenger zurechtkommen. Der Ruderlehrer und -trainer ist ein geerdeter Typ. Lobeshymnen erwartet man jedenfalls nicht vom gebürtigen Bochumer. Wenn er aber über seinen langjährigen Schützling Lucas Schäfer spricht, gerät er geradezu ins Schwärmen: Phänomenal sei die Olympia-Qualifikation des 21-jährigen Gisselbergers, den Strohmenger als „Geschenk“ und „Ausnahmetyp“ bezeichnet.

Was macht den Ruderer Schäfer so besonders? „Seine unendliche Physis“, sagt Martin Strohmenger, der schon Sportler unter seinen Fittichen hatte, die mehrere Dutzend Deutsche Meisterschaften und sechs WM-Titel gewonnen haben. Sogar Filip Adamski, der 2012 mit dem Deutschland-Achter Olympiasieger wurde, hat der 52-Jährige entdeckt und gefördert. Der sei aber ein ganz anderer Typ als Lucas Schäfer, „das ist nicht zu vergleichen“.

Olympiasieg in Rio wäre utopisch

Das Ziel Olympiasieg wäre außerdem utopisch – zumindest in Rio de Janeiro. „In vier Jahren soll er auf irgendeinem Treppchen stehen“, gibt Strohmenger die Marschroute aus, die er sich mit seinem Schützling zurechtgelegt hat. Klare Ansage eben, mit einer kleinen Einschränkung: „Es hängt auch viel mit Glück zusammen, was man nicht beeinflussen kann.“

Eine glückliche Fügung – trotz des Unglücks eines anderen – war es auch, die Lucas Schäfer eine neue Position im Boot gebracht hat. Schlagmann Lars Wichert fiel beim letzten Weltcup in Posen mit einer Blutvergiftung aus, Schäfer sprang ein. Der Gisselberger machte seine Sache so gut, dass er jetzt auch in Rio statt auf Position zwei am Schlag sitzt. Damit trägt er mit seinen 21 Jahren noch mehr Verantwortung.

„Die Ansagen der Spurts hat er vorher gemacht, jetzt macht es Lars Wichert“, sagt Tim Schönberg, Bundestrainer des leichten Vierers ohne Steuermann. Die Aufgabe von Lucas Schäfer ist es nun, „das Tempo und die Dynamik vorzugeben“, führt Schönberg aus. „Ich erwarte mir von seiner Frechheit, dass er über die Frequenz das Boot hochpusht.“

Für Martin Strohmenger, der das Talent seit fünf Jahren und inzwischen auch am Bundesstützpunkt Frankfurt/Mainz trainiert, war die Umbesetzung keine Überraschung: „Man hat ja gesehen, wie gut er das gemacht hat.“

„Wechsel der Trainer
 hat eine Menge gebracht“

Nach Meinung des Marburger Trainers hätte sich der Deutsche Ruderverband die Olympia-Qualifikation in Luzern ersparen können, wäre Lucas Schäfer im Jahr zuvor bei der WM bereits ins Boot gesetzt und nicht in die U 23 versetzt worden: „Die Rechnung kam mit Platz 13.“ Die Querelen und das Geschachere um Posten und Bootsbesetzungen im Verband mag Strohmenger nicht kommentieren. Nur soviel sagt er: „Der Wechsel der Trainer hat ­eine Menge gebracht.“

Seit Oktober 2015 ist Schönberg für den Leichtgewichts-Vierer als Bundestrainer verantwortlich. Die erste Etappe wurde mit der Qualifikation für Olympia bewältigt. „Das Ziel ist ganz klar, das Finale zu erreichen“, sagt Schönberg. „Die Top 6 ist machbar, aber es wird extrem hart.

Das Halbfinale wird unser härtestes Rennen.“ An Dänemark, Neuseeland und der Schweiz wird wohl kein Weg vorbeiführen, auch Frankreich dürfte zu schnell für das deutsche Quartett sein. Dahinter seien viele Boote ähnlich stark.

Die jugendliche Unbekümmertheit von Lucas Schäfer soll dazu beitragen, einige Teams hinter sich zu lassen. „Ihn zeichnet aus, dass er ein Wettkampftyp ist“, sagt Marcus Schwarzrock, der Cheftrainer des Deutschen Ruderverbandes. Im Training sei er gelassen und ruhig. „Wenn es drauf ankommt, ist er dann voll da.“

„Lucas ist extrem weit für sein Alter“

Frech, selbstsicher und souverän trete der 21-Jährige auf, sagt Bootstrainer Schönberg. Er bringe eine „positive Verrücktheit mit, geht unverbraucht ran und sieht die eigenen Stärken.“ Auch wenn bei Olympia einiges schieflaufen und man sich verpokern könne, habe er nicht die Befürchtung, dass der Youngster überdrehe: „Dafür sind wir zu viele Rennen gefahren.

Er ist so fest, dass wir beim Rennplan bleiben werden. Er ist cool genug.“ Davon ist auch Strohmenger überzeugt. „Lucas ist extrem weit für sein Alter“, sagt der erfahrene Coach. Schon als Jugendlicher habe sich der jetzige Ökotrophologie-Student Gedanken über Ernährung und Trainingsgestaltung gemacht, habe minutiös protokolliert, ausgewertet, grafisch aufbereitet, sich mit Bootseinstellungen und Technik beschäftigt.

„Er hört sich alles an, ist kritikfähig“, lobt Strohmenger. „Manchmal ist es verblüffend: Wenn ich mich frage, wie ich ihm das oder das beibringen soll, hat er schon selbst die Lösung parat. Er ist ein Ausnahmetyp innerhalb der Szene.“

Der Grundstein wurde schon früh gelegt, als er mit zwölf Jahren beim Marburger Ruderverein unter dem damaligen Trainer Florian Eisenberg die ersten Paddelversuche machte. Dass der Weg einmal zu den Olympischen Spielen führen würde, war damals noch nicht klar. „Dass er ein großes Talent war schon“, erinnert sich Andreas Hesse, der 2. Vorsitzende des Marburger Rudervereins.

2008 fuhr Lucas Schäfer dann auch schon seinen ersten Erfolg ein – mit Fleming Schürmann gewann er im Zweier den Kinder-Bundeswettbewerb. Es war der Anfang einer Karriere, die bei Rudern und Sport (RuS) Steinmühle unter Martin Strohmenger weiterging und Anfang August in Rio de Janeiro auf ihren Höhepunkt zusteuert. Zumindest auf den vorläufigen. Denn die Olympia-Medaille, die soll ja vier Jahre später folgen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
../dpa-ServiceLine-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-170707-99-155169_large_4_3.jpg
Fotostrecke: Wie werde ich Sounddesigner/in?