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Lokalsport "Positivquote" spaltet die Bundesliga
Sport Lokalsport "Positivquote" spaltet die Bundesliga
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00:16 19.03.2019
„Eine Deutschenquote allein wird für den deutschen Frauenbasketball nicht reichen“, meint Patrick Unger. Für einen guten Schritt hält der Bundestrainer ihre Einführung allemal.  Quelle: Thorsten Richter
Marburg

Die Damen-Basketball-Bundesliga (DBBL) nimmt sich ein Beispiel an der Bundesliga der Männer. Dort gilt die Regel, dass von zwölf Spielern mindestens sechs deutsche im Spieltagskader stehen müssen. Dahin steuert nun auch die DBBL, dessen Erstligavereine bei einer Sitzung in Frankfurt die Einführung einer solchen „Positivquote“ beschlossen.

Ab der Saison 2019/20 müssen demnach drei von elf oder zwölf Spielerinnen einen deutschen Pass besitzen. Bei acht, neun oder zehn Basketballerinnen auf dem Spielberichtsbogen müssen es mindestens zwei Deutsche sein. Diese Quote soll jährlich um eine Spielerin gesteigert werden, bis man 2022/23 wie bei den Männern bei der Formel 6+6 angekommen ist.

So weit die Theorie. In der Praxis gibt es aber bereits jetzt Probleme. Denn nicht alle Erstligisten stimmten für die „Positivquote“. Die Saarlouis Royals und die Rutronik Stars Keltern waren dagegen. Nicht überraschend, war es doch Keltern mit Manager Dirk Steidl, das zur Saison 2015/16 die Ausländerregelung vor Gericht kippte. Nach der bis dahin gültigen Regelung mussten immer mindestens zwei Deutsche auf dem Feld stehen.

Ein Verstoß war mit einem Technischen Foul – zwei Freiwürfe und Ballbesitz für den Gegner – geahndet worden. Fortan galt nur noch ein Gentlemen‘s Agreement unter den Vereinen, dass zumindest immer eine deutsche Spielerin auf dem Feld stehen sollte. Damals verstieß als erster Bundesligist NB Oberhausen gegen diese freiwillige Vereinbarung – angeblich aus Versehen und ausgerechnet bei einem knappen Sieg gegen Keltern.

DBBL hat keine Handhabe bei einem Verstoß

Auch bei der „Positivquote“ handelt es sich um ein Gentlemen‘s Agreement. Eine Handhabe hat die DBBL also nicht, sollte ein Verein zu wenige deutsche Spielerinnen ins Aufgebot berufen. Was passiert also, wenn sich ein Team nicht daran hält? Auf diese Nachfrage herrscht am anderen Ende der Telefonleitung sekundenlanges Schweigen. Dann sagt DBBL-Geschäftsführer Achim Barbknecht: „Ich gehe davon aus, dass wir nur Gentlemen haben.“ Man habe aber noch Zeit, Mittel und Wege zu finden, sollte sich ein Verein nicht an die Vereinbarung halten.

Nicht als Gentleman, sondern als Buhmann fühlt sich Dirk Steidl hingestellt. Dabei habe die damalige Regelung einfach nur gegen geltendes Recht verstoßen, betont Kelterns Macher. Und auch jetzt sieht er sich in die Buhmann-Rolle gedrängt. Er bekräftigt, ein Verfechter guter Nachwuchsarbeit zu sein. Aber: „Es muss nachhaltig sein und funktionieren.“ Man habe erst kurz vor der Sitzung das Konzept vorgelegt bekommen. „Dann soll man abstimmen und keiner will richtig nachdenken. Es ist klar, dass man was tun muss. Aber über das Wie muss man sich Gedanken machen.“

Laut Oliver Pohland hatte dazu eine Expertenrunde der DBBL im Austausch mit der Männer-Bundesliga getagt. Der Vorsitzende des BC Marburg war für seinen Verein bei der Sitzung dabei. „Aus unserer Sicht bräuchte es die Entscheidung nicht. Wir sind im Moment bei 8+4. Das ist ja unsere Vereinsphilosophie und das Normalste der Welt, weil es immer schon so war.“

Steidl argumentiert dagegen: „Man darf sich nicht davon blenden lassen, dass Marburg und Wasserburg viele Deutsche haben. Das kann heute so sein und morgen anders.“ Der Herner TC zum Beispiel habe vor zwei Jahren auch noch fünf deutsche Nationalspielerinnen in seinen Reihen gehabt und mittlerweile keine mehr.

