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Der Heimvorteil ist Kopfsache

Psychologie Der Heimvorteil ist Kopfsache

Viele Fans des Heimteams oder Reisestrapazen für die Auswärtsmannschaften sind laut Wissenschaftlern für den Heimvorteil im Fußball kaum entscheidend. Der Vorteil hat ganz andere Wurzeln.

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Jubelnde Zuschauer beim Spiel zwischen Wittelsberg und Mardorf. Der Heimvorteil liegt jedoch nicht in erster Linie an den FansFoto: Tobias Hirsch

Marburg. Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag ab nach Hause. Tür auf, Tür zu und durchatmen. Angekommen in den eigenen vier Wänden. Für den Menschen ein vertrauter Rückzugsort, an dem er sich sicher und wohl fühlt, wo er Herr der Lage ist und die Regeln bestimmt. Nicht umsonst heißt es im Volksmund: Zu Hause ist es immer noch am schönsten. Das ist jedoch nicht nur im Alltag der Fall, sondern anscheinend auch im Fußball.

In der 1.Fußball-Bundesliga gewannen die Mannschaften zwischen den Jahren 2000-2010 durchschnittlich 47 Prozent ihrer Heimspiele. Ein relativer Heimvorteil existiert also zweifellos. Laut Professor Daniel Memmert, Sportpsychologe an der Sporthochschule Köln, sei der Heimvorteil auch im Amateurfußball nachgewiesen.

Die Siegesquoten der Teams in der Gruppenliga Gießen/Marburg, der Verbandsliga Mitte und der Hessenliga für die Saison 2015/16 bestätigen dies. In allen drei Ligen, insgesamt 50 Mannschaften, liegt die Siegquote der Heimteams bei rund 45 Prozent, die Siegquote bei Auswärtsspielen in diesen drei Spielklassen zwischen 35 und 39 Prozent. Doch woher kommt dieser relative Heimvorteil?

Anzahl der Fans irrelevant

Gegenüber der OP meinten mehrere Trainer und Vereinsfunktionäre im Fußballkreis Marburg, dass die heimischen Fans ein entscheidender Vorteil seien. „Es ist bekannt, dass die eigenen Fans quasi als zwölfter Mann wirken und die Spieler nach vorne peitschen können“, sagt Jan-Peter Troeltsch, sportlicher Leiter des Verbandsligisten Blau Gelb Marburg. Das kann in Einzelfällen stimmen. Allerdings sei laut Dr. Kathrin Staufenbiel, Mitarbeiterin des Arbeitsbereichs Sportpsychologie der Universität Münster, die Anzahl an Fans völlig irrelevant.

Sie hat sich im Zuge ihrer Doktorarbeit mit dem Phänomen des Heimvorteils im Sport befasst: „Nachgewiesen ist, dass die Heimteams bei Geisterspielen ebenfalls einen Heimvorteil haben.“ Bei Geisterspielen befindet sich, meistens aufgrund von Strafen für die Heimmannschaften, kein Publikum im Stadion.

Einen indirekten Einfluss auf das Spiel haben die Fans jedoch tatsächlich. Denn parteiisches Geschrei der heimischen Fans lässt Schiedsrichter keineswegs kalt. Professor Memmert spricht von einer unbewussten Parteilichkeit der Unparteiischen, die sogar experimentell bewiesen sei. „Der Schiedsrichter nimmt die Geräuschkulisse der Heimfans wahr und wird durch diese in seinen Entscheidungen unterbewusst beeinflusst“, sagt Memmert. „Schiedsrichter werden umso mehr unbewusst beeinflusst, desto näher die Fans am Spielfeld sind. Beispielsweise gibt es dann mehr gelbe Karten für die Auswärtsmannschaft“, fügt er an.

Hessenligist Eintracht Stadtallendorf muss bei Auswärtsspielen quer durchs Bundesland touren. Haben Reisestrapazen einen Einfluss auf Fußballspiele? Laut Staufenbiel kaum. Lediglich bei „sehr langen“ Reisen, beispielsweise in andere Zeitzonen, könne sich das Reisen als negativer Faktor entpuppen.

Der „Golfplatz“ in Schröck

„Die Vertrautheit mit der eigenen Sportstätte kann ein Faktor sein. Hartplatz, Kunstrasen, echter Rasen. Die Gewöhnung der Heimmannschaften an den Untergrund auf deren Sportplatz.“, sagt Memmert. Laut Jens Otto, Pressesprecher des FSV Schröck, habe der Verbandsligist einst von diesem Faktor Kapital schlagen können. Seit vier Jahren hat Schröck einen Kunstrasenplatz. Doch davor war das Spielfeld laut Otto ein „Golfplatz mit 10000 Löchern“. Die Mannschaft habe genau gewusst, wie der Ball wo verspringt. „Die Gegner hatten richtig Bammel, wenn sie bei uns gastierten und hatten große Probleme, gegen uns standzuhalten“, erinnert sich Otto.

Doch Bodenart und Platzverhältnisse, Fanunterstützung sowie Reisestrapazen sind allesamt äußere Faktoren und hängen nur indirekt mit Spielern und Trainern zusammen. Doch genau bei denen verorten Memmert und Staufenbiel die tatsächliche Quelle des Heimvorteils und führen eine Theorie aus der Verhaltensbiologie aufs Argumentationsfeld. „Genau wie andere Tiere will der Mensch sein Territorium verteidigen“, sagt Staufenbiel. „Kinder verhalten sich bei Freunden meist lammfromm und im vertrauten Zuhause treten sie gegenüber ihren Spielgefährten weitaus dominanter auf, zeigen mehr Selbstsicherheit und Selbstüberzeugung“, sagt Memmert. Wie die eigenen vier Wände scheint der Fußballplatz als vertrautes Territorium, das es zu behaupten gilt, ein entscheidender Faktor.

Ein langer Lernprozess

Doch der Heimvorteil steckt nicht nur in der Veranlagung des Menschen, sondern ist laut Staufenbiel auch das Ergebnis eines mehrjährigen „Lernprozesses“. Bei einer Studie sei der Heimvorteil von der F-Jugend bis zum Seniorenbereich untersucht worden. „Es gibt einen ansteigenden Trend. Je älter die Spieler, desto größer die Siegeswahrscheinlichkeit. Der Heimvorteil wächst mit steigendem Alter also heran“, sagt die Dozentin.

Dies könne laut Staufenbiel so interpretiert werden, dass die Fußballer mit steigendem Alter mehr über den Heimvorteil erfahren und lernen, dass es wichtiger ist, zu Hause zu gewinnen, und dass dies von ihnen stärker erwartet wird. Außerdem werde von den Heimmannschaften häufig erwartet, dass sie das Spiel machen. Ein Umstand, der auch das Handeln der Trainer beeinflusst.

„Spieler und Trainer gehen an ein Heimspiel anders heran als an ein Auswärtsspiel. Trainer neigen dazu, ihre Mannschaften bei Heimspielen offensiver einzustellen und wollen, dass die Spieler dominant auftreten“, erklärt Staufenbiel. So habe beispielsweise eine Studie gezeigt, dass Trainer vor heimischem Publikum dazu tendieren, bei Gleichstand offensiver einzuwechseln als auf des Gegners Platz.

Anscheinend sind also äußere Faktoren kaum entscheidend. Viel eher scheint der Heimvorteil in der Natur und der Psyche der Spieler und Trainer zu stecken. „Sie setzen ihre Eindrücke in ein Verhalten um, das im Heimvorteil resultiert“, sagt Staufenbiel.

von Benjamin Kaiser

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