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Lokalsport Die menschliche Datenkrake
Sport Lokalsport Die menschliche Datenkrake
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17:00 13.01.2019
Mit diesem Heftchen, in das der Hobbystatistiker Ergebnisse und seine Tore eintrug, fing für Bernhard Nather alles an. Der 56-Jährige sammelt leidenschaftlich gerne Daten. Quelle: Tobias Hirsch
Elnhausen

Der erste Eintrag ist datiert auf Samstag, 9. Juli,1977. „Fuldatal“ ist da zu lesen, außerdem „2:6“, eine „1“ und ein „k“. Fußball gespielt hatte Bernhard Nather schon vorher bei seinem TSV Elnhausen, „seit der kleinsten Jugend“, wie er es ausdrückt. Und sicher auch Tore geschossen. Aber seit jenem 9. Juli weiß er genau, wie viele es waren und wie er sie erzielt hat. Gegen Fuldatal – er spielte damals in der B-Jugend – verlor der TSV das Testspiel mit 2:6, Nather traf einmal, mit dem Kopf.

Wahrscheinlich gibt es in Deutschland – ach was: in der Welt! – keinen Amateurverein, der ein so exaktes und umfangreiches Archiv mit Daten und Fakten vorweisen kann wie der TSV Elnhausen. Zahlen lügen bekanntlich nicht – und Nather, der Weise, pflegt die Sammlung mit leidenschaftlicher Gewissenhaftigkeit. „Ich habe für mich selbst angefangen aufzuschreiben, was ich fußballerisch gemacht habe“, sagt er.

Zwei Jahre später, zur Saison 1979/80, erweiterte Nather sein Projekt und dokumentierte alles rund um die erste Mannschaft: Ergebnisse, Tabellen, Aufstellungen, Ein- und Auswechslungen, Torschützen. Danach forschte er rückwirkend bis zur Saison 1958/59, trug Daten aus der „Oberhessischen Presse“ zusammen, sammelte aber auch viele Informationen selbst. Nur aus vier Jahren fehlen Aufstellungen. „Es gab mal einen Trainer, Otto Weyand“, erzählt Nather eine Anekdote von seinen Recherchen. „Der hat zu jedem Spiel über jeden Spieler eine Einzelkritik geschrieben.“ Ein gefundenes Fressen für den Hobby-Statistiker, dessen Daten fein säuberlich in blauen Ordnern  in einem Regal im Vereinsheim stehen.

Wo Facebook und Google mit streng geheimen Algorithmen Informationen über ihre Nutzer auskundschaften, macht sich der TSV-Schriftführer selbst ans Werk und forscht nach. Er ist sozusagen eine menschliche Datenkrake. „Das ist mein Hobby, da verwende ich viel Zeit drauf“, sagt er. „Ich sitze wenig vor dem Fernseher, sondern mehr am Notebook und suche was. Wenn man dann alte Sachen auftreibt, ist das ein tolles Gefühl.“

Im Gegensatz zu den sozialen Netzwerken, die mit ihren Erhebungen nach Profit gieren, will er sein Wissen allgemein zugänglich machen. So hängen im Vereinsheim des TSV Elnhausen großformatige Ausdrucke. Ewige Tabellen über die meisten Einsätze für den Verein etwa. Unangefochten vorne liegt Günter Zedlack mit 676 Einsätzen in 35 Jahren. Nather selbst belegt in dieser Kategorie Platz sechs, in 26 Jahren brachte er es auf 457 Spiele (65 Ein- und 80 Auswechslungen). Der 56-Jährige würde auch heute noch gerne spielen, doch die Knie machen nicht mehr mit. So bleibt es bei seinen 74 Treffern, was in der ewigen Torjägerliste Rang zwölf bedeutet (vorne liegt Carsten Pfeil mit stolzen 350 Treffern).

Zwei Herzensvereine: TSV Elnhausen und DSFS

Doch die vereinsinterne Sammlung war Bernhard Nather nicht genug: „Ich habe gedacht, man könnte mehr machen.“ Wie passend, dass Nather in der IT-Abteilung des Landkreises arbeitet und dort auch Datenbanken programmiert! Das Fachwissen also hatte er und setzte es in seiner Freizeit in eine Fußball-Datensammlung um, die im Internet unter www.fb-archiv.de abrufbar ist und alle Daten vollständig seit dem Jahr 2001 enthält.Nicht nur für den Kreis Marburg, sondern auch für Biedenkopf, Frankenberg, Alsfeld, Dillenburg, Wetzlar und Gießen. „Früher gab es fussball.de ja noch nicht und keine Möglichkeit, die Ergebnisse und Tabellen nachher zu sehen“, erklärt er. „Ein bisschen antiquiert“, sei inzwischen die Optik der Internetseite, die er selbst vor etwa 15 Jahren erstellt hat, räumt Nather ein. „Das müsste ich mal auf modernere Füße stellen.“ Erweiterte Such- und Statistikfunktionen schweben ihm vor und eine gute Darstellung auf allen Smartphones. „Das ist eines der nächsten Ziele.“

Zumindest wenn der Tag mehr Stunden hätte. Denn der umtriebige Statistik-Fan hat vor 15 Jahren nicht nur die Internetseite aus dem Boden gestampft, sondern auch – neben dem TSV Elnhausen natürlich – „meinen Verein gefunden“. DSFS heißt dieser, es ist der Deutsche Sportclub für Fußballstatistiken. Ein Haufen von Daten-Nerds also, die Ordnung ins Zahlen-Wirrwarr bringen wollen. „Das Sammeln macht Spaß“, erklärt Bernhard Nather. „Und das Zusammenstellen der Daten, damit es schön aussieht.“ So gibt der DSFS jährlich den Hessen-Almanach heraus. Ein dickes Nachschlagewerk über die abgelaufene Saison. Für die drei Bezirke Marburg, Kassel und Darmstadt schreibt Nather selbst und layoutet die Seiten.

Wie das aussehen kann, konnten die Besucher der Marburger Hallenstadtmeisterschaften im Turnierheft begutachten. Dafür hatte Nather Statistiken zu den 34 vorigen Auflagen und sämtliche Ergebnisse und Tabellen zusammengestellt. Doch Nathers Interesse geht über den Fußball hinaus. Geschichte fasziniert den 56-Jährigen ebenfalls. An diversen Dorfchroniken zu Jubiläen wirkte Nather mit. So etwa bei 750 Jahre Dilschhausen, wo ihm aus Kirchbüchern die Namen alteingesessener Familien zugetragen wurden. „Ich habe daraus einen Stammbaum gebastelt“, erklärt Nather. Acht Meter lang und zwei Meter hoch war dieser und wurde beim Fest aufgehängt. „Am schönsten ist es, wenn die Leute davor stehen und sich dafür interessieren“, findet er.

Langweilig wird ihm auch in Zukunft nicht werden. Mit dem DSFS sitzt er an ehrgeizigen Projekten. Mit vier anderen Statistikfans arbeitet er seit drei Jahren an der Hessen-Chronik. Dokumentiert werden sollen dort alle Spiele und alle Ligen seit der Nachkriegszeit, die es jemals gab. „Das wird viel Zeit in Anspruch nehmen“, sagt Bernhard Nather nur. Es klingt bei ihm, als wäre die Fertigstellung kein Wunschtraum, sondern nur eine Frage der Zeit.

Wer alte Fußball-Dokumente hat, kann Bernhard Nather bei seiner Sammlung helfen. Telefonischer Kontakt: 0160 / 98 91 09 68.

von Holger Schmidt