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Lokalsport Einstiger Flügelflitzer wird zum Sprinter
Sport Lokalsport Einstiger Flügelflitzer wird zum Sprinter
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09:55 03.03.2018
Die Laufbahn ist die neue sportliche Heimat von André Neumann. Der Ronhäuser konzentriert sich auf die Sprintstrecken und hat sich hohe Ziele gesetzt. Quelle: Tobias Hirsch
Ronhausen

Es war während der Olympischen Spiele 2012 in London, als es „klick“ machte. André Neumann saß auf dem heimischen Sofa und schaute sich an, wie Usain Bolt über 100 Meter zu Gold sprintete. „Da habe ich mir gesagt: Ich will auf jeden Fall noch einmal zu einer Einzelsportart wechseln.“

Etwas mehr als fünf Jahre später setzte er sein Vorhaben in die Tat um – mit immerhin schon 33 Jahren tauschte Neumann im November die Fußball- gegen Laufschuhe ein. Wobei in Justin Gatlin einer seiner Lieblingsläufer („Mich haben die amerikanischen Sprinter schon immer fasziniert“) bei der WM 2017 ja auch im Alter von 35 Jahren 100-Meter-Gold holte und damit sportlich durchaus zum Vorbild taugt.

Immerhin: Einen dritten Platz – analog zu Gatlin bei Olympia 2012 – kann der Ex-Fußballer in seiner kurzen Leichtathletik-Karriere bereits vorweisen. Bei den Hessischen Seniorenmeisterschaften Anfang des Monats in Stadtallendorf kam er über 200 Meter nach 25,61 Sekunden in der Altersklasse M 30 ins Ziel – und lag damit nur 0,11 Sekunden hinter der Norm, die für die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft der M 35 berechtigen würde.

Als Jahrgang 1984 dürfte er im nächsten Jahr dort starten. Über 60 Meter wurde Neumann in der Herrenwaldhalle zudem Fünfter in 7,90 Sekunden. Das würde locker für die DM reichen, die Norm liegt bei 8,20 Sekunden. Und die Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft ist Neumanns Ziel. „Ich mache das nicht aus Jux und Tollerei“, stellt der Ronhäuser klar, der als Produktionstechniker bei Ferrero arbeitet.

Eine Woche Profi-Training unter Klopp in Mainz

Generell geht André Neumann alle sportlichen Herausforderungen mit großem Ehrgeiz an. „Jeder weiß, dass ich leistungsorientiert Sport treibe“, sagt er. Das war ein Grund, warum er im Oktober 2017 bei der SG Dautphetal aufhörte. Zusammen mit Horst Klein, den er als „Ziehvater“ bezeichnet, bildete er das Trainergespann. Die Saison lief nicht rund für das Team, mit dem Klein/Neumann in der Vorsaison aufgestiegen waren. Er habe das Gefühl gehabt, nicht mehr alle Spieler erreichen zu können.

Schlimm für einen, „der mitgeht“ und seine Emotionen auslebt wie Jürgen Klopp oder Diego Simeone, deren Art an der Seitenlinie er mag. Gegen Spitzenreiter RW Hartenrod holte Dautphetal zwar ein respektables 1:1. Dennoch trat das Trainergespann danach zurück. Der Entschluss habe vorher schon festgestanden, erklärt Neumann.

Mit solcher Konsequenz hätte er es weit bringen können. Denn das Talent für höhere Aufgaben brachte er fraglos mit. Als B-Jugendlicher spielte er für Eintracht Frankfurt, als A-Jugendlicher für den FSV Mainz 05. „Da habe ich sogar eine Woche bei den Profis unter Jürgen Klopp mittrainiert“, sagt Neumann, der im Rückblick selbstkritisch genug ist, um zu wissen: „Ich habe mir selbst die Karriere kaputt gemacht.“ Der Kopf habe in jungen Jahren nicht mitgespielt. Neumann verlor die Bodenhaftung – und landete unsanft.

Statt in der großen Fußballwelt kickte Neumann wieder in der Heimat, auch aus familiären Gründen. Für den VfB Marburg machte er vier Spiele für die Senioren-Mannschaft in der Oberliga Hessen, der heutigen Hessenliga. Dabei hätte er zu dem Zeitpunkt noch für die A-Junioren auflaufen können. Sogar ein Tor gelang ihm, woran sich der Linksfuß noch detailliert erinnern kann. Ein Freitagabendspiel beim FV Bad Vilbel sei es gewesen: „Jens Grunert zog aus 40 Metern ab, der Torwart ließ den Ball abprallen, ich habe ihn dann mit dem rechten Fuß reingemacht. Das war ein schönes Erlebnis.“

1:1 endete das Spiel. Es war das vorletzte für Neumann in der Oberliga. Denn dann klopften der VfL Wolfsburg und Hansa Rostock an und luden ihn zum Probetraining ein. Neumann wollte diese Chance nutzen, informierte aber die „Schimmelreiter“ nicht, was Trainer Peter Cestonaro nicht ganz so erbaulich fand. Auch später bei Eintracht Stadtallendorf, als dem damals 20-jährigen Linksaußen ein Angebot des Karlsruher SC den Kopf verdrehte, und beim FSV Steinbach (jetzt FSV Fernwald) stand sich Neumann selbst im Weg: „Damals war ich zu impulsiv. Ich habe Fehler gemacht, das muss ich mir eingestehen.“

Langsam dämmerte ihm, dass es mit der Bundesliga-Karriere nichts werden würde. Ausbildung und Arbeit nahmen einen wichtigeren Platz ein. Er ging zu seinem Heimatverein TSV Amöneburg „in die B-Klasse, 150 Schritte zurück“.

