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Der Daniel Düsentrieb des Turnens

"System Wiemers" Der Daniel Düsentrieb des Turnens

Albert Wiemers ist nicht nur ein erfolgreicher Turntrainer, sondern auch ein Erfinder. Die Bodenfläche bei den Bundesliga-Wettkämpfen der KTV Obere Lahn ist seine Entwicklung.

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Albert Wiemers packte beim Aufbau seiner Erfindung für den Wettkampf in Marburg selbst mit an. Die Bodenfläche besteht aus etwa 300 Teilen.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Biedenkopf. Höher, schneller, weiter - das gilt auch für das Kunstturnen. Diese sportliche Entwicklung bringt den Zuschauern spektakulärere Sprünge und noch mehr Artistik. Für die Athleten nehmen aber nicht nur die Chancen zu, sondern auch die Risiken. Bestes Beispiel dafür ist Andreas Toba. Bei den Olympischen Spielen in Rio verletzte sich der Deutsche im Mannschaftsmehrkampf. Wie sich später herausstellen sollte, hatte er sich bei seiner Bodenübung das Kreuzband gerissen. Trotzdem turnte Toba zumindest noch am Pauschenpferd weiter und half seinem Team, das Finale zu erreichen. Eine Heldengeschichte. Aber eine Geschichte, auf die Toba gut hätte verzichten können.

Lieber Luftballon- als Medizinballgefühl

„Das ist der Klassiker, wie der Boden reagiert“, sagt Dr. Katja Ferger zu Tobas Olympia-Verletzung. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportwissenschaft der Uni Gießen hat sich intensiv mit den neuen Bodenflächen mit Stahlfederkonstruktion beschäftigt, die seit drei Jahren international eingesetzt werden und die einfachen Holz-Schaumstoff-Kombinationen abgelöst haben. Ihre Erkenntnis: „Der Boden verzeiht keine Fehler. Der kleinste Wackler, die kleinste falsche Landung kann zu Verletzungen führen.“

Zugriff auf offizielle Verletzungsstatistiken habe sie zwar nicht. Aber ihr subjektiver Eindruck deckt sich mit dem von KTV-Cheftrainer Albert Wiemers: Achillessehnen- und Kreuzbandverletzungen hätten in den vergangenen drei Jahren zugenommen. Bei den Sportlern komme der neue Boden zwar gut an, weil er die Turner höher in die Luft katapultiert. „Aber sie müssen auch irgendwie landen“, sagt Ferger.

An dieser Stelle kommt Albert Wiemers ins Spiel. Der Tüftler aus Biedenkopf grübelte: Irgendwie müsste es doch zu schaffen sein, die Sprunghöhen beizubehalten und dabei gleichzeitig die Kräfte zu verringern, die auf den Fuß des Turners wirken. Oder ganz anschaulich: „Wenn Sie gegen einen Luftballon treten, ist das lustig. Gegen einen Medizinball zu treten, macht keinen Spaß.“ Und die Turner sollten bei der Landung eher das Luftballon- als das Medizinballgefühl haben.

„Wir haben entsprechende Versuche gemacht“, sagt Wiemers, der Maschinenbau und Sport studiert hat und neben seinem Job als Lehrer an den Beruflichen Schulen Biedenkopf als freier Mitarbeiter im Bereich Entwicklung für die Firma Bänfer arbeitet. Das Bad Wildunger Unternehmen ist spezialisiert auf die Produktion von Sportgeräten. „Wir gucken immer über den Tellerrand hinaus“, sagt Arne Gleich. Der Bereichsleiter Turnen bei Bänfer arbeitet seit fünf Jahren mit Albert Wiemers zusammen.

Die zündende Idee lieferte dem Duo das Baugewerbe: Doppel-T-Träger. „Wir haben probiert, diese Theorie auf die Bodenfläche zu übertragen“, sagt Albert Wiemers, der das Prinzip nicht nur von der Stahlkonstruktion, sondern auch vom Skifahren kennt. Ähnlich wie beim Doppel-T-Träger werden im Ski oben und unten feste Schichten eingesetzt und in der Mitte ein Abstandhalter.

