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Die Phantompunkte von Marburg

Basketball Frauen, EM-Qualifikation Die Phantompunkte von Marburg

Das Länderspiel Deutschland gegen Ukraine wird als ein denkwürdiges in die Basketball-Geschichte eingehen. Nicht wegen der 64:66-Niederlage, sondern wegen dreier Punkte der Ukraine, die es nie gegeben hat.

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Der Ball geht durch die Reuse geht, diese Punkte zählten zurecht. Der Liveticker wies hingegen Ungereimtheiten auf.

Quelle: Foto: Nadine Weigel / Montage: Ricarda Schick

Marburg. Es gibt Entscheidungen, die unfassbar ungerecht und aus Fairplaygründen nicht nachvollziehbar sind. Am 18. Oktober 2013 traf Leverkusens Stürmer Stefan Kießling im Fußball-Bundesligaspiel bei 1899 Hoffenheim durch ein löchriges Außennetz zum 1:1. Das Tor wurde gegeben, Bayer gewann anschließend mit 2:1. Hoffenheim legte vergeblich Protest ein. Der Deutsche Fußball-Bund vermied in seinem Urteil die Konfrontation mit Weltverband Fifa, die Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters hatte Bestand - auch der öffentliche Aufschrei der Entrüstung änderte daran nichts.

Wernthaler hält Fehler für „rechtlich irrelevant“

25. November 2015: Die Ukraine gewinnt in Marburg das EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland mit 66:64 - obwohl die Osteuropäerinnen nur 63 Punkte erzielt hatten (die OP berichtete). Das Kuriose: Die Phantompunkte von Marburg ließen die Verantwortlichen beim Deutschen Basketball-Bund (DBB) ziemlich kalt. Direkt nach der Niederlage sagte Bundestrainer Bastian Wernthaler, dass er nicht an ein Wiederholungsspiel glaube. „Natürlich schauen wir uns das an“, sagte Wernthaler. Ein möglicher Protest sei Sache der Juristen beim Verband, er selbst halte die möglichen Fehler aber für „rechtlich irrelevant“. Selbst mitbekommen hatte Wernthaler die Unstimmigkeiten nicht.

Vize-Präsident Armin Andres, der in der Halbzeit die frühere Marburgerin Tina Menz nach Beendigung ihrer Nationalmannschaftskarriere ehrte, sagte am Donnerstag: „Da ist etwas passiert.“ Er selbst habe sich direkt nach Spielende auf den Heimweg begeben und wisse deshalb nicht, was besprochen wurde.

Videoanalyse durch Co-Trainer

„Das Trainerteam ist beauftragt worden, die Videoanalyse des ersten Viertels zu machen“, erklärte Teammanager Jochen Buschke. Denn: „Wir haben auch Unregelmäßigkeiten festgestellt.“ Co-Trainer Steffen Brockmann sprach während des Spiels die englische Kommissarin Alison Muir am Anschreibetisch an. Diese habe ihm die Richtigkeit des Spielstandes (10:15 statt eigentlich 10:12) versichert. „Wir müssen uns auf die Kommissarin verlassen, dass sie ihren Job vernünftig macht“, sagte Buschke Donnerstag.

Brockmann wollte sich am Donnerstagabend das Video vornehmen (seine Analyse lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor). Im Vorfeld sagte er: „Ich werde mir noch einmal genau anschauen, ob die Punkte richtig aufgeschrieben wurden. Wenn sich die Unregelmäßigkeiten bewahrheiten, die mir aufgefallen sind, schreibe ich einen Bericht an den DBB - dort wird dann entschieden, ob wir in dem Fall noch etwas unternehmen.

Die Chancen auf ein Wiederholungsspiel sind - wie im Fall Kießling - ohnehin nicht groß. Zumal es der DBB nach OP-Informationen versäumte, im Spielberichtsbogen einen Vermerk des Protestes notieren zu lassen. Einen Einspruch habe man deswegen nicht eingelegt, weil das Geschehene „zu diesem Zeitpunkt nicht nachzuvollziehen war“, erklärte Brockmann.

