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Lokalsport Lsbh: "Sport muss ein Hauptfach sein"
Sport Lokalsport Lsbh: "Sport muss ein Hauptfach sein"
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00:19 06.12.2018
Landessportbund fordert mehr Sportunterricht. Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Nicht mangelhaft, nicht ausreichend, aber auch nicht gut: Wenn Arno Bernhardt den Zustand des Schulsports im Landkreis Marburg-Biedenkopf eine Note ausstellen müsste, dann wäre es eine 3 – also befriedigend. „Ausbaufähig“, bringt es der Leiter des Schulamtes für den Kreis Marburg-Biedenkopf auf den Punkt – und er kennt die Probleme des Schulsports nur zu gut.

Zum einen sind dies die mangelnden räumlichen Kapazitäten beziehungsweise fehlende Hallenzeiten. „In Marburg haben manche Hallen eher die Fläche größerer Wohnzimmer. Die Streuung der den Klassen zur Verfügung stehenden Hallenteilgrößen reicht von etwa 110 Quadratmeter bei der Geschwister-Scholl-Schule bis 400 Quadratmeter bei der Sporthalle der Kaufmännischen Schulen“, veranschaulicht Silke Malkus, Sportlehrerin der Elisabethschule und seit 2012 Schulsportkoordinatorin der Stadt Marburg.

Es fehlen Sportlehrer

Das zweite größere Problem: fehlendes Personal. Es mangelt an Sportlehrern – vor allem an Grundschulen. Die Folge ist, dass es so mancher Schule schwerfällt, auch tatsächlich drei Stunden Sportunterricht  pro Woche anzubieten.
Im April 2017 fand der Landessportbund Hessen (lsbh) bei einer Erhebung heraus, dass im Kreis Darmstadt-Dieburg in knapp 71 Prozent aller Fälle die dritte Sportstunde nicht stattfand, berichtet Dr. Frank Obst, Geschäftsbereichsleiter Schule, Bildung und Personalentwicklung beim lsbh.

„Die Folge war, dass das Hessische Kultusministerium bei den Schulen nachgefragt hat“, sagt Obst. Mit dem Ergebnis, dass so gut wie nirgendwo die dritte Sportstunde ausgefallen sei. „Etwas skeptisch“ aufgrund dieses Ergebnisses ist Obst schon, weil bezweifelt werden könne, ob Schulen in der sogenannten Lehrer- und Schüler-Datenbank (LUSD) auch alles so melden, wie es tatsächlich ist. Frank Obst zumindest spricht von „keinen belastbaren Daten“.

"Bewegte Pause" ersetzt die dritte Sportstunde

Genaue Daten für den hiesigen Landkreis, an wie vielen und welchen Schulen die dritte Sportstunde nicht stattfindet, gebe es laut Arno Bernhardt nicht. „Die im Meldesystem angegebenen Daten sind nach Schulklassen aufgegliedert. Mit statistischen Mitteln sind sie extrem schwierig zu erfassen“, begründet der Schulamtsleiter, der aber betont: „Mir liegen keine Beschwerden von Schulelternbeiräten vor, dass es irgendwo dauerhaft Probleme mit dem Schulsport-Angebot gibt.“ Womöglich auch, weil einige Schulen dabei – wohl oft notgedrungen – in die Trickkiste greifen.

So sei es auch möglich, die dritte Sportstunde als sogenannte „bewegte Pause“ anzubieten. Dabei werden zum Beispiel Räumlichkeiten mit Bewegungsangeboten und einer Aufsichtsperson zur Verfügung gestellt. Während Obst die „bewegte Pause“ kritisch sieht, ist sie für Bernhardt eine Art „Notbehelf“; allerdings eine Möglichkeit, die nach der Verordnung über die Stundentafeln für die Primarstufe und die Sekundarstufe I eine „für uns zulässige und gültige Interpretation“ sei.

Sogenannte Kontingentstundentafeln legen bei der Stundenplangestaltung fest, wie viele Wochen- und Jahresstunden in den jeweils zusammengefassten Jahrgangsstufen zu erteilen sind. Über die Verteilung auf die Jahrgangsstufen und Unterrichtsfächer entscheidet die Schulkonferenz nach Anhörung des Elternbeirats. Für Bernhardt ist vor allem Paragraf 2, Absatz 2, der genannten Verordnung entscheidend. Darin heißt es: „Unterricht in anderen Formen wie Projektunterricht, epochalisierter Unterricht, Wochenplanarbeit, Betriebspraktika und Exkursion wird auf die Kontingentstundentafeln und Jahresstundentafeln entsprechend angerechnet.“

Wissenschaftler plädiert für mehr Schulsport im Freien

Klar sei laut dem Schulamtsleiter aber auch, dass langfristig über andere Lösungen nachgedacht werden müsse. Angesichts leicht steigender Schülerzahlen und der Rückkehr zu G 9 kommt Bernhardt zu dem Schluss: „Auf Dauer muss die Stadt Marburg als Schulträger über die Ausweitung des Sportstättenangebots nachdenken.“ Heißt im Klartext: Es braucht neue (Sport-)Hallen. Schließlich verfügt die Stadt Marburg nach Angaben des Schulamtes allein über 13 Grundschulen, drei Gymnasien und drei berufliche Schulen.

Um übergangsweise die fehlenden räumlichen Kapazitäten zu überbrücken, bringt Professor Ralf Laging „als Zwischenlösung mehr Draußensport“ ins Spiel. „Wir sind sehr fixiert auf normierte Sportstätten. Dabei gibt es viele Zwänge, die es erforderlich machen, findig zu sein. Wir müssen über Normierungsgrenzen nachdenken“, fordert der Leiter des Arbeitsbereichs Bewegungs- und Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft und Motologie der Philipps-Universität Marburg. Laut Malkus werde im Freien unterrichtet: Orientierungsläufe, Feldhandball oder Frisbee sind nur einige Beispiele. „Bestimmte Dinge gehen aber nur drinnen, und das Wetter muss es auch zulassen.“

Es sollte täglich Sportunterricht stattfinden

Während vielerorts darüber nachgedacht wird, wie drei Sportstunden angeboten werden können, fordert der lsbh die „tägliche Sportstunde“ in Schulen. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass Kinder und Jugendliche pro Tag eine Stunde Sport treiben sollen, was aber nur rund ein Viertel macht. Angesichts der Tatsache, dass Sport von der ersten bis zur 13. Klasse Pflicht ist, kommt Laging zu dem Schluss: „Sport ist das größte Nebenfach unserer Schulen.“ Frank Obst fordert derweil: „Es muss aber ein Hauptfach sein.“

Der lsbh-Geschäftsbereichsleiter berichtet von einem Modellversuch vor einigen Jahren in einer Schule in Bad Homburg, die täglich Sportunterricht anbot, indem eine Kombination aus drei Fächern und eine Wochenplanarbeit gebildet wurde. „Trotz dieser Kürzungen gab es keine Leistungseinbußen in den Fächern“, sagt Obst – und mehr noch: Es habe sich gezeigt, dass die Schüler hinsichtlich ihres motorischen Niveaus auf das Niveau der Vorgeneration zurückgekehrt seien, dass vor ­allem motorisch schwache Kinder davon profitierten, dass es weniger Schulunfälle gab und dass Schüler im Regelunterricht deutlich länger aufmerksam waren. „Durch Sport wurden die Lernvoraussetzungen gestärkt, da es physiologische Anpassungserscheinungen im Gehirn gibt“, erklärt Frank Obst, der selbst zu dem Thema promoviert hat.

von Marcello Di Cicco