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Ein Ja mit Einschränkungen

Video-Schiedsrichter im Fußball Ein Ja mit Einschränkungen

Die Torlinientechnologie wird in der Fußball-Bundesliga bereits mit Erfolg eingesetzt. Der Video-Schiedsrichter soll folgen. Fraglich ist nur, wann und wie? Heimische Unparteiische haben dazu eine klare Meinung.

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epa05551097 For the first time in the world the video referee is used during the Dutch Cup soccer match between Ajax Amsterdam and Willem II, in Amsterdam, the Netherlands, 21 September 2016. EPA/JERRY LAMPEN (zu dpa „Niederlande: Erstmals Videobeweis bei Fußball-Pflichtspiel“ am 22.09.2016) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Quelle: Jerry Lampen

Marburg. Die ganz großen Aufregerszenen gab es nicht, als der Video-Schiedsrichter beim 0:0 im Länderspiel zwischen Italien und Deutschland eingesetzt wurde. Das Abseitstor von Kevin Volland und zwei Elfmetersituationen hatte der Unparteiische Artur Soares aus Portugalohnehin richtig entschieden. „Zumindest haben wir Szenen gehabt, in denen der Video-Referee dem Schiedsrichter helfen und in seinen Entscheidungen bestätigten konnte“, erklärteGianni Infantino anschließend.

Der Fifa-Boss ist ein Befürworter des Videobeweises. Es ist somit wohl nur noch eine Frage der Zeit, wann er eingeführt wird, für welche Wettbewerbe und wie die Umsetzung genau aussehen soll. In den Niederlanden ist man sogar schon weiter. Beim Pokalspiel zwischen Ajax Amsterdam und Willem II (5:0) wurde der Video-Referee erstmals in einem Pflichtspiel tätig und korrigierte nach einem Foulspiel eine Gelbe in eine Rote Karte. In der Bundesliga wird das System zumindest offline getestet, angewendet wird es also nicht. Noch nicht.

Martenstein: Sinnvoll bei spielentscheidenden Szenen

Die heimischen Schiedsrichter stehen der Einführung der neuen Technik zwar offen, aber mit einer gewissen Skepsis gegenüber. „Man muss mit der Zeit gehen“, sagt etwa Julius Martenstein vom FV Cölbe, der Partien bis zur Regionalliga pfeift und in der 3. Liga an der Seitenlinie assistiert. Er ist ein Befürworter des Video-Schiedsrichters - zumindest bei Elfmetern, Platzverweisen und (vermeintlichen) Abseitstoren. „Generell ist der Einsatz bei spielentscheidenden Situationen sinnvoll“, sagt Martenstein. Zumal der Fußball immer schneller werde. In den Medien werde jede Bundesligapartie bis ins kleinste Detail ausgeschlachtet, „jede Szene wird bis auf den Millimeter genau aufgelöst. Es ist ein Schritt, den man gehen muss.“

„Grundsätzlich ist alles, was zur Minimierung von Fehlern beiträgt, zu begrüßen“, sagt auch Marcus Rolbetzki (FSV Schröck), der Kreislehrwart der Schiedsrichtervereinigung Marburg. Mit einer Einschränkung: „Solange es Schwarz-Weiß-Entscheidungen betrifft.“ Die Torlinientechnologie liefere eine klare Auflösung und sei daher „ein Riesengewinn“. Aber schon Elfmeterszenen seien oft genug nicht eindeutig, wie Rolbetzki anhand einer Frage verdeutlicht: „Ist es noch ein normaler Körperkontakt oder ein Foul?“

Für Martenstein gilt das ebenso für andere Bereiche: „Wir haben Woche für Woche Entscheidungen, die nicht schwarz oder weiß zu sehen sind. In der Sportschau war es noch Abseits, im Sportstudio nicht mehr - je nachdem, wie die optische Hilfslinie gezogen wird. Es gibt immer wieder Szenen im Graubereich.“

Jonas Stehling, der stellvertretende Obmann der Marburger Kreisschiedsrichtervereinigung, stößt ins gleiche Horn. „Durch den Videobeweis haben wir noch keine ‚richtige‘ Entscheidung. Es wird immer noch unterschiedliche Meinungen über bestimmte Szenen geben.“

Graubereiche sollen Auslegungssache bleiben

Deshalb schränkt Christof Günsch in Bezug auf den Video-Schiedsrichter ein: „Man muss genau festlegen, wie und wann er eingesetzt wird und eingreifen soll.“ Der Battenberger, der in Marburg studiert und für den SV Reddighausen pfeift, leitet als Schiedsrichter in dieser Saison Spiele der 2. Bundesliga und ist als Assistent und vierter Offizieller sogar im Fußball-Oberhaus im Einsatz. Nur bei „gravierenden Fehlentscheidungen“, so der 30-Jährige, sollte der Video-Schiedsrichter eingreifen, „damit der Druck vom Schiedsrichter genommen wird“.

