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Aus der Badehose in die Richterrobe

Was macht eigentlich...? Aus der Badehose in die Richterrobe

Mit dem kühlen Nass hat er nicht mehr viel am Hut. Johannes Oesterling beschäftigt sich inzwischen vielmehr mit eher trockenen Themen.

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Johannes Oesterling im Jahr 2003 in seinem Element.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Johannes Oesterling grinste, Lars Conrad schwelgte, Stefan Herbst freute sich diebisch, und Christian Keller wurde melancholisch. Als Quartett hatten sie sich freigeschwommen, völlig unerwartet 2003 Bronze bei der Schwimm-Weltmeisterschaft in Barcelona gewonnen. „Im Grunde waren wir chancenlos“, kommentierte der damals 20-jährige Stadtallendorfer Oesterling das dramatische Finale über 4 x 200 Meter Freistil.

Mit einem couragierten Rennen legte er als Startschwimmer den Grundstein zum unerwarteten dritten Platz hinter den Favoriten Australien mit Ian Thorpe und den USA mit Michael Phelps. Oesterling, der von 2002 bis 2004 für die OP-Sportredaktion arbeitete, schwamm in 1:49,38 Minuten nur zwei Hundertstel Sekunden über seiner Bestzeit: „Das war grausam. Ich habe gesehen, dass ich als Dritter angeschlagen habe. Da habe ich mir noch nichts dabei gedacht. Ich konnte gar nicht mehr zusehen“, sagte Oesterling einst dem ARD-Reporter im Live-­Interview.

Ein Jahr später folgte der Start bei den Olympischen Spielen in Athen. Oesterling durfte im Vorlauf ran. Das Team wurde letztlich Sechster.

Bandscheiben zwingen zu Karriereende in 2005

Inzwischen sind 13 Jahre vergangen. „Dennoch vergisst man diese Erlebnisse nie. Wenn ich alte Fotos anschaue, kommen all‘ die schönen Erinnerungen hoch“, sagt Oesterling heute. Nachdem ihn seine Bandscheiben Ende 2005 dazu gezwungen hatten, die Badehose an den Nagel zu hängen, bewarb er sich um einen Studienplatz in Köln und Bochum. Bekommen hat er schließlich einen Platz in Bielefeld. Dort nahm er im April 2006 das Jurastudium auf.

Während des Studiums war er dem Schwimmsport noch rund zweieinhalb Jahre verbunden - als Schwimmtrainer beim ST Bielefeld. Dabei hat er auch seine jetzige Frau kennengelernt. „Mit ihr bin ich dann nach dem ersten Staatsexamen Anfang 2012 nach Hamburg gezogen.“ Das zweite Staatsexamen folgte im März 2014: Er hat sich bei mehreren Oberlandesgerichten als Richter beworben und schließlich im Juni 2014 eine Stelle am Landgericht in Stade erhalten - zunächst in der Strafkammer; seit nunmehr gut anderthalb Jahren ist er Zivilrichter beim dortigen Amtsgericht (Privatfoto).

Dem Schwimmsport hat er inzwischen komplett den Rücken gekehrt. „Weder schwimme ich noch selbst, noch übe ich irgendeine Beschäftigung aus, die im Zusammenhang mit dem Schwimmsport steht. Dies habe ich in Zukunft - Stand heute - auch nicht vor.“

Ungewöhnlich für einen Sportler, der sowohl an einer Weltmeisterschaft als auch an Olympischen Spielen teilgenommen hat: „Ich habe den Schwimmsport eine lange Zeit sehr gerne ausgeübt - professionell. Und wenn ich etwas mache, dann richtig mit allen Entbehrungen. So nebenher geht bei mir nicht. Das macht dann keinen Spaß“, begründet der ehemalige Schützling des damaligen TSV-Eintracht-Stadtallendorf-Trainers Wolfgang Schüddemage („Hannes hat die Fähigkeit besessen, ungemein zielgerichtet zu trainieren“) seine Entscheidung, sich nicht mehr ins kühle Nass zu stürzen, sondern stattdessen als Richter eher trockene Themen zu behandeln.

In der hiesigen Region wird man Johannes Oesterling in Zukunft wohl kaum sehen: „Ich komme leider nur noch höchst selten nach Stadtallendorf, Marburg und Umgebung. Meine Eltern wohnen ja schon lange nicht mehr dort und sonst bestehen auch kaum noch Kontakte. Eine Gelegenheit wird sich wohl erst im nächsten Jahr ergeben, dann steht mein 15-jähriges Abitur-Jubiläum an.“ Und dabei geht‘s dann bestimmt doch wieder ums kühle Nass.

von Michael E. Schmidt

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