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Die Schürfwunden gibt‘s gratis

Thema Hartplätze Die Schürfwunden gibt‘s gratis

Wegen der Verletzungsgefahr spielen viele Fußballer lieber auf Rasen als auf braunem Sand. Die Kosten für einen Umbau können vor allem kleine Vereine kaum stemmen. Außerdem hat ein Hartplatz auch handfeste Vorteile.

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Auch im Kirchhainer Stadtteil Emsdorf wird bei schlechtem und nassem Wetter auf dem Hartplatz gespielt – so geschehen am vergangenen Sonntag gegen Hatzbach.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Vielen Amateurfußballern vergeht die Lust auf das Spiel schon dann, wenn sie sich dem Sportplatz mit der roten Oberfläche nur nähern. Beim Anblick eines Hartplatzes denken viele Spieler sofort an Schürfwunden oder durchmatschte Trikots, wenn es die Tage vorher wieder geregnet hat. Nein, Hartplätze sind wahrlich alles andere als beliebt.

Immerhin sind die „klassischen“ Bolzplätze, die mit schwarzer vulkanischer Asche überzogen waren, mittlerweile fast überall verschwunden, nachdem bei einigen eine hohe Belastung mit Schadstoffen festgestellt wurde.
Hartplätzen wird auch immer wieder nachgesagt, bei ihnen sei das Verletzungsrisiko im Vergleich zu Rasen- oder Kunstrasenplätzen ungleich höher. Studien zeigten aber überraschend, dass es im Bereich der schweren Verletzungen keinen nennenswerten Unterschied gibt. Gerade auf Hartplätzen mit besonders steiniger Oberfläche treten jedoch kleinere Verletzungen wie Schürfwunden und Prellungen häufiger auf. Jeder, der in einer kurzen Hose schon einmal zur Grätsche angesetzt hat, kann davon ein Lied singen. Im schlimmsten Fall droht sogar eine „Schmutztätowierung“, wenn färbende Partikel durch die Wunden unter die Haut gelangen und nicht rechtzeitig entfernt werden.

Kosten von mindestens 200 000 Euro einplanen

Warum schaffen sich die Vereine, die heute noch auf Hartplätzen spielen, also nicht einfach einen Rasenplatz an? Der Hauptgrund dafür sind die enormen Kosten, die gerade für kleine Vereine kaum zu stemmen sind. Soll ein vorhandener Hartplatz nur zum Rasenplatz umgewandelt werden, muss eine Summe von mindestens 200 000 Euro eingeplant werden. Bei einem völligen Neubau sind die Kosten ungleich höher, weil dann noch die Drainage neu angelegt werden muss und andere Vorrichtungen gebaut werden müssen, etwa Ballfangzäune. In diesem Fall kann sich die Summe verdoppeln.

Von den hohen Kosten für die Vereine einmal abgesehen, bringen Hartplätze aber auch handfeste Vorteile mit sich. Sie sind wesentlich weniger anfällig für witterungsbedingte Einflüsse, wodurch es seltener zu Spielabsagen kommt. Da sie von Natur aus robuster sind, können sie auch häufiger genutzt werden.

Ein Planungsbüro aus Bremerhaven rechnete vor Kurzem vor, dass Hartplätze pro Jahr im Durchschnitt 1 200 Stunden bespielt werden können, Rasenplätze dagegen nur 400 Stunden. Gerade Vereine, die mit vielen Mannschaften an den Start gehen, können durch einen Hartplatz sicherstellen, dass der Spiel- und Trainingsbetrieb gewährleistet ist.

Trotz dieser Vorteile stand für Walter Ruth vom FC Oberwalgern fest, dass sein Verein einen Rasenplatz dringend benötigt. In einigen Wochen soll endlich der Umbau des von Freund und Feind gefürchteten Hartplatzes beginnen, je nach Witterung sollen dann bereits im Spätsommer die ersten Spiele auf dem neuen Grün stattfinden. „Wir hatten auch schon Spieler, die zu uns gesagt haben, dass sie nicht zu uns wechseln würden, solange wir auf unserem alten Platz spielen“, berichtet Ruth. Auch für ihn waren die Kosten das größte Problem, insgesamt kalkulieren sie in Oberwalgern für das Bauprojekt mit einer Summe von einer viertel Million Euro. Gut 100 000 Euro davon kommen aus Drittmitteln von Gemeinde, Landessportbund und der Sportförderung Hessen. Der Rest muss in Eigenleistung erbracht werden.

„Da kam dann die Idee der Platzpaten ins Spiel“, erklärt Ruth weiter. Für fünf Euro konnten private Gönner eine symbolische Patenschaft für einen Quadratmeter des neuen Platzes erwerben. Ruth und seine Mannen ließen Flyer drucken, die sie im Dorf verteilten. Mit Erfolg: So konnte neben zahlreichen Privatpersonen auch die ortsansässige Feuerwehr zu einer großzügigen Spende bewegt werden, auch einige Firmen finden sich auf der langen Liste der Paten.
Mit dem neuen Platz kommen aber auch neue Aufgaben auf den Verein zu. Hartplätze haben neben ihrer Robustheit nämlich noch einen weiteren Vorteil: Sie haben wesentlich weniger Pflege als Rasenplätze nötig. Denn Rasen will gedüngt, gemäht und bewässert werden, auch Maulwürfe stellen die Platzwarte regelmäßige vor Probleme.

Weitere Alternative ist der Kunstrasen

Eine Alternative zum Hart- und Rasenplatz bietet der Kunstrasen. Dieser benötigt noch weniger Pflege als ein Hartplatz, selbst die Linienmarkierungen sind dauerhaft vorhanden und müssen nicht vor jedem Spiel per Hand erneuert werden. Auch die Belastbarkeit ist spürbar höher, bis zu 2 000 Stunden im Jahr kann solch ein Platz bespielt werden. Beim Kunstrasen bildet aber der Preis die größte Hürde. In den günstigsten Varianten schlägt er mit rund 350 000 Euro zu Buche. Als in Michelbach vor zwei Jahren der neue Platz gebaut wurde, musste dafür sogar die stattliche Summe von 524 000 Euro aufgebracht werden.
Aber egal, ob Kunst- oder Naturrasen, die meisten Amateurfußballer wollen nicht auf einem Hartplatz spielen. Doch oft geht es nicht anders, denn während in Oberwalgern einer der letzten Hartplätze aus dem Kreis Marburg verschwindet, tragen in der Kreisliga B Biedenkopf 9 von 16 Mannschaften ihre Heimspiele noch auf hartem Untergrund aus – Schürfwunden inklusive.

von Thomas Engelmann

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