Dabei hat Günsch eine Szene als Beispiel im Kopf: Das Handspiel von Leon Andreasen in der vergangenen Saison. Der Hannoveraner hatte in der Partie beim 1. FC Köln den Ball klar mit dem Arm über die Torlinie befördert - der Treffer zählte trotzdem, die 96er gewannen dadurch mit 1:0.

Bei Schwarz-Weiß-Entscheidungen ist Günsch pro Videoschiedsrichter, in Graubereichen - also bei Entscheidungen, die von der Auslegung des Unparteiischen abhängen - nicht. „Alle Menschen lieben den Fußball, so wie er ist. Dazu zählen auch Dinge, die von der eigenen Meinung abhängen und durch die eigene Auslegung ent­schieden werden“, sagt Günsch. Klar habe sich wohl jeder Schiedsrichter schon einmal gewünscht, bei kniffligen Entscheidungen auf Fernsehbilder zurückgreifen zu können. „So schnell wie der Fußball ist, sind manche Vorgänge mit menschlichem Auge gar nicht richtig zu sehen.“

Dennoch warnt Günsch: „Durch den Video-Schiedsrichter kann es sein, dass dem Schiedsrichter auf dem Rasen an Persönlichkeit und Glaubwürdigkeit genommen wird.“ Zwar könne die Rückversicherung bei strittigen Entscheidungen dazu führen, dass sich die Atmosphäre im Stadion beruhigt. Es könnte aber auch ein umgekehrter Effekt eintreten, veranschaulicht Günsch: „Wenn bei Dortmund gegen Bayern in den ersten zehn Minuten drei Entscheidungen korrigiert werden, stellen Sie sich mal vor, was das in den letzten 80 Minuten für ein Höllenritt für den Schiedsrichter wird.“

Einen Gewinn sieht Marcus Rolbetzki im Video-Referee, wenn es um Szenen geht, die der Schiedsrichter abseits des Spielgeschehens nicht wahrnehmen konnte. Der Biedenkopfer Kreisschiedsrichterlehrwart Sebastian Spies (Wallau) pflichtet ihm bei: „Wenn wir Unsportlichkeiten hinter dem Rücken des Schiedsrichters eingedämmt bekommen, ist das ein Erfolg.“ Denn versteckte Fouls, die man von vermeintlichen Vorbildern in der Bundesliga sehe, würden sich auf den Amateur- und Jugendfußball übertragen.

Technisierung bei Amateuren nicht erstrebenswert

Eine Technisierung im Amateurbereich lehnen die Schiedsrichter ab - nicht nur, weil es aus finanziellen Gründen nicht zu realisieren wäre. „Wenn wir uns vergleichen, begehen wir einen großen Fehler“, sagt Spies. Denn: „Wir sind Amateure, das sind Profis. Bei uns geht es um den Spaß am Fußball, bei denen um viel Geld.“ Die Schere sei in den vergangenen zehn Jahren auseinandergegangen, hat der Kreislehrwart festgestellt: „Teilweise werden die Regeln anders ausgelegt. Was ich in der Amateur-Liga als falschen Einwurf pfeife, pfeift der Profi-Schiedsrichter nicht.“

Im Profifußball dürfte die Technisierung mit der Einführung des Video-Schiedsrichters bald weitergehen. Christof Günsch vertraut dabei auf die Entscheidungen der DFB-Schiedsrichterkommission, die sich mit dem Thema auseinandersetzt: „Es wird sicher ein Weg gefunden, der den Fußball für alle fairer machen wird.“ Eine erste Analyse aus den Niederlanden, wo die Technik bei rund 100 Spielen der Ehrendivision getestet worden war, kommt zu einem positiven Ergebnis: Der Videobeweis wäre bei jeder dritten spielentscheidenden Situation sinnvoll gewesen.

von Holger Schmidt

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