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Lokalsport Als das Ergebnis nebensächlich war
Sport Lokalsport Als das Ergebnis nebensächlich war
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10:02 22.02.2018
Mit 83 Jahren immer noch regelmäßig an der Platte und für Stadtallendorf in der Kreisklasse aktiv: Alois Eller. Quelle: Michael Hoffsteter
Stadtallendorf

Sein größter sportlicher Erfolg liegt schon mehr als 50 Jahre zurück. Mit den Tischtennisspielern des TSV Eintracht Stadtallendorf, der jetzt als TTV Stadtallendorf firmiert, schaffte Alois Eller den Aufstieg in die Gruppenliga. Heute entspräche das der Bezirksliga. 1966 war das. Ein fraglos schönes Erlebnis. Mehr ins Gedächtnis eingebrannt hat sich als Spiel seines Lebens eine andere Partie.

Eine Cousine von Alois Ellers Ehefrau Ingrid lebte in der damaligen DDR in Thüringen. So kam der Kontakt zu einem Mitarbeiter der Betriebssportgemeinschaft Stahl Bad Salzungen zustande. Erlaubt war diesem das nicht. „Er hat es trotzdem gemacht“, sagt Eller über Michael Borken, der Bedarf an Tischtennis-Material hatte. „Ich sollte ihm die abgespielten Beläge zukommen lassen“, erzählt Eller.

Freundschaftsspiel mit Thüringer Betriebssportgemeinschaft

Dann kam die Wende und alles änderte sich. „Es hat mich emotional sehr bewegt, als 1989 die Grenzen aufgingen“, blickt Alois Eller zurück. „Endlich konnten sie reisen.“ Was sie, also die DDR-Bürger, auch taten. Am Wochenende nach dem Mauerfall richteten die Stadtallendorfer in der Herrenwaldhalle ein Turnier aus. „Da kamen zwei Männer auf mich zu“, erinnert sich Eller. „Einer sagte: Wir sind aus Bad Salzungen.“ Es war Michael Borken, den er noch nie zuvor gesehen hatte.

„Fünf Tage später waren die Bad Salzunger hier“, sagt Alois Eller. Die Betriebssportgemeinschaft aus Thüringen kam zu einem Freundschaftsspiel nach Stadtallendorf. Bad Salzungen spielte damals in der DDR-Oberliga, der höchsten Spielklasse. „Wie es ausgegangen ist, kann ich nicht mehr sagen“, gesteht Eller und fügt schmunzelnd hinzu: „Jedenfalls haben wir nicht gewonnen. Die waren einfach besser.“

Aber Sieg und Niederlage waren ohnehin nebensächlich. Es ging darum, sich kennen zulernen und auszutauschen. „Es waren zwei Welten, die aufeinander getroffen sind“, sagt Eller, „obwohl wir beim Sport die gleichen Gedanken hatten.“

Städtepartnerschaft mit Bad Salzungen scheiterte

Der Gegenbesuch ließ nicht lange auf sich warten. Im Januar 1990 überraschten 50 Stadtallendorfer, die einen Bus gechartert hatten, die Mannschaft aus Bad Salzungen beim Oberliga-Spiel gegen Cottbus. „Wir haben versucht, eine Städtepartnerschaft aufzubauen“, sagt Alois Eller, der als ehemaliger Stadtverordneter seine politischen Kontakte bemühte.

Das Projekt scheiterte allerdings, da Bad Salzungen bereits eine Städtepartnerschaft mit Bad Hersfeld eingegangen war. Stattdessen wurde Coswig in Sachsen zum Partner der Hessen und Eller nahm sich dieser Sache an. Auch hier sollten sich die Tischtennisabteilungen regelmäßig besuchen und gemeinsame Turniere austragen. „Das kam dann auch durch mein Mitwirken zustande“, sagt der 83-Jährige, der in Znaim im Sudetenland geboren wurde und nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 nach Hessen kam. Seit 1947 lebt er in Stadtallendorf, das damals noch Allendorf hieß.

Ein Kreuzbandriss beendet die Karriere als Fußballer Eller selbst war schon immer jemand, der gerne die Initiative ergriff. Nicht nur als Stadtverordneter in den 1970er-Jahren. Lieber noch als Jugendwart der Tischtennisabteilung. „Das fand ich wichtiger, da konnte man tatsächlich was bewegen“, sagt er.

