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Duell der "besten Nachbarn in Europa"

Fußball-EM Duell der "besten Nachbarn in Europa"

Wenn Deutschland und Frankreich heute bei der EM aufeinandertreffen, ist es für François Hoffmann ein besonderes Spiel in mehrfacher Hinsicht. Der gebürtige Franzose aus Speckswinkel ist während der Partie in Paris.

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François Hoffmann lehnt an seiner Gartenhütte, an der ein Auto-Schild mit der Aufschrift „France“ angebracht ist.

Quelle: Peter Gassner

Speckswinkel. Eigentlich ist Fußball nicht das Spezialgebiet von François Hoffmann. Zwar verfolgt der 58-Jährige die Ergebnisse von Hannover 96 - seine Frau stammt aus Hannover -, doch Spiele sieht er sich nur selten an. „Ein Eichhörnchen hat vermutlich mehr Ahnung als ich“, scherzt er in Anlehnung an das „Eichhörnchen-Orakel“ eines hessischen Radiosenders. An der Europameisterschaft in seinem Heimatland kommt aber auch Hoffmann nicht ganz vorbei.

Das Halbfinale der französischen Mannschaft gegen das deutsche Team „werden wir mit Sicherheit gucken“, sagt er. „Wir“ - das sind er und seine Kollegen eines global agierenden Kfz-Teile-Händlers. Hoffmann ist dort zuständig für Geschäfte mit dem französischsprachigen Ausland und somit auch häufig in der „Grande Nation“ unterwegs. Auch in dieser Woche. Während des Spiels ist Hoffmann in der Hauptstadt Paris.

Nicht nur auf der Fanmeile am Eiffelturm, sondern auch in zahlreichen Cafés in der ganzen Stadt wird die Stimmung entsprechend ausgelassen sein. Spätestens mit dem 5:2 im Viertelfinale gegen Island ist die Euphorie rund um die „Équipe Tricolore“ entfacht. Selbstbewusst gehen die Franzosen nun in das Duell mit dem Weltmeister. Der Respekt vor Deutschland sei jedoch trotzdem groß, sagt Hoffmann. Trotz aller Verbindungen zu Deutschland drückt er den Franzosen die Daumen, denn „es macht einen schon stolz, wenn das eigene Land gewinnt“.

Seit 25 Jahren in Speckswinkel

Sein deutscher Vater kam als Kriegsgefangener ins Elsass, das Jahrhunderte lang Streitpunkt zwischen den beiden Nationen war. Dort wuchs François Hoffmann auf, bis er 1978 mit dem Vater und der französischen Mutter zurück nach Deutschland kam. Seit 25 Jahren lebt er nun in Speckswinkel. Aufgrund vieler Geschäftsreisen hat er aber weiterhin Einblick in das Seelenleben Frankreichs.

Im Vorfeld der Europameisterschaft war die Stimmung sehr angespannt, weiß er zu berichten. Aufgrund der Terrorgefahr ist schon seit mehr als einem Jahr der Ausnahmezustand verhängt. „Überall an den Flughäfen steht nun das Militär mit Maschinenpistolen. Früher standen dort nur Polizisten“, schildert er. Wie alle Franzosen sei er daher froh, dass während der Europameisterschaft noch nichts passiert ist. Mit Ausnahme des Polizistenmordes in Magnanville hat es keine Terroranschläge gegeben - das befürchtete Blutbad blieb bisher aus. Unter anderem deswegen glaubt Hoffmann, dass die EM als „gelungenes Turnier“ gelten könne.

Hässliche Szenen der Fanrandale, wie zu Beginn etwa bei der Partie England gegen Russland, gebe es nun ebenfalls nicht mehr. Stattdessen hätten beispielsweise die Isländer mit ihrem sympathischen Auftreten das Bild der EM geprägt. „Schade, dass die Isländer ausgeschieden sind“, so Hoffmann. Die Partie der Franzosen gegen die „Wikinger“ anzuschauen, habe jedenfalls eine Menge Spaß gemacht. Island sei eben ein Team - „und ein richtiges Team ist immer stärker als einzelne gute Spieler“, sagt er. Unter diesem Gesichtspunkt sei auch die Nichtberücksichtigung Karim Benzemas richtig. Der Stürmer von Real Madrid fehlt bei der EM aufgrund einer Erpressungaffäre gegen seinen Nationalmannschaftskollegen Mathieu Valbuena.

Gute Erinnerung an 1998

Vor dem Halbfinale träumt die Grande Nation jetzt ohne Benzema vom Titel. „Das Gastgeberland hat oft einen Vorteil - das könnte diesmal vielleicht auch klappen“, hofft auch der Elsässer. Bei der letzten Europameisterschaft in Frankreich hatte es geklappt. 1984 wurden die Franzosen Europameister - 14 Jahre später bei der Weltmeisterschaft holten sie ebenfalls den Titel als Gastgeber. An den Tag des Endspiels 1998 kann sich Hoffmann noch gut erinnern. Nachdem Frankreich Brasilien mit 3:0 geschlagen hatte, „haben wir Krach gemacht und mit den Nachbarn gefeiert“, erzählt er.

Damit es auch diesmal etwas zu feiern gibt, muss Frankreich aber erst einmal Deutschland schlagen. Auch eine Niederlage wäre für die Franzosen aber kein Weltuntergang, glaubt Hoffmann. Zum einen sei Fußball zwar auch in Frankreich die beliebteste Sportart, habe aber nicht die herausragende Stellung wie in Deutschland. So sei auch Rugby sehr populär, und „die Tour de France verfolgen im Moment wahrscheinlich mehr Menschen als die EM-Spiele“. Zum anderen sei eine Niederlage gegen Deutschland keine besondere Schmach. Trotz der blutigen Vergangenheit beider Länder gehe es in der Partie nicht um besonders viel Prestige. „Im Elsass gibt es Familien, bei denen ein Sohn auf deutscher Seite und ein Sohn auf französischer Seite im Krieg gefallen sind. Umso wichtiger ist, dass es heute die deutsch-französische Freundschaft gibt.“ Frankreich und Deutschland - das seien inzwischen „die besten Nachbarn in Europa“.

von Peter Gassner

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