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Auferstehung im Lahntal

Fußball Auferstehung im Lahntal

Der TSV Caldern stand im Sommer 2015 kurz vor dem Abgrund, sportlich wie existenziell. Ein Jahr später hat sich die Lage beim Lahntal-Klub gewandelt - es herrscht Zuversicht statt Tristesse.

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Peter Damian Caly (Zweiter von links) und Tobias Quentin sind Führungsspieler beim TSV Caldern. Neben ihnen präsentieren Dirk Heiner, Markus Lochner, Johann Oesterle und Mirko Wordell die Trikots der 1. und 2. Mannschaft 2016/2017. Foto: Jan Eiler

Caldern. Der Klassenerhalt - im Mai 2015 ein noch knapperer als in der vergangenen Kreisliga-A-Saison - war geschafft, doch die Spieler des TSV Caldern wussten nicht so recht, wofür dieser gut sein sollte, wem er etwas bringt. Seit kurzem grassierte das Gerücht, dass es in der Folgespielzeit mangels Kaderbreite eine Spielgemeinschaft mit dem FSV Sterzhausen geben solle. Ausgerechnet Sterzhausen! Ein nüchternes Zweckbündnis also mit der Mannschaft, gegen die die Calderner pro Saison mit zwei Teams in emotionsgeladenen Derbys antreten. Freude über den Klassenerhalt wich Abwanderungsgedanken mehrerer Spieler - zumal auch Trainer Jörg Muth wechselte.

Dann, kurz vor Saisonende, kam es zum Bruch zwischen Caldern und Sterzhausen, die Fusion scheiterte. Und so saßen im Juni 2015 ein paar Spieler aus erster und zweiter Mannschaft sowie Alten Herren im Vereinsheim zusammen: Krisensitzung mit dem Vorstand. Wer hat schon anderswo unterschrieben? Wer trägt sich mit Wechselgedanken? Wer will bleiben? Die Zukunftssorgen wurden schnell größer: Mehrere Stammspieler, darunter Torwart Paul Diehl (Wetter), Mittelfeldspieler und Top-Torschütze Nico Michel (Michelbach) und die Stürmer Jason Gantenberg (Wehrda) und Mario Müller (Wetter), kündigten an, zu anderen Teams zu gehen. Würde man also überhaupt noch eine Mannschaft stellen können?

Ein Hoffnungsschimmer: Alexander Becker und Peter Damian Caly übernehmen den Neuanfang als Spielertrainer, Carsten Kamm und Dieter Stein besetzten die Posten im Spielausschuss - dank der Neuorganisation entschlossen sich alle verbliebenen Spieler aus dem Kader, den Wiederaufbau-Weg zu gehen. Es sollte der Beginn einer Auferstehung sein, mit der an jenem Krisensitzungstag selbst große Optimisten nicht gerechnet hätten.

Vom Rumpfkader zum Knallhart-Konkurrenzkampf

Nur einer glaubte fest daran: Tobias Quentin. Er ist so etwas wie der Macher des TSV. „Ich weiß, dass es sehr blauäugig war, aber ich ahnte letztes Jahr, dass wir an diesen heutigen Punkt kommen werden“, sagt er. Der Sommer 2015 sei „nicht einfach“ gewesen. „Aber ich glaube, dass es noch nie eine solch große Entwicklung in unserem Verein gegeben hat. Caldern, ein Klub der am Boden war, brachte sich innerhalb kürzester Zeit wieder ins Gespräch.“ Binnen weniger Wochen überzeugte der 38-Jährige mehrere Spieler von dem Wiederaufbau-Weg.

Trotzdem: Es war ein Rumpfkader, mit dem Caldern in die A-Liga-Saison 2015/2016 startete. Eine Verletzung, eine Sperre, eine Absage wegen privater Termine und es war fraglich, ob angepfiffen werden konnte - zumal für die personell auf Kante genähte Reserve. Die Hinrunde lief desaströs, Vorletzter mit sieben Pünktchen aus 16 Spielen. Absturz statt Auferstehung. Der monatelange Tatendrang der Trainer und das nach dem Spielgemeinschafts-Aus gewachsene, fast schon trotzige Gemeinschaftsgefühl schien zu verpuffen. Tristesse in der Winterpause, der Abstieg schien besiegelt. So viele Neuzugänge, wurde in der Kreisliga gespottet, könne Caldern gar nicht verpflichten, die es für den Klassenerhalt braucht. Die Kritiker sollten wenige Monate später falsch liegen - es genügte eine Personalie, die Verpflichtung des Ex-Buchenauers Mirko Wick und ­eine passgenaue Rückrundenvorbereitung, um doch noch in der Kreisliga A zu bestehen. Auferstehung statt Absturz.

Spielerboom trotz fehlender A-Jugend

Und die Aufbauarbeit geht weiter: Sowohl die erste als auch die zweite Mannschaft boomen, seit Wochen vermelden die Calderner Neuzugänge. Aus etwas mehr als zwei Dutzend Spielberechtigten im Vorjahr sind im Vorfeld der am Monatsende beginnenden Saison rund 50 Aktive, die um die Stammplätze kämpfen, geworden - und das, ohne über eine A-Jugend, aus der man Nachwuchs rekrutieren könnte, zu verfügen.

Wie macht der Verein das? Ein Grund: Vor der Saison 2014/2015 wechselten drei ehemalige Spieler des TSV Marbach - der eine ähnlich ungeliebte Fusion mit dem TSV Michelbach einging - ins Lahntal. Alleine sie lotsten in den vergangenen Monaten viele weitere Ex-Klubkameraden ins Lahntal. Auch ehemalige Calderner kehrten zurück. Maßgeblich für die neue Attraktivität des TSV sind laut Tobias Quentin „frische, verrückte Ideen und Menschen, die die Muße haben, neue Wege mitzugehen. Ehrgeiz, Zusammenhalt und jede Menge Helfer.“ Die Atmosphäre, befeuert durch eine Social-Media-Offensive, hat einen Schneeballeffekt zur Folge, der vor allem junge Fußballer anlockt: Mit Demian Knaub, Maurice Marks und Fabian Bittner stehen plötzlich drei U20-Spieler im Kader. „Ein Ruck ist durch erste und zweite Mannschaft, durch Vorstand und Funktionäre gegangen“, sagt Quentin.

Die strukturelle und personelle Auferstehung soll jetzt auch sportliche Früchte tragen. „Wir haben nun Fahrwasser, nehmen Kurs zu neuen Wegen und Zielen“, sagt Quentin. Konkret: ein Mittelfeldplatz und nicht der dritte Abstiegskampf in Folge.

von Björn Wisker

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