Trotz Kreuzbandriss regelmäßig an der Platte

Verantwortung übernahm Alois Eller schon als Jugendlicher. 1951 war er Gründungsmitglied der Tischtennisabteilung vom damaligen SV Blau-Weiß Allendorf, der später im TSV Eintracht aufgehen sollte. „Wir fühlten uns nicht ernst genommen von den Erwachsenen“, erklärt Eller. „ Und irgendwie hat mich dieser Sport schon immer fasziniert, die anderen Kollegen waren auch an Tischtennis interessiert.“ So kam zum Fußball noch die Zelluloidkugel dazu, später musste er das Kicken aber aufgeben. Unfreiwillig. Ein Kreuzbandriss machte dem linken Verteidiger einen Strich durch die Rechnung.

Auch heute noch macht Eller das rechte Knie zu schaffen, wo das Kreuzband Ende der 1950er-Jahre gerissen war. Trotzdem steht er regelmäßig an der Platte. In der 2. Kreisklasse hat der defensiv ausgerichtete Konterspieler mit den Vorhandnoppen für die siebte Mannschaft von Stadtallendorf in dieser Saison sogar schon acht Einzelmatches gewonnen. Eigentlich habe er vor 30 Jahren schon aufhören wollen, verrät er. „Wenn man in meinem Alter noch spielt, muss man schon verrückt sein.“ Aber der Sport habe ihm sehr viel gegeben: „Man entwickelt Stehvermögen. Man lernt zu kämpfen und zu kämpfen, und das hält einen am
Leben.“

Das Spiel meines Lebens

Jeder, der Sport macht oder gemacht hat, kennt es: das Spiel seines Lebens. Da ist der Handball-Torwart, der mit fünf gehaltenen Siebenmetern zum Matchwinner wurde. Der Fußballer, der in der Nachspielzeit zum 1:0-Sieg gegen den großen Favoriten traf. Vielleicht aber auch: Der Leichtathlet, der den Krebs besiegt und sich nach einer Chemotherapie wieder durch seinen ersten Halbmarathon gekämpft hat. Die bittere Niederlage, die sich in den süßesten Sieg verwandelte, weil sich herausstellte, dass die Liebe des Lebens am Seitenrand stand.

Die OP möchte in der Serie „Das Spiel meines Lebens“ diese Geschichten und die Menschen hinter den Geschichten vorstellen. Anregungen nimmt die Sportredaktion per E-Mail an sportwelt@op-marburg.de entgegen. Auf Facebook finden Sie uns unter www.facebook.com/opsportwelt.

Eller, der als Groß- und Außenhandelskaufmann und später als Verwaltungsangestellter bei der Bundeswehr arbeitete, hat in fast 70 Jahren Tischtennis jede Menge erlebt. Neben den Erlebnissen rund um die Wende auch jede Menge Anekdoten. Da war 1994 das Spiel in Anzefahr. Mit fünf Autos und sechs Spielern reiste Stadtallendorf an. Fünf Autos reisten ab. „Nur der, der nicht mit dem Auto da war, stand hinterher noch in Anzefahr“, erzählt Eller.

Protesthandlung an der Theke

Oder da war in den 1960er-Jahren das Spiel in Heuchelheim, an einem Sonntag um 10 Uhr. Als keiner außer Eller zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt erschien, forschte er nach. Ergebnis: Vier Teamkollegen hatten am Vorabend bei einer Abiturfeier über die Stränge geschlagen. „Da war mir klar: Das kann nix werden.“

Wäre da nicht Mitspieler Willi Henkel gewesen, der das verkaterte Quartett rigoros aus den Betten klingelte und nach Heuchelheim verfrachtete. Dort angekommen ging Alois Eller erst einmal im Vereinsheim zur Theke. „Da habe ich mir zum allerersten und einzigen Mal vor einem Spiel ein Bier bestellt. Es war eine reine Protesthandlung.“ Tischtennis spielten die Stadtallendorfer auch noch, wobei man schon in der Hinrunde verloren hatte und sich im angeheiterten Zustand chancenlos wähnte. „Und dann gewinnen wir das Spiel auch noch“, erzählt Alois Eller und schlägt lachend die Hände über dem Kopf zusammen.

von Holger Schmidt