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Die Welt der Eintracht-Fans

Europa-League-Spiel Die Welt der Eintracht-Fans

OP-Sportredakteur Michael E. Schmidt begleitete 189 Fans der Frankfurter Eintracht, die meisten Mitglieder des Fanclubs Adlerhorst Stadtallendorf, auf dem Weg nach Porto und zurück.

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Porto/Marburg . 19.15 Uhr Ortszeit (20.15 Uhr deutscher Zeit), noch 50 Minuten bis zum Anpfiff. Wir sitzen im Restaurant-Bereich des  „Zon-Lusomundo“, einem großen Einkaufszentrum, drei Minuten Fußweg entfernt vom Ort des eigentlichen Geschehens, dem „Estádio do Dragão“. Wir, das sind Werner Fleckna, Manager des Fanclubs Adlerhorst, Albert Lembach, Ehrenpräsident desselben, Alexander Usinger, Eintracht-Fan aus Wehrda und der Person, die berufsbedingt neugierig ist und alles wissen will.
Warum das alles?

„Warum tut Ihr Euch das an?“ Mit „das“ meine ich: morgens mit dem Bus von Stadtallendorf über Marburg nach Frankfurt, einchecken, drei Stunden Flug, auschecken, 45 Minuten mit der Metro zum Stadion, kurz was essen (auf das Trinken komme ich noch zurück), rein ins Stadion, Spiel verfolgen (oder auch nicht), möglicherweise aufgrund einer zu erwartenden Niederlage gegen den Ex-Champions-League-Sieger leiden, mit dem Bus zurück zum Flughafen, zwei Stunden warten, einchecken (2 Uhr Ortszeit), knapp drei Stunden Flug, rein in den Bus bis nach Marburg und Stadtallendorf. Fertig, das war‘s! Manche sind gar fix und fertig!
Also nochmal die Frage: warum? Die Antwort ist viel kürzer  als erwartet: „Weil es genau das ist, was die ganze Sache ausmacht. Das ist unsere Welt!“, sagen die Fans.

Wechselbad der Gefühle

Und erlebt haben sie ein  ebenso unterhaltsames wie katastrophales Wechselbad der Gefühle.
Begonnen hat es im Frankfurter Flughafen, das mit den Gefühlen. Immerhin hat sich das Fernsehen angekündigt, Interviews vor laufender Kamera. Das hat ihnen gefallen. Das hat sie ins rechte Licht gerückt. Fangesänge, ein Loblied auf ihren Leader, den Werner Fleckna, bei inzwischen 133 von 135 Fahrten, die er allesamt nicht nur für seine Adlerhorst-Fans organisiert hat, dabei. Prächtige Stimmung beim Einchecken – das Flughafen-Personal spielte mit. Der emotionale Aufgalopp ist gelungen. So kann es weitergehen.

Ging es auch – und wie! Steward und Stewardess begrüßen die inzwischen im Flugzeug eingetroffenen Fans. Und die grüßen zurück – auf ihre Weise. Dass ob der musikalischen Gewalt der Fangesänge die Fenster des Fliegers nicht aus den Angeln gehoben wurden, sei nur am Rande erwähnt.
Die richtige Show sollte aber noch folgen. Im Blickpunkt steht Steward Antonio. Er soll das vorführen, was die Stewardess ihm übers Mikro sagt – die üblichen Sicherheitshinweise vor dem Abheben der Maschine.
Es vergehen keine 60 Sekunden, und Antonio kommt aus dem Lachen nicht mehr raus. „Zieh, zieh, zieh, zieh, ...“, skandieren nahezu alle 189 Fans im Flieger einträchtig, nachdem er aufgefordert wurde, zu zeigen, wie man die Stöpsel der Schwimmweste betätigt. (Lach-)Tränen-überflutet gibt er wenig später fast auf. Er erklärt unter ohrenbetäubendem Lärm noch kurz das eine oder andere – man hat das Gefühl, in einer Live-Comedy-Show vom Feinsten zu sitzen. Mario Barth und Co. sind nichts dagegen, aber auch gar nichts.

Ich lach‘ mich schlapp

Schade, die Show wird abgebrochen, das Cockpit meldet sich zu Wort: „Bitte die Klingeln nur im Notfall benutzen“, teilt der Pilot mit. Das war ein großer Fehler. So viel Klingeln habe ich jedenfalls bei all meinen Flügen zusammengerechnet niemals vernommen. Gut, denkt sich die Crew, dann versuchen wir es eben mal mit der Ansage: „Bitte Platz nehmen und anschnallen!“ Hahahaha ... Platz nehmen?  Ich lach‘ mich schlapp! Die eine Schlange reicht von der Mitte des Flugzeugganges in Richtung Toilette in der Nähe des Cockpits; die andere von der Mitte bis zum Ende des Flugzeugs – dort ist auch eine Toilette.
Am Rande sei erwähnt, dass das Bier, das im Flugzeug verkauft wurde, binnen weniger Minuten ausverkauft war. Um es kurz zusammenzufassen: Es geht dennoch alles gut. Auch dieser Flieger ist sicher gelandet – Antonios  (Lach-)Tränen waren inzwischen getrocknet, der Schweiß, der dem einen oder anderen nicht nur auf der Stirn steht, demgegenüber unübersehbar. Ins Schwitzen kommen die Eintracht-Fans noch mehrere Male.

3 000 stehen draußen

Noch fünf Minuten bis zum Anpfiff — und das Unfassbare trifft ein: Rund 3 000 der etwa 7 000 angereisten Eintracht-Fans sind noch nicht im Stadion. Sie alle stehen vor Einlasstor 21, obwohl sie Tickets für 18, 19 und 20 haben. Die aber sind abgeriegelt, ebenso wie  die 21. Sicherheitskräfte lassen keinen mehr rein. Keiner weiß, warum.
Alle Nachfragen bleiben erfolglos.

Die ersten Fans werden ungeduldig. Die chaotische Situation droht zu eskalieren. Manch einer geht im wahrsten Sinne des Wortes auf die Barrikaden.
Schließlich schreitet die Polizei ein und öffnet vernünftigerweise die Tore. Dass viele Eintracht-Fans zwischen 6 und 30 Minuten des Spiels verpassen, sollte der Uefa nicht egal sein. Der Ärger ist verständlicherweise groß, die Laune mitunter im Keller.

Die Fan-Uhr steht still

Noch tiefer rutscht sie nach dem 2:0 für den FC Porto. Für einen  Moment scheint die Fan-Uhr stehen zu bleiben. Es ist mucksmäuschenstill. Doch Sekunden später geht das weiter, was in Halbzeit eins nicht enden wollte: Die Anhänger peitschen ihre Eintracht nach vorn, ein Sprechchor jagt den nächsten.
Und als schließlich das 2:2 fällt, hat man das Gefühl, Ostern und Weihnachten fallen auf einen Tag. Darauf muss doch angestoßen werden, oder? In der Tat! Deshalb soll auch an dieser Stelle eines nicht unerwähnt bleiben: Das Flugzeug soll ja der Ort sein, wo am meisten Tomatensaft  getrunken wird. Tomatensaft? Ja genau, dieses Getränk, das sonst nur in Reformhäusern oder alle Schaltjahre in ausgewählten Restaurants mit vegetarischer Karte vorkommt. Und ausgerechnet im Flugzeug wird es getrunken, als wäre es das Getränk schlechthin. Warum ich das erwähne? Weil auch Eintracht-Fans Tomatensaft trinken – und das in Richtung Porto und zurück nicht zu knapp – sieht man mal vom Bierchen ab ...

von Michael E. Schmidt

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