Kelterns Steidl hält Quote für "total falsches Signal"

Tatsächlich hatte der Hauptrundenerste den Sieg in Marburg komplett ohne deutsche Spielerin geholt. „Ich will mich nicht heute zu etwas bekennen, dass ich morgen nicht mehr leisten kann. Ich halte es deshalb für ein total falsches Signal“, sagt Steidl.

Den BC Marburg bezeichnet er als „Vorbildverein, der geniale Nachwuchsarbeit betreibt“. Kelterns Manager prophezeit angesichts der „Positivquote“ aber: „Es wird ein Wettrüsten geben. Da wird sich auch der BC Pharmaserv Marburg wundern. Dann zahlt man die Zeche und in der Liga herrscht wieder Unfrieden. Und das will ich verhindern“, begründet Steidel, warum er gegen die neue Übereinkunft gestimmt hat.

Der BC-Vorsitzende Pohland sieht die Gefahr durchaus. Er könne es „nicht ausschließen, dass uns ein anderer Verein eine Spielerin abwirbt, weil er bessere Möglichkeiten bietet“. Das empfinde er aber als nicht schlimm. Pohlands Hoffnung: Durch mehr Wettbewerb und gesunde Konkurrenz werde die Attraktivität der Bundesliga gesteigert. Und das zum Wohle des Nationalteams. „Wenn wir perspektivisch mit der A-Nationalmannschaft etwas reißen wollen, müssen wir unseren eigenen Nachwuchs ausbilden und heranführen.“

Auch DBBL-Geschäftsführer Barbknecht betont, dass es darum gehe, deutschen Spielerinnen Entwicklungspotenzial zu geben. „Da haben wir uns als Liga klar positioniert: Wir setzen auf deutsche Spielerinnen.“ Das freut Patrick Unger, in Personalunion Bundestrainer und Coach des BC Marburg, selbstverständlich. „Ich habe immer gesagt, dass ich Fan einer Quote bin“, sagt der 36-Jährige. Zwar handele es sich nur um ein Gentlemen‘s Agreement und ihm fehle die Möglichkeit, Verstöße zu ahnden.

BC-Präsident Pohland: "Mehrzahl muss liefern"

Aber: „Ich bin erst einmal positiv gestimmt, dass es überhaupt beschlossen wurde. Ich hoffe, dass sich die Vereine daran halten.“ Es sei ein weiter Weg und ein langfristiger Plan. Aber auch in der Männer-Bundesliga habe es „ein paar Jährchen gedauert, bis es Früchte getragen hat“, sagt Unger, der aber auch weiß: „Eine Deutschenquote allein wird für den deutschen Frauenbasketball nicht reichen.“ Gewisse Standards müsse die Liga verbessern, auch um für Sponsoren attraktiver zu werden.

In diesem Punkt wird deutlich, dass die Protagonisten gar nicht so weit auseinander liegen. Kelterns Steidl findet deutlichere Worte als Unger, schlägt aber in dieselbe Kerbe: „Wir haben eine Liga, die nicht funktioniert und die sich schlecht vermarktet.“ Nachwuchsarbeit koste nun einmal Geld und Sponsoren wären nur bereit, für ein tolles Produkt zu zahlen. „Und die DBBL ist von einem tollen Produkt kilometerweit entfernt.“ Der Liga-Dachverband solle seine Hausaufgaben machen.

Diplomatischer drückt sich Oliver Pohland aus und verteidigt die „Positivquote“: Ich freue mich, dass es unabhängig von den Gegenstimmen eine positive Absichtserklärung gab. Viele haben die Hände dafür gehoben, die Mehrzahl muss jetzt auch liefern. Mein Wunsch ist, dass es die Überzeugung aller Vereine ist. Dann kann man über die eine oder andere Verletzung der Quote hinweg­sehen.“ Aus seiner Sicht ist die „Positivquote“ ein Beitrag, um die Liga mit deutschen Spielerinnen – am besten aus der Region – attraktiver zu machen.

von Holger Schmidt