Bei Eintracht Stadtallendorf gab er noch einmal ein kurzes Gastspiel in der Hessenliga mit sechs Einsätzen in der Saison 2008/09, ehe der Wandervogel im Winter zum TSV Kirchhain wechselte, den Abstieg aus der Verbandsliga aber auch nicht mehr verhindern konnte.

Neumann schließt Comeback als Fußballer aus

Anschließend waren die Kreisligen das Revier von André Neumann, der vom Flügelflitzer mehr und mehr zum Abwehrchef wurde: FV Bürgeln (als Spielertrainer zusammen mit Horst Klein), TSV Amöneburg, FSV Buchenau und SG Dautphetal waren weitere Stationen. Die größte sportliche Enttäuschung sei dabei der verpasste Aufstieg mit Amöneburg in der Relegation 2014 gegen Buchenau II gewesen.

Anschließend wechselte Neumann nach Buchenau. Ein folgenschwerer Transfer, an dem der FSV noch immer zu knabbern hat. „Es hat viel Spaß gemacht, das Training, die ganze Atmosphäre, es hat 100-prozentig gestimmt“, blickt Neumann auf die Zeit zurück. Gleich im ersten Spiel gegen Homberg erzielte er einen Treffer, in Wetter erkämpfte sich Buchenau ein 1:1. „Das war einfach gut“, sagt Neumann.

Dummerweise war er in der Saisonvorbereitung noch für Amöneburg beim Rhiel-Cup aufgelaufen – das Sportgericht entschied, dass alle bisherigen Spiele von Buchenau wiederholt werden mussten. „Das Ende vom Lied: Wir sind abgestiegen aus der Gruppenliga. Das ist das, was mir in meiner Karriere am meisten leidtut“, sagt Neumann.

Ein Comeback als Fußballer schließt er aus, ein Job als Trainer käme für ihn als Assistent von Horst Klein infrage. „Aber nicht mehr als Spieler. Da müssten schon Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen.“

Jetzt ist André Neumann wieder beim TSV Kirchhain, übt aber eine andere Sportart aus. „Ein guter Fußballer braucht eine enorme Beschleunigung auf den ersten Metern“, sagt sein Trainer Wilfried Eisenberg. „Das ist die Hauptfähigkeit, die ein Sprinter mitbringen muss. Die hat André, aber er macht noch technische Fehler.“ Raumgreifendes Laufen müsse er noch lernen, was für den 1,72 Meter großen Ex-Fußballer eine Umstellung ist. „Er tritt wahnsinnig schnell, kommt aber nicht so vom Fleck, wie wir uns das wünschen“, sagt Eisenberg.

Eisenberg sieht „noch ganz schön Luft nach oben“

Aus Sicht des erfahrenen Leichtathletik-Trainers seien die 7,90 Sekunden von Stadtallendorf „ein ganz guter Einstieg“ gewesen. Aber Neumann hätte auch noch schneller sein können und auch über 200 Meter sei „noch ganz schön Luft nach oben“. Das weiß sein neuer Schützling selbst. „Nach 100 Metern hat der Dampf, hat das Stehvermögen gefehlt“, räumt Neumann ein. Aber daran arbeite er gerade mit Eisenberg, ebenso wie an der Technik und am Start.

Am Willen wird es nicht scheitern. „Ich werde in der Leichtathletik weiter Gas geben“, sagt der Neu-Sprinter, der sich seine Vorbilder in der Region gesucht hat. Jürgen Dönges zum Beispiel. André Neumann imponiert, „wie der sich quält, wie der arbeitet“. Lohn wird für den 40-jährigen 800-Meter-Läufer von den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg die Teilnahme an der Hallen-EM sein.

Bis dahin ist es noch ein ganz weiter Weg für Neumann. „Ich möchte was Gutes auf die Bahn bringen“, sagt er. Dafür legt er bis zu vier Laufeinheiten pro Woche ein, macht zudem noch Kniebeugen mit 100 Kilogramm an Gewichten, um die Oberschenkelmuskulatur zu stärken, achtet auf seine Ernährung und lässt sich mindestens einmal die Woche vom Physiotherapeuten Mario Anderwald massieren.

Mit diesem Programm will er seine Ziele erreichen, die er sich für die Freiluftsaison gesteckt hat: die 100 Meter unter 12 Sekunden zu laufen (der schnellste Hesse in der M 35 war 2017 Gunnar Habl aus Friedberg in 11,67 Sekunden) und seine 200-Meter-Zeit auf 24,5 Sekunden zu drücken (Habl lief 23,12 Sekunden). Es sind ambitionierte Ziele. Aber auch Justin Gatlin hat ja gezeigt, was mit Mitte 30 noch möglich ist.

von Holger Schmidt

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