Regeln schreiben Protestdirekt nach Spielende vor

Die Regeln des internationalen Basketballverbandes (Fiba) besagen jedoch, dass der Schiedsrichter unmittelbar nach Spielende über einen Protest informiert werden muss - zur Aufklärung ist dann unter Umständen später auch Videomaterial zur Beweisführung zugelassen.

Was war passiert? Katharina Fikiel traf am Brett mit Foul und mit dem anschließenden Bonusfreiwurf zur 5:4-Führung Deutschlands. Alina Iagupova konterte anschließend einen Dreier zum 7:5 für die Ukraine. Auf der Anzeigetafel hieß es jedoch 7:6. Nach Diskussionen zwischen den Schiedsrichtern Vilius Maciulaitis (Litauen), Ilona Kucerova (Tschechien), Vincent Delestrée (Belgien), das Kampfgericht am Anschreibetisch und der Kommissarin wurde dies geändert - fälschlicherweise auf 5:8 aus deutscher Sicht. Wenig später führten die Gäste nach einem Dreipunktspiel von Iagupova mit 13:8 (eigentlich 12:8). Svenja Brunckhorst erhielt zwei Freiwürfe. Vor der Ausführung nahmen die Schiedsrichter eine Auszeit. Erneute Diskussionen folgten, Brockmann trat wie beschrieben auf den Plan, letztlich wurde die Anzeige auf 15:8 geändert - der zweite Fehler und die nächsten Phantompunkte für die Ukraine. Es hätte 12:8 heißen müssen.

Liveticker zeigt Ungereimtheiten

Auch der (inoffizielle) Liveticker auf der Internetseite des Weltverbandes - oben zwei Screenshots - liefert Hinweise auf die Ungereimtheiten. Da treffen Iagupova und Dorogobuzova genau zeitgleich (!) zum 6:5 und 8:5. Und da trifft Iagupova nach einem Defensivrebound der Deutschen zum 15:10 für die Ukraine. Für die BC-Mitglieder, die am Anschreibetisch die Punkte sowohl online als auch auf Papier für die Fiba führten, sicher kein Ruhmesblatt. Erst recht aber nicht für die Kommissarin Muir aus England, die für die Aufgabe angesetzt wurde, die Richtigkeit der Angaben zu kontrollieren.

Die Diskrepanz, die zunächst zwischen den eingetragenen Angaben online und auf Papier entstand, wurde offensichtlich auf Weisung der Fiba-Offiziellen angepasst. Thomas Henning, der die Anzeigetafel stellte, berichtete am Donnerstag, er habe den Punktestand zweimal an den offiziellen (elektronischen) Spielberichtsbogen angepasst. Er habe sich in beiden Fällen an die Kommissarin gewandt und gefragt, ob der entsprechende Stand richtig sei - dies sei bejaht worden.

„Die genauen Abläufe müssen noch nachvollzogen werden“, sagte Henning und bezog sich dabei wohl auf die Videoanalyse durch Brockmann. Der Co-Trainer selbst glaubt aber unabhängig von deren Ergebnis nicht an eine Konsequenz. „Die einzige Auswirkung wäre wohl, dass wir dann moralisch geknickt sind. Denn was ohne diese drei Punkte passiert wäre, kann sich ja jeder ausrechnen.“

Backes: Rolle der Kommissarin unglücklich

Für Verständnis warb Björn Backes aus dem Vorstand des BC Marburg: „Eigentlich ist es ein sehr gutes, erfahrenes Kampfgericht, bei dem es in der Bundesliga überhaupt keine Probleme gibt.“ Das europäische System mit anderen Anschreibebögen (online und Papier) sei nun zum ersten Mal im Wettkampf verwendet worden. „Fehler passieren. Natürlich ist es nicht gut, wenn sie nicht sofort korrigiert werden“, sagte Backes. „Die Kommissarin ist ja dafür da, solche Sachen zu überwachen.“ Ihre Rolle bezeichnete Backes als „unglücklich“. Die Befürchtung, dass diese Panne negativ auf den BC Marburg zurückfalle, habe er nicht.

  • Der BC spielt am Sonntag (16 Uhr) in der Bundesliga gegen Osnabrück. Ausführlicher Vorbericht in der Samstagausgabe.

von Holger Schmidtund Peter Gassner

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