Gerät ist bereits vom Weltverband zertifiziert

Und so steckt unter der schlicht aussehenden, zwölf mal zwölf Meter messenden blauen Bodenfläche mehr Wissenschaft und Technik, als man vermuten könnte. Mit den Turnmatten aus dem Schulunterricht hat das Profigerät Boden jedenfalls nichts mehr gemein. Ganz unten Sprungfedern an einer Holzschicht, dann - als Clou - die Zwischenschicht aus Kunststoff, darüber wieder Holz und dann Schaumstoff. Darauf wird dann der Nadelfilzteppich verlegt. Fertig ist das „System Wiemers“, das die Firma Bänfer demnächst nach zwei Jahren Entwicklungsphase groß vermarkten will. „Wir haben das System zum Patent angemeldet, damit ist es geschützt“, sagt Arne Gleich. „Weil Albert Wiemers in der Szene einen guten und bekannten Namen hat, ist es für uns ein Aushängeschild.“

Die Fläche soll den Turnern mehrere Vorteile bieten: sicherere Landungen, geringere Belastungen und einfachere Umsetzung von Verbindungselementen, also mehreren Sprünge hintereinander. Und, ganz entscheidend: „Die Verletzungswahrscheinlichkeit ist hoffentlich geringer“, sagt Albert Wiemers. Allerdings fehlen für eine genauere Prognose Erfahrungswerte. Bislang wurden erst vier Bundesliga-Wettkämpfe darauf geturnt. Immerhin: Die Fläche ist bereits vom Turn-Weltverband FIG zertifiziert und damit für internationale Wettkämpfe zugelassen.

Neben der KTV Obere Lahn hat sich auch die Siegerländer KV für den Boden „made in Biedenkopf“ entschieden. Gut 300 Teile müssen dafür bei jedem Wettkampf wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. Klingt kompliziert, ist aber laut Albert Wiemers wesentlich einfacher als bei den anderen Flächen, wo massive Holzplatten und damit schwerere Materialien verwendet werden.

Das größere Augenmerk als auf dem Aufbau liegt jedoch auf den Sportlern. „Wir entwickeln etwas, das wir zuerst den Athleten vorlegen. Wir wollen wissen: Was ist gut? Was fühlt sich gut an, was nicht?“, erklärt Gleich. „Das hat oberste Priorität.“

Ein Sprungbrett war Wiemers‘ erste Erfindung

Die Bodenfläche war übrigens nicht das erste Sportgerät, das Albert Wiemers erfunden hat. Der Daniel Düsentrieb des Turnens schrieb in den 1980er-Jahren seine Examensarbeit zum Thema Sprungbretter. „Wasserspringer schrauben die Bretter nach vorne und nach hinten“, erklärt der 59-Jährige, wie er auf die Idee kam, auch im Turnen verschieden harte Sprungbretter einzusetzen.

Das Konzept ruhte lange im Schreibtisch - bis Wiemers zusammen mit der Firma Bänfer Anfang der 1990er-Jahre ein verstellbares Sprungbrett entwickelte. „Das ‚Wiemers Vario‘ ist immer noch eines der am besten laufenden Sprungbretter in unserem Sortiment“, sagt Arne Gleich. Sogar international kam es zum Einsatz - bis der FIG das verstellbare Gerät verbot. Inzwischen sind nur noch die Varianten hart und weich zugelassen.

Die Bodenfläche ist zugelassen. Und vielleicht erlebt das „System Wiemers“ ja seinen internationalen Durchbruch. In Biedenkopf ist es das nächste Mal am 19. November im Einsatz, wenn die KTV Obere Lahn gegen die Siegerländer KV möglicherweise um den Einzug ins kleine Turnfinale um die Deutsche Meisterschaft kämpft. Einen Vorteil am Boden hat die KTV dann aber nicht - schließlich kennt auch das Team aus Siegen Wiemers‘ Boden.

von Holger Schmidt

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